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Aktuelles aus dem Max Weber-Programm

Praxisakademie: Baut eure autonomen Autos doch einfach selbst!

Warum Stipendiat/-innen häufiger Praxisakademien besuchen sollten und die Praxis so unheimlich praktisch ist – das weiß Lisa Gotzian von der Praxisakademie in Roggenburg zu berichten. Die Akademie fand vom 14. bis 21. September 2018 statt.

Man lasse 90 Stipendiat/-innen eine Woche mit Praxispartnern arbeiten, gebe ihnen genügend Freizeit für gemeinsame Jam Sessions, Kartenspiele oder Acro-Yoga und schaue, was passiert. Nach einer Woche in Roggenburg fahren autonome Autos durch das Bildungszentrum, stehen Vorschläge für smarte Termingestaltung auf der Beamer-Leinwand und existiert ein Soundsystem aus Schlagzeug, Gitarre, Klavier und per App gesteuertem Synthesizer. Die Gruppe scheint zwar unausgeschlafen, doch sehr zufrieden mit ihrem Ergebnis. Der Eindruck: Eigentlich könnte das hier mindestens noch eine Woche so weiter gehen oder „man macht am besten gleich ein Internat auf“. Das ist so ziemlich der einzige Nachteil einer Praxisakademie: Sie ist einwöchig.

Knapp 90 Menschen waren Ende September im Kloster Roggenburg in Nordbayern, um in sieben Arbeitsgruppen über Themen wie autonomes Fahren, das filmreife Leben eines Steuerfahnders oder Stressabbau im Alltag zu diskutieren. Was anfangs durch theoretische Impulse eingeführt wurde, wird schnell konkret umgesetzt: Wer während der AG-Sitzungen auf den Gang trat, kann leicht einem selbstfahrenden Auto oder einer meditierenden Gruppe begegnen. Besonders praktisch im doppelten Sinne: Experten aus der Praxis planen die AGs. Zwei Gesundheitscoaches begleiteten „Die Ressource Gesundheit“, die Strategieberatung McKinsey leitete die Gruppe zum Thema autonomen Fahren und der Steuerfahnder war tatsächlich vor Ort. Die abgedeckten Themen haben alle etwas gemeinsam: Sie sind vielseitig – und handlungsorientiert. Sie setzen sich zusammen aus:

AG 1: Die mobil-Interessierten, die das Thema Mobilität im Job mit innovativen Projektideen bearbeitet, sich eine smarte Fahrrad-Lösung für den Standort überlegt oder einen intelligenten Terminkalender entworfen haben.

AG 2: Die Gruppe, die mit einer Strategieberatung tatsächlich eigene Software für selbstfahrende Autos entwickelt hat

AG 3: Die Netflix-Gruppe, die entgegen der Munkeleien, sie würden nur Serien schauen, auch mal einen Film geschaut hat und mit dem beeindruckendsten Beitrag aller beim bunten Abend geglänzt haben: einer synchronisierte Folge der Serie House of Cards, gefüllt mit Anekdoten der Akademie

AG 4: Die Steuerfahnder – der einzige Kurs, bei dem die Dozenten klarstellen mussten, dass der Sinn und Zweck nicht die Umgehung von Steuerhürden sei und nicht der Ausbildung krimineller Absichten diene

AG 5: Die Mathematiker, die mathematische Sachverhalte anschaulich für den Rest der Menschheit erklären. Dank des jungen Teams und der flachen Hierarchien begannen alle ihre Sessions zur Freude aller mit lauten Energizern (es soll schließlich keiner sagen, sie wären nicht energized gewesen!)

AG 6: Die Bilddeuter, die aus pädagogisch-wertvoller Sicht Kinderbilder analysiert haben

AG 7: Die gesunde Gruppe, die eigentlich die gesamte Woche durchgehend Stress abgebaut hat und nur eine Frage offen ließ: Was genau hat diese Gruppe eigentlich den ganzen Tag im Kräutergarten veranstaltet?

Wenn ein designierter Jazzgitarrist die Leitung der Akademie übernimmt und einen Dozenten einlädt, der gleich sein gesamtes Schlagzeug im Gepäck hat, ist ein reiches Freizeitprogramm vorprogrammiert. Das oben beschriebene Soundsystem war schnell gegründet und die Abende zeichneten sich allgemein durch viele Improvisations-Sessions am Klavier aus. Wenn gerade nicht am Klavier improvisiert wurde, improvisierte das Improvisationstheater, wer morgens einen Blick in den Meditionsraum warf, sah dort 20 Gesichter auf ihren Atem hörend und wer sich nachts nach draußen wagte, konnte einer Wanderung von vielen Stern-Interessierten folgen, die über Sternkonstellationen und Galaxien fachsimpelten. Und: Es wäre keine Akademie mit Stipendiat/-innen, wenn der nahgelegene See bei einer Wanderung nicht umgehend als Weiher durch einen Biologen entlarvt wurde und es einen akademisch hochwertigen Vortrag eines echten Bierbrauers gegeben hätte.

Mein Resümee: Eine Praxisakademie schafft einen Rahmen für eine produktive Zusammenarbeit und lässt gleichzeitig die vielseitigsten Interessen zu. Sie gibt die Möglichkeit, etwas Handfestes zu erschaffen und erlaubt einfach mal, das eigene autonome Auto zu bauen. Sie ist der Raum für Kreativität – aber auch für ein offenes Miteinander. Ich werde nie vergessen, wie ein Dozent mir jedes Mal „Hallelujah“ zusang, sobald wir uns im Flur begegnet sind, um am nächsten Tag gemeinsam am selbstfahrenden Auto weiterzuarbeiten. Das Arbeiten daran wurde eigentlich nur durch Eines gestört: Durch den Freitag, an dem wir Roggenburg verlassen mussten.

Text: Lisa Gotzian, Management, Universität Lüneburg, Studienstiftung des deutschen Volkes
Foto: Birgit Feddern, Max Weber-Team

 

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