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Der Chamä­le­on-Effekt

Dass geis­tes­wis­sen­schaftli­che Ar­beit auch aus überschwängli­chen Ver­knüpfun­gen dis­para­ter Ge­gen­stände be­ste­hen kann, be­wies Mi­cha­el Taussig in ei­nem ful­mi­nan­ten Fest­vor­trag im Rahmen des In­ter­nati­ona­len Dokto­ran­den­kol­legs „MIMESIS“ an der LMU München.

Taussig stellt seine „Chameleon World“ vor


Wie sich die Konfron­tati­on von un­ter­schiedli­chen Wis­sensfor­men weit ab von Feldfor­schung kon­kre­ti­siert, zeig­te Mi­cha­el Taussig in sei­nem Festvor­trag am 12. Juni 2018 an der LMU München. Der Pro­fes­sor für Anthro­po­logie der New Yorker Co­lum­bia Uni­ver­sity sprach lei­den­schaftlich über seine Fas­zina­tion für den ein­dringli­chen Sound des „Eselsschreis“. Nicht nur imi­tier­te und in­ter­pre­tier­te Taussig die­sen eher un­ge­wöhnli­chen Un­ter­su­chungsgegen­stand; er knüpfte auch ein dichtes Netz aus Ana­lo­gien und Ähnlich­kei­ten und stell­te auf die­se Wei­se un­ge­wöhnli­che und überra­schende Ver­bin­dungen her.

In einer per­for­ma­tiven Vor­trag­spraxis führ­te Taussig in sein Ver­ständnis einer „Cha­meleon World“ ein: Für ihn scheint alles mit al­lem über mi­me­ti­sche Ver­ket­tun­gen zu­sammenzu­hän­gen. Der­art stell­te es für Mi­cha­el Taussig kei­ne Schwie­rig­keit dar, von der Imi­tati­on des Eselsschreis aus­ge­hend auf den Palmölanbau im ländlichen Ko­lum­bien und die chamä­le­on­arti­ge Ca­mouflage von Pa­ra­mili­tärs zu sprechen zu kommen, die sich an die­sem pet­ro­chemi­schen Schmiermit­tel un­serer Ge­genwart be­rei­chern.

Der große Zusammenhang durch mimetische Verkettung


Mit der Freude eines von sei­nen Ge­gen­ständen fas­zi­nier­ten Wis­sen­schaftlers in­sis­tier­te Taussig auf eben je­ner, die „Cha­meleon World“ durchziehen­den Ma­gie der gro­ßen Zu­sammenhän­ge zwi­schen mi­me­ti­schen Prakti­ken, Sprache, Bil­dern und Poli­tik. Me­tho­disch be­zieht sich er da­bei auf Wal­ter Ben­ja­mins Be­griff des Denkbilds, einer Trickster-Fi­gur, de­ren inhä­ren­ter Sprach­magie er sich ver­schrieben hat. Ge­rade das fas­zi­nier­te Festhal­ten an kindli­cher Imi­tati­on und „schamani­scher“ Sprach­magie be­gründet Taussigs Ruf als streitba­ren und in­no­vati­ven Wis­sen­schaftler.

Die­se durch Geistes­blit­ze und spie­leri­sche Ver­ge­genwär­ti­gung ge­prägte Lust am Nach­den­ken setz­te Mi­cha­el Taussig am da­rauf­fol­gen­den Tag in einer Mas­ter­class mit Dokto­ran­din­nen und Dokto­ran­den des In­ter­nati­ona­len Dokto­ran­den­kol­legs „MIMESIS“ fort, ohne je­doch alle Skeptiker von sei­ner an De­leu­ze und Gua­ttari an­knüpfen­den „As­sembla­ge“-Me­tho­de zu überzeu­gen.

Text: Christian Hartwig Steinau, Internationales Doktorandenkolleg „MIMESIS“