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   Internationale Nachwuchsforschergruppen

Flexible Schreiber in der Sprachgeschichte

Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Brief der Patientin Balbina H. an ihre Tochter Anna (1909). Archiv des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren, Akte 1996.[Bildunterschrift / Subline]: Brief der Patientin Balbina H. an ihre Tochter Anna (1909). Archiv des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren, Akte 1996.

Internationale Nachwuchsforschergruppe in den Geisteswissenschaften


Leitung: Dr. Markus Schiegg


Kontakt: markus.schiegg@fau.de



Projektdauer: 5 Jahre


Angliederung an das Programm des Elitenetzwerks Bayern:

Elitestudiengang „Ethik der Textkulturen“


Kooperationsbeziehungen:

  • Universität Salzburg, Fachbereich Germanistik, Stephan Elspaß
  • Universität Flensburg, Institut für Sprache, Literatur und Medien, Nils Langer
  • Université de Lausanne, Anglistische Linguistik, Anita Auer
  • University of Wisconsin, Department of German, Joseph Salmons
  • Trinity College Dublin, Arts and Humanities Research Institute, Deborah Thorpe
  • Department of Neurology, Leeds General Infirmary, Jane Alty
  • Universität Innsbruck, Institut für Germanistik, Konstantin Niehaus
  • Universität Regensburg, Lehrstuhl für Deutsche Sprachwissenschaft, Paul Rössler
  • Universität Augsburg, Lehrstuhl für Deutsche Sprachwissenschaft, Péter Maitz, Werner König
  • Bezirkskrankenhaus Kaufbeuren, Albert Putzhammer


Wir variieren ständig bei der Verwendung von Sprache. Dabei passen wir uns unterschiedlichen Situationen und Gesprächspartnern an, setzen Sprache gezielt ein, um bestimmte Emotionen und auch Handlungen zu evozieren, verändern – bewusst oder unbewusst – Wortschatz und Grammatik je nach aktueller Stimmung, und zudem wandelt sich auch unser Sprachgebrauch im Laufe der Jahre. Die Nachwuchsforschergruppe Flexible Schreiber in der Sprachgeschichte überträgt die Beobachtungen der modernen Soziolinguistik zur internen sprachlichen Variabilität in die Sprachgeschichte und stellt sich die Frage, ob auch historische Schreiberinnen und Schreiber sprachliche Flexibilität zeigten. Inwiefern passten sich diese also den erforderlichen schriftsprachlichen Normen unterschiedlicher Textsorten und Verschriftungssituationen an? Waren sie sich dieser Anpassungen bewusst und darüber hinaus auch in der Lage, aktiv ihre Sprachwahl zu steuern? Der Fokus soll hierbei weniger auf privilegierten und höher gebildeten Personen liegen denn auf dem Großteil der Bevölkerung, also "einfachen Schreibern" mit geringerer Schulbildung und bäuerlichen sowie handwerklichen Berufen.

Als Datengrundlage dienen hauptsächlich Briefe und weitere persönliche Dokumente von ehemaligen Patientinnen und Patienten psychiatrischer Anstalten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. In diesen Institutionen, die im Zuge der Institutionalisierung der Psychiatrie im 19. Jahrhundert in großer Anzahl in den deutschen Ländern entstanden sind, herrschte die Praxis, bestimmte Briefe nicht abzuschicken, sondern den Patientenakten beizulegen, wo diese seitdem meist unbeachtet schlummern. Im Forschungsprojekt widmen wir uns diesen Briefen aus interdisziplinärer Perspektive und erstellen zunächst ein elektronisches und frei zugängliches Briefkorpus mit Material aus Süddeutschland (psychiatrische Anstalt Irsee/Kaufbeuren), Norddeutschland und Großbritannien (siehe http://copadocs.de). Dieses untersuchen wir anschließend hinsichtlich der Hypothese, dass auch "einfache Schreiber" sich bewusst für den Einsatz unterschiedlicher sprachlicher Register und damit auch unterschiedlicher (Bündel von) Varianten entscheiden konnten.

Das Forschungsprojekt entwickelt dabei Methoden zur Kombination funktionaler mit strukturellen Herangehensweisen an sprachliche Variation und schließt an eine integrative Theoriebildung in der Variationsforschung an. Die Spezifik dieses Korpus erlaubt es darüber hinaus, den Einfluss von Alter und/oder Krankheiten auf den Sprachgebrauch zu analysieren und leistet dabei Pionierarbeit im Bereich einer historischen Patholinguistik. Ethische Relevanz erhält das Projekt durch die Untersuchung von Textbewertungen, der Zensurpraxis und der Legitimation von Wissen und Macht – schließlich ergreifen die Patienten mit ihren Erfahrungen im psychiatrischen Kontext nun selbst das Wort, welches ihnen damals verwehrt wurde.


Kontakt
Dr. Markus Schiegg
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Lehrstuhl für Germanistische Sprachwissenschaft
Bismarckstraße 1B
D - 91054 Erlangen

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  • Bayerisches Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst
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  • seit 1. September 2017