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Aktuelles aus dem Max Weber-Programm

Max Weber-Stipendiat Gregor Sturm berichtet über seinen Auslandsaufenthalt in Norwegen

Neun Monate verbrachte Max Weber-Stipendiat Gregor Sturm in Trondheim. Neben seinen Erfahrung an der Norges teknisk-naturvitenskapelige universitet, berichtet er, wie er im Laufe seines Aufenthaltes das Land besser kennengelernt hat und zeigt Ausschnitte aus seinen Reisen durch die Landschaft Norwegens.

Sonnenaufgang auf dem Snøhetta (Dovrefjell)

Blick von der Bymarka nach Trondheim

Alte Lagerhäuser im Bakklandet-Viertel

Hauptgebäude der NTNU

Hüttendorf in Trollheimen

Rentier in freier Wildbahn

Geweih des frisch erlegten Rentiers

Nordlichter

Skålatårnet, eine Selbstversorgerhütte auf dem Gipfel

Skitour in Sunnmøre

 „Ich bin der erste Ankömmling in meiner WG im Studentenwohnheim Moholt. Meine Mitbewohner werden erst im Laufe der Woche ankommen. Die Wohnung ist kahl und leer. Ich bin allein und kenne noch niemanden in Trondheim – ein komisches Gefühl.

Am nächsten Tag ist schönstes Wetter. Einige andere frisch angekommene Austauschstudenten sind motiviert, mit mir die Bymarka („Stadtwald“) zu erkunden. Das sind bewaldetet Hügel rund um Trondheim, die zu ausgiebigen Wanderungen einladen. Von dort hat man einen wunderbaren Blick über die Stadt. Nach der Wanderung grillen und baden wir an einem See. Wie es sich gehört, gibt es original Norwegische Pølse, eine Art vorgekochter, nicht besonders schmackhafter Wiener.

Die darauffolgende Woche heißt uns das International Office der NTNU auf vorbildliche Art und Weise willkommen. Volle sieben Tage Einführungsprogramm wurden für die Austauschstudenten organisiert. Während man Trondheim erkundet, weitere Wanderungen unternimmt, sich beim Sackhüpfen mit Studenten aus aller Welt misst oder mit Kanus durch die Altstadt paddelt (und dabei ins Wasser fällt) lernt man eine ganze Menge neuer Leute kennen.

Studium

Die Norges teknisk-naturvitenskapelige universitet (NTNU) ist (natürlich) die beste Universität in ganz Norwegen … ach was, der Welt! Außerdem hat sie, anders als die beiden anderen großen Universitäten in Oslo und Bergen als einzige Universität das Wort „Norwegen“ im Namen, worauf man hier sehr stolz ist.

Auf jeden Fall bietet die NTNU einen modernen, gut ausgestatteten Campus, auf dem eine angenehme Lernatmosphäre herrscht. In den Vorlesungen wird im Vergleich zu Deutschland mehr Wert auf eigenverantwortliches Lernen gelegt. Auch umfangreiche Vorlesungen finden nur einmal in der Woche statt. Dafür wird erwartet, sich zusätzliche Informationen anhand eines Literaturplans selbst zu erarbeiten. Mastervorlesungen werden grundsätzlich auf Englisch gehalten und ich konnte mir meinen Stundenplan aus den Bioinformatik-Masterkursen und weiteren Veranstaltungen des Computer Science Departments zusammenstellen.

Bemerkenswert ist der norwegische Prüfungsmodus. Anders als in München werden Klausuren grundsätzlich anonym ausgefüllt. Zu Beginn der Prüfung bekommt man eine Candidate Number zugewiesen, die man anstatt des Namens aufs Blatt schreibt. Die Prüfungsaufsicht wird von überaus freundlichen norwegischen Rentnern durchgeführt, damit die Anonymisierung gewährleistet bleibt. Die Prüfungen finden über einen Zeitraum von drei Wochen im großen Maßstab parallel statt. Die Uni mietet hierfür das Sportzentrum in Trondheim an, das temporär in ein Prüfungszentrum umgewandelt wird. Die Prüfungen sind zwar sehr umfangreich, sind aber durch volle vier Stunden Bearbeitungszeit so konzipiert, dass man niemals unter Zeitdruck steht.

Im November bot sich mir die Möglichkeit, meinen Aufenthalt zu verlängern und die drei Monate bis zum Beginn des deutschen Sommersemesters für meine Bachelorarbeit zu nutzen. Am Bioinformatik-Institut des Uni-Klinikums beschäftigte ich mich mit der Sequenzanalyse von microRNAs. Das Institut betreibt Forschung hauptsächlich im Bereich Epigenetik und ist darüber hinaus als Dienstleister für das Klinikum und die norwegische Biobank HUNT tätig.

