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Aktuelles aus dem Max Weber-Programm

„Forschung vor Ort“ Max Weber-Stipendiat in Indonesien

Mithilfe der Unterstützung durch das Max Weber-Programm konnte Stipendiat Tim Pöhlmann, Student der Ethnologie an der LMU, seine Feldforschung in Yogyakarta, Indonesien, durchführen. Hier berichtet er über sein Forschungsvorhaben und seine Eindrücke, die er vor Ort gewinnen konnte.

Belebte Straße in Yogyakarta

Tim Pöhlmann

Eine der sehr seltenen Gerichtsverhandlungen

Nachbarschaftsversammlung zu einem Straßenbauprojekt

„Meine Feldforschung fand im Rahmen des Bachelorstudiengangs Ethnologie der LMU zwischen dem 5. und 6. Semester im Februar und März 2016 statt. Mehrere Wochen lang untersuchte ich eine Nachbarschaftsgemeinschaft in Yogyakarta, Indonesien, in Hinblick auf die Rolle von Recht in Konflikten sowie die soziale Organisation der Gruppe. Da ethnologische Feldforschung einem holistischen Ansatz folgt, um komplexe gesellschaftliche Strukturen in ihrer Gänze zu erfassen, spielten auch Geschlecht, Religion, finanzielle Phänomene etc. eine entscheidende Rolle.

Methodologisch fasste ich mein Feld durch eine Kombination aus Interviews, informellen Gesprächen und Teilnehmender Beobachtung, was das Hin-und-Her zwischen subjektiver, dichter Beteiligung und objektiver Distanz meint, mit dem Ziel eigene Vorannahmen zu dekonstruieren und sich lokalen Denkweisen und -systemen anzunähern.

Ich wohnte und forschte in einem Viertel voller Restaurants, Reisebüros, Hotels und Märkten um die Interaktion und Konkurrenz innerhalb eines ökonomisch ertragreichen Gebiets zu beobachten. Die Haupteinnahmequelle dieser Gegend sind Tourist/-innen weswegen jeder Hotelneubau und jede Supermarkteröffnung von dringendem Interesse für alle Anwohner/-innen ist. Zu dieser geschäftigen Atmosphäre gesellt sich eine relative Unabhängigkeit von staatlichen Institutionen. Die Viertel wählen in annähernder Selbstverwaltung autonome Gemeindevorsteher/-innen, die als Mediator/-innen, Repräsentant/-innen und Organisator/-innen wirken. Ämter, Polizei und Gerichte sind zwar in bestimmten Situationen präsent, genießen aber bei weitem nicht dieselbe Aufmerksamkeit oder gar dasselbe Ansehen, wie dies beispielsweise in unserer Gesellschaft der Fall ist. In diesem dynamischen Feld liegt die Hypothese eines Rechtspluralismus nahe, worunter die parallele Existenz und Interaktion mehrerer Rechtsordnungen auch jenseits staatlichen Rechts verstanden wird. Tatsächlich scheint hier Adat-Recht, eine „traditionelle“, ungeschriebene Rechtsordnung als Determinante der sozialen Interaktion zu wirken und in Konkurrenz, aber auch im Austausch zum staatlichen Recht zu stehen.

Ich verdanke den erfolgreichen Zugang zu dieser Gemeinschaft vor allem meiner Hotelbesitzerin, die damit sozusagen meine Kroninformantin darstellte. Über sie lernte ich Schlüsselpersonen im sozialen Gefüge der Nachbarschaft kennen, bekam Zugang zu den zahlreichen Anwohnertreffen mit unterschiedlichen Intentionen (Beratung, Lotterie, Fortbildung etc.) und erhielt vor allem Einblick in die Kategorien und die Logik des lokalen Denkens durch tägliche Gespräche, längere Interviews und gemeinsam verbrachte Zeit. Um mich allerdings nicht völlig von ihr abhängig zu machen, versuchte ich auch, zu anderen Anwohner/-innen Vertrauen aufzubauen. Die daraus entstehenden Beziehungen folgten sehr unterschiedlichen Motiven, von lockerer Freundschaft über ökonomische Nutzenkalkulation bis zu einem Großmutter-Enkel-Verhältnis, und waren trotz enormen zeitlichen Aufwands von durchwachsenem Erfolg gekrönt.

Nichtsdestotrotz war es eine ergiebige Feldforschung mit zahlreichen Erkenntnissen und Erfahrungen, die ich nun im Rahmen meiner Bachelorarbeit in einen theoretischen Rahmen einzubetten versuche. Die Gewinnung meiner empirischen Daten wäre ohne die finanzielle Unterstützung des Max Weber-Programms so nicht möglich gewesen, deshalb an dieser Stelle: Vielen Dank!”

Tim Pöhlmann

veröffentlicht am