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Politisches Archiv des Auswärtigen Amts

Mitte Januar 2020 brach eine kleine Grup­pe fort­ge­schrit­tener Mas­ter-Stu­die­ren­der der Ori­en­tal­istik Bam­berg in den frü­hen Mor­gen­stun­den auf nach Berlin. Ziel war das Aus­wärti­ge Amt – den reprä­senta­tiven Glas­bau und den ge­schäf­tigen Pro­to­koll­hof des Minis­teri­ums ließ die Grup­pe aller­dings links liegen und wen­dete sich statt­des­sen einem eher un­auffäl­ligen Ne­ben­ein­gang zu.

Im Keller der ehe­mali­gen Reichsbank

In der Kur­straße 36, etwas ab­seits vom dip­loma­ti­schen Ta­ges­ge­schäft und Tru­bel, wird das Ge­dächtnis des Aus­wärti­gen Amts ver­wahrt. In Treso­ren der ehe­mali­gen Reichsbank lagern hier Ver­träge, Do­ku­men­te und Akten im be­trächtlichen Um­fang von 27 Regal­ki­lo­me­tern, von denen die meis­ten eine Zeit­span­ne von 1871 bis in die jüngs­te Ver­gan­gen­heit abde­cken.

Zu­nächst war die Ge­schichte von Archiv und Ge­bäude selbst von Inte­resse. Im Rah­men einer ein­stün­digen Füh­rung durch die unter­irdi­schen De­pots konn­ten wir u.a. wich­tige Do­ku­men­te der deut­schen und euro­päi­schen Ge­schichte im Origi­nal sehen und uns zur Ge­schichte der Be­stän­de sowie zu Ver­wah­rung, Digita­lisie­rung und Res­tau­rie­rung von Do­ku­men­ten aus­tau­schen.

Zeit für eigene Forschungsprojekte

Im zwei­ten Teil des Be­suchs stan­den dann die eige­nen For­schungsin­teres­sen im Vor­der­grund. Wir hat­ten be­reits im Vor­feld Kon­takt zum Archiv auf­ge­nom­men, und nach indivi­duel­ler Bera­tung vor Ort lagen nun Ak­ten­be­stän­de zur Ein­sicht für uns be­reit. Die meis­ten Stu­die­ren­den waren im Rah­men eines Hauptsemi­nars zum The­ma „Min­der­heiten und Iden­titäts­politik im os­mani­schen Reich und der Re­publik Tür­kei“ mit­ge­reist und hat­ten damit in Ver­bin­dung ste­hende For­schungsfra­gen im Ge­päck.

Das Spekt­rum reich­te dabei von den Aktivi­täten alba­ni­scher Intel­lektu­eller im aus­ge­hen­den 19. Jahr­hun­dert über mus­limi­sche Kriegs­flücht­linge aus den Bal­kan­staa­ten kurz vor dem Ersten Welt­krieg bis hin zu deut­schen Aus­stei­gern, die nach 1968 im Na­hen Osten reis­ten und oft­mals auch stran­de­ten.

Fundstücke und Dechiffrierungen

Zu­rück in Bam­berg berei­cher­ten die Er­geb­nisse und auch Her­aus­forde­run­gen der Ar­chiv­re­cher­chen dann unse­re Dis­kussi­onen im Semi­nar. Hier stan­den neben der Viel­falt des Mate­rials und dem Aus­tausch über die oft uner­war­teten Fund­stücke auch die Ent­zif­fe­rung der schwung­vol­len, im 19. Jahr­hun­dert übli­chen Kur­rent­schrift im Vor­der­grund. Für Stu­die­ren­de, die den Um­gang mit arabi­schen und os­mani­schen Hand­schrif­ten ge­wöhnt sind, war das eine neue Erfah­rung, bei der sie aber auf Stra­tegien aus dem Ori­enta­listik­studi­um durchaus zu­rück­grei­fen konn­ten.

Text: Elitestudiengang „Kulturwissenschaften des Vorderen Orients“