Norwegen und Norweger

Norweger sind direkt, pragmatisch und scheu – was sie in meinen Augen zu sehr sympathischen Menschen macht. Um mit ihnen in Kontakt zu treten, muss man selbst die Initiative ergreifen und das Eis brechen. Hervorragende Möglichkeiten dafür sind, sich ehrenamtlich in einer der vielen Studentenorganisationen zu engagieren oder einem Sportverein beizutreten.

In Trondheim hat man das Glück, mit dem NTNUI den größten Sportverein Norwegens vor Ort zu haben. Dieser bietet, neben den Klassikern wie Fußball und Badminton, auch kreative Sportarten wie Quidditch oder Unterwasserrugby. Selbstverständlich bin ich dem Quidditchteam beigetreten und habe sogar für den Verein bei den europäischen Meisterschaften in Oxford gespielt.

Outdooraktivitäten sind eine weitere Möglichkeit Norweger kennen zu lernen. Denn schließlich ist es typisk norsk (typisch norwegisch), sich draußen in der Natur zu bewegen. Es gilt: Ut på tur, aldri sur („Draußen unterwegs ist man niemals schlecht gelaunt“). Das Wetter ist dabei völlig egal. Ein vielzitiertes norwegisches Sprichwort lautet Ikke dårlig vær, bare dårlig klær („Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung“) – für irgendwas muss die teure GoreTex Jacke ja schließlich herhalten.

Eine zentrale Rolle dabei spielen auch die Hytter (Hütten). Fast jede zweite norwegische Familie besitzt eine Hütte an einem eher mehr als weniger abgelegenen Ort. Es ist nicht ungewöhnlich, am Wochenende mehrere Stunden Autofahrt auf sich zu nehmen um dann irgendwo in der Wildnis Holz zu hacken, zu angeln oder in liebevoller Handarbeit an der Hütte herumzuschreinern.

Praktischerweise gehören dem NTNUI zahlreiche Hütten in der näheren Umgebung von Trondheim, die allesamt von freiwilligen Studenten unterhalten werden, so dass man auch als Austauschstudent in diesen Genuss kommt. Teilweise wurden sie sogar von den Studenten selbst gebaut. Die Hütten gibt es in den verschiedensten Formen und Ausprägungen und reichen von Erdhöhlen mit Ofen bis hin zum Haus am See mit Sauna.

Dovrefjell

Eine der schönsten und erlebnisreichsten Touren war die Durchquerung des Dovrefjell-Nationalparks. Die Tour beginnt sehr chaotisch. Der Zug am Freitagmorgen ist überfüllt und nimmt uns nicht mit. Der Zug am Freitagnachmittag ebenfalls. Nach einigem Verhandeln mit dem Schaffner dürfen wir aber in der Kinderspielecke mitfahren. Auf viel zu kleine Bänke gezwängt zieht die Herbstlandschaft an uns vorbei. Gegen Abend erreichen wir unseren Zielbahnhof.

Fünf Stunden marschieren wir zu unserer ersten Hütte. Es ist Nacht, doch das Licht des Vollmondes in der sternenklaren Nacht ist so hell, dass wir unsere Stirnlampen nicht benötigen. Hinter der Bergkette pulsieren grüne Nordlichter und erzeugen eine ganz besondere Atmosphäre.

Gegen elf Uhr erreichen wir die Hütte. Es schlafen bereits einige Leute im Lager, deshalb bereiten wir unser Abendessen draußen zu. Während es auf dem Gaskocher brutzelt, leuchten die verbleibenden Schneefelder des Snøhetta-Gletschers im Mondlicht. Wir sind uns schnell einig – diese Nacht ist zu schön um sie in einer Hütte zu verschlafen. Kurz darauf sind wir wieder unterwegs.

Weitere vier Stunden marschieren wir durch die Nacht. Wir erreichen den Gipfel. Es ist noch dunkel, in nordöstlicher Richtung lässt sich jedoch schon ein schwacher Schimmer der aufgehenden Sonne erahnen. Wir wickeln und in unsere Schlafsäcke ein, kochen Kaffee und warten.

Der Sonnenaufgang ist einfach atemberaubend. Die Snøhetta ist der höchste Gipfel im ganzen Nationalpark, sodass wir eine gigantische Fernsicht haben. Vereinzelte Wolken ziehen wie Wattebäusche die Bergrücken entlang, um sich dann aufzulösen. Durch die Sonne wird es schnell wärmer und wir steigen wieder ab zur Hütte um uns dort auszuruhen.

