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Aktuelles aus dem Max Weber-Programm

Kurztagung: Keep calm and recycle!

Am Wochenende vom 12. bis 14. Mai 2017 fand die Kurztagung „Keep calm and recycle!“ zum Themenkomplex Nachhaltigkeit in Würzburg statt. Dabei kamen 32 Stipendiatinnen und Stipendiaten des Max Weber-Programm Bayerns und der Studienstiftung des deutschen Volkes zusammen, um gemeinsam das Konzept der Nachhaltigkeit aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten. Im Mittelpunkt der Tagung standen die Fragen, was jeder Einzelne im Hinblick auf nachhaltiges Handeln bewirken kann, welchen Beitrag die Technik leisten kann und wie Hürden in der politischen Entscheidungsfindung überwunden werden können.

Inhalt der Tagung

In den letzten Jahren ist der Begriff „Nachhaltigkeit“ in Mode gekommen und wird nun immer häufiger, zum Beispiel im Zusammenhang mit Werbung, benutzt. Durch die Verwendung unklarer Begrifflichkeiten läuft er aber Gefahr, nur ein nachhaltiges Image vorzutäuschen. Denn was genau bedeuten zum Beispiel „existenzsichernde Löhne“, „faire Arbeitsbedingungen“ oder auch nur „umweltschonend“? Das Gebiet der Nachhaltigkeit ist sehr vielschichtig und umfasst viele Bereiche wie beispielsweise ökonomische, ökologische und soziale Komponenten. Um also der Komplexität des Begriffs „Nachhaltigkeit“ gerecht zu werden, begaben sich die Teilnehmer während des Wochenendes in tiefgreifenden Austausch über die Ziele von und Anforderungen an nachhaltige Projekte.

Konsumkritischer Stadtrundgang und Vortrag „Keine Zeit für Nachhaltigkeit“

Den Auftakt des Wochenendes bildete ein konsumkritischer Stadtrundgang des Würzburger Weltladens (http://www.weltladen-wuerzburg.de/). An verschiedenen Stationen in der Stadt diskutierten die Teilnehmer unter anderem über nachhaltige Geldanlagen, den Zusammenhang zwischen Smartphones und dem Bürgerkrieg im Kongo sowie faire Geschäftsmethoden in der Textilindustrie. Außerdem gab es gleich ein paar Tipps für den Alltag und das Konsumverhalten: So kann man zum Beispiel sein Geld bei nachhaltigen Banken wie der GLS Bank, der Ethikbank, der Triodos Bank oder der Umweltbank anlegen, seine Kosmetik einfach selbst herstellen und sich bei der Wahl des nächsten Smartphones ein reparierbares Shiftphone oder Fairphone zulegen.

Am Abend folgte der Einstiegsvortrag „Keine Zeit für Nachhaltigkeit“ von Prof. Dr. Michael Suda, Leiter des Lehrstuhls für Wald- und Umweltpolitik an der TUM. Prof. Suda erläuterte dabei anhand ausgewählter Szenen aus „Simpsons – der Film“ eine Theorie des Politikwissenschaftlers John W. Kingdon und zeigte so auf, wie Lösungen für Probleme (hier am Beispiel der Umweltverschmutzung) trotz permanentem Zeitmangel der politischen Akteure umgesetzt werden können.

Workshops „Energie“ und „Impact Evolution“

Am Samstag dann starteten die beiden Workshops, in denen sich die Stipendiaten an detaillierten Diskussionen zu den Themengebieten „Energie“ und „Impact Evaluation“ beteiligten.

Der Workshop Energie wurde von Herrn Dr. Karsten Müller, Arbeitsgruppenleiter am Lehrstuhl für Thermische Verfahrenstechnik der FAU Erlangen-Nürnberg, geleitet. Diese Gruppe beschäftigte sich umfassend mit nachhaltigen Energiesystemen.

Dazu wurden zunächst allgemeine Rahmenbedingungen eines nachhaltigen Systems festgelegt. Als wichtiger Aspekt neben Kriterien wie Regenerierbarkeit und einem geringen Einfluss auf die Umwelt identifizierten die Teilnehmer die gesellschaftliche Akzeptanz. Wichtig ist zudem auch eine nachhaltige Ausrichtung des Systems über die Bandbreite mehrerer Sektoren (ökologisch, ökonomisch, sozial), anstatt eine Verlagerung des Problems in einen anderen Bereich anzustreben. Ferner wurde die Frage aufgeworfen, ob es überhaupt wirklich nachhaltige Energiesysteme gibt und wie man sich an einen Ideal-Zustand annähern kann. Dabei wurde die Pareto Verbesserung vorgestellt: Bei diesem Prinzip konkurrieren die möglichen, optimalen Lösungen bezüglich eines Kriteriums miteinander. Das bedeutet, dass wenn man ein Kriterium (z.B. CO2-Ausstoß) optimiert, man dadurch aus dem optimalen Bereich eines anderen Kriteriums (z.B. Wirtschaftlichkeit) herauskommt. Daher muss am Ende ethisch/moralisch entschieden werden, welche Kriterien wichtiger sind und bei welchem Kompromiss sich die umsetzbare Lösung befindet. Diese Gedankenspiele wurden durch Diskussionen an verschiedenen Stationen erweitert und regten dazu an, sich weitergehender Zusammenhänge bewusst zu werden. Das Konzept bestand darin, dass provokante Thesen (z.B.: „Ohne Erneuerbare Energien würde in der Ostukraine Frieden herrschen“) an Stationen ausgelegt wurden und die Teilnehmer in immer unterschiedlichen Konstellationen darüber debattierten. Abgerundet wurde der Workshop durch Diskussionen darüber, welchen Einfluss neuartige Technologien wie Erneuerbare Energien auf verschiedene Volkswirtschaften haben können und wie sie den wirtschaftlichen Aufbau von weniger weit entwickelten Staaten beeinflussen.

