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Aktuelles aus dem Max Weber-Programm

Ein Ort des Philosophierens – Erinnerungen an die Sommerakademie in Ftan

Auf einer Höhe von 1650 Metern begann am 5. August 2018 pünktlich nach der Klausurenphase die Sommerakademie in Ftan. Was das malerische Dorf in den Schweizer Alpen so einzigartig macht und womit sich die sieben Arbeitsgruppen zwei Wochen lang beschäftigten, erzählt Teilnehmerin Yulia Kostina im ABC der Sommerakademie Ftan.

A wie Arbeitsgruppen

Die Stipendiat/-innen nahmen in erster Linie an der Akademie teil, um zusammen mit engagierten Dozenten/-innen ihre zum Teil sehr interdisziplinäre Forschung kennenzulernen oder diese zu vertiefen.

So betrachteten die Teilnehmer/-innen der Arbeitsgruppe „Neuroscience of Pain“ Schmerzen unter anderem als medizinisches und psychologisches, aber auch kulturelles und künstlerisches Phänomen. Während es in der AG 2 ganz theoretisch um Existenz und Eindeutigkeit von Approximationen mit radialen Basisfunktionen (und mehr!) ging, schaute sich die AG 3 auf ihren zahlreichen Ausflügen verschiedene Anpassungsformen von Pflanzen im Gebirge an. In der AG 4 kombinierte man technische sowie rechts- und gesellschaftswissenschaftliche Ansichtsweisen mit dem Ziel, die Zukunft des Internets der Dinge mitzugestalten. Dagegen versuchten Stipendiat/-innen mit und ohne medizinischen Hintergrund in der AG 5, philosophische Fragen in der Medizin zu beantworten, wobei sich eine davon („Wie definiert man eine Krankheit?“) besonderer Beliebtheit erfreute.

Ferner erarbeiteten die Stipendiat/-innen in der AG 6 die theoretischen Grundlagen der Kommunikation und verbesserten ihre eigenen rhetorischen Fähigkeiten mit Video-Feedback. Die AG 7 hingegen widmete sich der Geschichte und Definition des Dialogs als ubiquitärer Form der wissenschaftlichen Untersuchung und Auseinandersetzung.

F wie Freizeit

Nach dreistündigen Unterrichtssessions mit den Arbeitsgruppen von 9:00 bis 12:00 Uhr standen den Teilnehmern lange Nachmittage sowie beliebig lang werdende Nächte nach den Abendvorträgen zur freien Verfügung. Über deren Gestaltung wurde in der Blauen Stunde entschieden, in der Stipendiat/-innen verschiedene Aktivitäten anbieten konnten.

Und schon bald schienen sich komplexe Formen der Freizeitgestaltung zu entwickeln: Schon in der ersten Woche wurde von Stipendiat/-innen ein Tanzkurs für Anfänger und Fortgeschrittene angeboten. Abends nach den Vorträgen von den Dozent/-innen traf sich weiterhin ein Chor mit zahlreichen begabten Sänger/-innen. Die Arbeit hat sich offenbar gelohnt: An den beiden Abschiedsabenden gab es für die Sänger großen Applaus. Die Akademie wurde auch, wie erhofft, sehr musisch: Es bildete sich am Ende sogar ein Streichquartett mit Klavier statt Cello, und an jedem Nachmittag waren in den Zimmern, dem Musikraum und der Aula übende Stipendiat/-innen zu hören. Des Weiteren hatte man die Möglichkeit, an einer von Stipendiat/-innen organisierten Schreibwerkstatt teilzunehmen oder beim Impulstag Wissen zu teilen als Sprecher oder Zuhörer.

Wieder A wie Abendvorträge

Fast jeden Tag kurz nach dem Abendessen gaben Arbeitsgruppenleiter und eingeladene Sprecher Einblicke in ihre Forschung oder verwandte Gebiete. Vom ersten Vortrag über die Sicherheitsregeln beim Bergwandern (ein richtiger Hit!) über die Erfolgsgeschichte eines mathematischen Museums bis zu den Wikingern in Amerika war alles dabei. Nach den Vorträgen entstanden bei intensiven Diskussionen auch viele neuartige und interessante Fragen, welche die engagierten Dozenten mit großer Expertise beantworteten.

W wie Wanderungen

Wandern gehen war das Motto von jedem (sogar regnerischen!) freien Nachmittag. Die Stipendiat/-innen bewanderten gefühlt alles in der Gegend: vom historischen Nachbarort Scuol bis zu den über 3000 m hohen Gipfeln. Weiter ging es mit einer nächtlichen Hüttentour und dem Besuch eines Nationalparks.

Mit besonderer Wärme werden sich manche von uns an die als „sehr entspannt“ angepriesene Wanderung zum Piz Clünas erinnern. Auch wenn sich die Wahrnehmung von „entspannt“ unter den Stipendiaten als sehr unterschiedlich herausstellte, waren wir über den geschafften Aufstieg auf einen 2731 m hohen Gipfel sehr stolz. Die Sportlichsten knackten sogar die 3000er-Marke und genossen vom Piz Minschun den Ausblick auf einen fast schon unrealistisch schönen Bergsee. Den Rückweg versüßten sich viele Wanderer mit einer großzügigen Portion Kaiserschmarrn oder Apfelstrudel mit hausgemachter Sahne.

S wie Schaufenster & Abschiedsabend

Am vorletzten Tag der Akademie wurde im Rahmen des Schaufensters zusammenfassend präsentiert, womit sich die Teilnehmer in den beiden Wochen beschäftigt haben. So bekamen die Zuschauer einen Einblick in die Themen der Arbeitsgruppen: Zuerst wurden Zeichnungen und Gedichte über Schmerz vorgestellt, Lieder über Approximationen gesungen und ein interaktives botanisches Quiz durchgeführt. Weiter ging es mit einem KI-Parlament mit viel Alufolie und kreativen Rhetorik-Übungen, gefolgt von einer medizinischen Theateraufführung. Abschließend wurde ein Dialog von Erasmus von Rotterdam szenisch vorgetragen.

Am Freitag, dem bereits letzten Tag, gab es nach einer Abschiedsrede von der Akademieleitung unterschiedlichste Beiträge von den Stipendiat/-innen. Das Programm des Bunten Abends bestand aus PowerPoint-Karaoke (eine gute Übung für den späteren Jobeinstieg, wie von manchen im Publikum bemerkt), einer Flachwitz-Challenge, Improtheater und einem Klavier- und einem zweiten Chorauftritt. Langsam wurde uns allen bewusst, dass diese wunderbaren zwei Wochen zu Ende gingen. Wir schrieben Abschiedsbriefe an unsere neuen Freunde und genossen die letzten Stunden des Zusammenseins. An einem vernebelten Samstagmorgen sammelten sich die Stipendiat/-innen mehr oder weniger melancholisch bei den Bussen für die Rückfahrt nach München. Die Stimmung war von Dankbarkeit für die schöne Zeit, aber auch von Nachdenklichkeit geprägt. Verständlich, man verließ ja auch einen der besten Orte des Philosophierens. 

 

Text: Yulia Kostina, Biologie, LMU München
Foto: Jutta Weingarten, Max Weber-Team

veröffentlicht am