Nach einer kurzen Überführungsetappe erreichen wir gegen Abend die nächste Hütte, die ungemein gemütlich eingerichtet ist. Als wir die Küche betreten, steigt uns ein verführerischer Geruch in die Nase: Eine Gruppe Norwegerinnen ist gerade im Gange, ein ziemlich dekadentes Menü zuzubereiten. Es gibt Rentiersteaks mit Kartoffelpüree, Pilzen, Speck, Rotwein und eine Nachspeise aus karamellisierten Äpfeln. Etwas beschämt kippen wir unsere Fertignudeln in einen Topf.

Dann beim Abendessen, die große Neuigkeit: Ein Jäger sei gerade zur Hütte zurückgekehrt und habe ein Rentier geschossen. Alle Hüttengäste begeben sich nach draußen um das Geweih zu bewundern – ein wahres Prachtexemplar. Es kommt noch besser: Er leide unter Knieproblemen und könne das Fleisch nicht selbst nach Hause tragen. Alle Hüttengäste dürften sich ein Stück aussuchen und mit nach Hause nehmen. Die drei Kilo zusätzlich im Rucksack sind zwar deutlich spürbar, aber war tut man nicht alles für gutes Essen!

Den Abend verbringen wir am Lagerfeuer. Der Jäger grillt einige Streifen jagdfrisches Rentierfleisch, das mit Salz und Pfeffer gewürzt ein einmaliges Geschmackserlebnis abgibt. Die Norweger unterhalten sich über Dialekte, kommen aber nicht überein, wie man „Trondheim“ jetzt tatsächlich auszusprechen habe. Gegen Mitternacht ist allgemeine Bettruhe und wir verkriechen uns im Lager.

Der nächste Tag führt uns bei anhaltend schönem Wetter durch eine wunderbare Mondlandschaft zu einer weiteren Hütte, von der aus wir den Rückweg nach Trondheim antreten.

Winter

Es ist Winter geworden. Die Tage sind jetzt extrem kurz. Gegen Mittag stellt man sich die Frage, ob es immer noch oder schon wieder dämmert. Die Sonne taucht nur für wenige Stunden ganz knapp hinter den Hügeln auf. Dafür hat es jetzt Schnee – und Schnee bedeutet Skifahren! Rund um Trondheim erstreckt sich ein wahres Paradies an Langlaufloipen. Auf unzähligen Kilometern kann man durch die verschneite Landschaft gleiten. Von der Dunkelheit lassen sich die Norweger nur wenig beeindrucken. Einige der Loipen haben eine komplette Flutlichtausleuchtung.

Langrenn (Langlauf) hat einen unglaublichen Stellenwert in der norwegischen Gesellschaft. Langlaufrennen werden mit ähnlichem Interesse verfolgt, wie bei uns die Fußballweltmeisterschaft. So kann es durchaus vorkommen, dass während der Vorlesung auf der einen Leinwand des Hörsaals die Live-Übertragung der Damen-Stafette läuft, während auf der anderen ungestört über Geophysik doziert wird. Ein anderes Mal mussten wir eine Skitour vorzeitig abbrechen und in ein nahegelegenes Skigebiet fahren, um dort im Restaurant das Ende des 50 km Rennens anzuschauen. Das Restaurant war gut gefüllt; die Piste dafür wie leer gefegt. Erwartungsgemäß wurde das Rennen vom norwegischen Favoriten gewonnen. Man munkelt sogar, das norwegische Team gebe Wachs-Tipps an andere Nationen, um auch in Zukunft noch ernst zu nehmende Gegner zu haben.

Abschied

Es ist Ende März. Mein Aufenthalt neigt sich dem Ende zu. Den Entwurf meiner Bachelorarbeit habe ich abgegeben. Zusammen mit ein paar Studenten aus der Schweiz und Frankreich, die ich inzwischen zu meinen besten Freunden zähle, unternehme ich noch eine letzte größere Ausfahrt: Eine Woche Skitouren in Sunnmøre. Uns erwarten perfekte Bedingungen: Pulverschnee, herrliche Aussichten über die Fjorde und schon wieder angenehm viel Sonnenlicht. Die Nächte verbringen wir auf Selbstversorgerhütten, auf denen wir natürlich eine Menge Norweger treffen, die ebenfalls ut på tur sind. Ein gelungener Abschluss für ein erlebnisreiches Auslandssemester.

Wie entspannt das alltägliche Leben in Norwegen ist, bemerke ich erst wirklich, als ich wieder in München bin. Bereits am Flughafen sehe ich mich wieder von Grantlern umringt („Jetzt zahlt der Depp sei Leberkassemml mit d Kreditkartn“) – wie sehr habe ich sie doch vermisst … Genüsslich beiße ich in die Leberkässemmel – denn die hat mir die vergangenen Monate wirklich etwas gefehlt.“

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