Durch den ausgeprägten Wissensstand aller Teilnehmer entstanden tiefgehende und lebhafte Diskussionen. Den einzelnen Stipendiaten verschiedenster Fachrichtungen wurde ermöglicht, den eigenen Blickwinkel um neue Perspektiven auf den Themenbereich Energie zu erweitern.

Im Workshop Impact Evaluation, geleitet von den MWP-Stipendiaten und -Alumni Julia Magdalena Schmidt, Maximilian Held und Dominik Peller, wurde der Fokus auf die Konzeption von Projekten zur Lösung bestimmter Probleme wie beispielsweise Lebensmittelverschwendung, Bildungsungleichheit oder Biodiversität gelegt.

Als Einleitung wurden die Ziele und Lösungsansätze der UN-Klimakonferenz in Paris 2015 beleuchtet. Weiterhin wurde der Technologie-Pionier Elon Musk und dessen Herangehensweise zur Umsetzung gewagter Projekte wie Tesla und SpaceX analysiert. Danach bildeten die Teilnehmer in einer Diskussionsrunde die Perspektiven und das Zusammenspiel verschiedener Akteure ab und versetzten sich so in die verschiedenen Ansichten der Politik, der Wirtschaft, der Wissenschaft sowie eines Individuums. Diese Überlegungen und Diskussionen bildeten die Grundlage für die anschließende Verfolgung des Hauptziels des Workshops: Die Teilnehmer fanden sich in Zweiergruppen zusammen und entwickelten Konzeptideen zur Lösung der verschiedenen vorher zusammengestellten Problemfelder. Diese Konzepterstellung nahm den Großteil des Samstagnachmittags ein und ließ ausgereifte Projektideen entstehen. Die ausgearbeiteten Entwürfe stellten die Teilnehmer anschließend im Workshop vor. Ein Projekt, das bei vielen Teilnehmern großen Anklang fand, war der Entwurf einer Online-Datenbank, die aufbereitetes Lernmaterial in geordneten Themenbereichen wie grundlegende Mathematik, Technik und Ökonomie zur Verfügung stellt. Intention dieser Idee ist, den Zugang zu Bildung für Menschen auf allen Kontinenten und Bildungsniveaus zu erleichtern. Der Fokus wurde darauf gelegt, bereits frei zugängliches, qualitativ hochwertiges Lernmaterial in leicht verständlicher visueller Form so zu strukturieren, dass auch Menschen mit limitierten Vorkenntnissen die Chance erhalten, die verschiedenen Lerneinheiten anhand ihres eigenen Wissensstandes auszuwählen und miteinander in Kontext zu setzen. Da die Datenbank online zur Verfügung gestellt werden sollte wurde auch darüber diskutiert, wie möglichst vielen Menschen der Zugang zum Internet erleichtert werden kann.

Vortrag „Energietechnik“ und Projekt „Weltfairsteher“

Im Anschluss an die Workshops ging Herr Dr. Müller in einem Vortrag auf die Anforderungen an die Energietechnik in einem System mit Erneuerbaren Energien ein. Aufgrund des fluktuierenden Charakters Erneuerbarer Energien werden Energiespeicher immer mehr an Bedeutung gewinnen. Daher fokussierte sich Herr Dr. Müller auf verschiedene Energiespeichermethoden und erläuterte deren Vor- und Nachteile. Er zeigte unter anderem die Grenzen der bis dato bekannten Methoden wie Pumpspeicher, Batterien oder Wasserstoffspeicher auf und regte so eine intensive Diskussion mit dem Publikum an, die sogar beim Abendessen fortgesetzt wurde.

Die inhaltliche Abrundung der Tagung bildete am Sonntag die Vorstellung des Bildungsprojekts „Weltfairsteher“ (http://weltfairsteher.de/) durch die MWP-Stipendiaten und -Alumni Jana Costa, Julia Magdalena Schmidt, Maximilian Held, Dominik Peller und Alexander Reisach, welche sich bereits an der Tagung als Workshopleiter bzw. Teilnehmer engagiert hatten. Durch detaillierte Einblicke in ihr Konzept, ihre Erfahrungen und ihre zukünftigen Ziele zum Ausbau des deutschlandweiten Projekts überzeugten sie einige Teilnehmer, sich ebenfalls bei „Weltfairsteher“ zu engagieren. Dies war auch im Sinne der Tagung, denn ein erklärtes Ziel der Organisatoren Katharina Rehders, Deborah Wenk und Lukas Alletsee war es, die Teilnehmer über die Tagung hinaus zu nachhaltigem Handeln anzuregen. Alle Teilnehmer zeichneten sich durch eine hohe Motivation und ein großes Vorwissen im Komplex Nachhaltigkeit aus, was die Tagung zu einem echten Vergnügen machte.

  

Bericht und Fotos: Katharina Rehders, Energietechnik, Universität Erlangen; Lukas Alletsee, Chemieingenieurwesen, Universität Erlangen; Deborah Wenk, Lebensmittelchemie, Alumna

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