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Aktuelles aus dem Max Weber-Programm

Berührung mit persönlichen Ängsten - Installation von Franziska Tachtler bei der CHI in San José

Im Rahmen ihres Masterstudiums in Interaction Design an der Malmö University besuchte die Max Weber-Stipendiatin Franziska Tachtler vom 7. bis zum 12. Mai 2016 die Konferenz Computer-Human-Interaction (CHI) in San José in den Vereinigten Staaten. Der Hauptgrund ihrer Teilnahme war die Präsentation der Embodied Interaction Design-Installation „Fear Division; Archiving the Intangible” in der Kategorie Interactivity. Die Ausstellung der Arbeiten in der Kategorie Interactivity wurde im Rahmen der Eröffnungszeremonie der Konferenz eröffnet und war während der gesamten Konferenz für die Teilnehmer zugänglich.

Modell "Fear Division; Archiving the Intangible", Foto: Franziska Tachtler

Arduino Board, Foto: Franziska Tachtler

Im Inneren der Installation, Foto: Franziska Tachtler

Convention Center San José, Foto: Franziska Tachtler

Informationstafel, Foto: Franziska Tachtler

Eröffnung der Konferenz, Foto: Franziska Tachtler

Die Installation meiner Kommilitonen Lina Alvis, Rodrigo Jimenez, Dorien Koelemeijer, Danai Tsouni und mir thematisiert die Emotion Angst und ist ein Ansatz, diese zu archivieren. Die Methode der Dekodierung persönlicher Geschichten über Angst ist von den Prozessen im menschlichen Gehirn inspiriert. Das Werk besteht aus einem 3 x 3 m großen schwarzen Würfel, in dessen Inneren Drähte von der Decke hängen. Die Drähte repräsentieren das neurale Netzwerk. Der Besucher tastet sich in dem dunklen Raum voran. Wenn er einen Draht berührt, ist ein Fragment aus Geschichten verschiedener Personen über ihre Ängste oder einer der Sounds, die die Personen mit dieser Angst verbinden, zu hören. Der Besucher der Installation entdeckt durch die Interaktion die Vielfalt und Komplexität von Ängsten und erkennt, wie allein ein bestimmter Sound Erinnerungen an eine Angst und somit die Angst selbst hervorrufen kann. Die abgespielten Soundfiles sind Teile aus Audiotagebüchern, die meine Co-Autorin und ich zusammen mit unseren Kommilitonen in Form von „Cultural Probes“ (Gaver, Dunne & Pacenti, 1999) gesammelt haben. Eine der vermittelten Ängste stammt beispielsweise von einer Frau, die als Kind oft Lieder aus „Schneewittchen“ von Frank Churchill mit ihrer Großmutter auf dem Klavier gespielt hat. Inzwischen hat diese Frau keinen Kontakt mehr zur Familie, da etwas passiert ist, worüber sie nicht sprechen möchte. Sie hat Angst, dass sie aufgrund ihres familiären Hintergrundes dazu veranlagt ist, andere zu verletzen. Die Pianomusik löst bei ihr diese Angst aus. Dies zeigt, dass Angst etwas sehr Intimes und Individuelles sein kann.

Zur Installation gibt es eine Video-Dokumentation unter: https://vimeo.com/123772152

Meine und die Rolle meiner Co-Autorin war es, die Installation aufzubauen, sie zu präsentieren, interessierte Besucher auf die Interaktion mit der Installation vorzubereiten und danach mit ihnen über ihre Erlebnisse zu sprechen. Neben der Präsentation der Arbeit wurde das Paper von meiner Co-Autorin Dorien Koelemeijer und mir in den Proceedings zur Konferenz veröffentlicht und ist nun in der ACM Bibliothek, die weltgrößte Fachbibliothek für Informatik und Computerwissenschaften,  verfügbar (Koelemeijer & Tachtler, 2016).

Eine große Herausforderung war es, die Installation von Schweden nach San José zu transportieren und dort wieder aufzubauen. Die Installation ist zu Beginn meines Studiums Anfang 2015 entstanden. Damals konnten wir eine Holzkonstruktion aus der zur Universität gehörenden Werkstatt ausleihen, um den Kubus der Installation zu bauen. Auf der Konferenz bestand unser Ausstellungsstand nur aus Stellwänden und Tüchern. Zwar haben wir mit dem Konferenzmanagement telefonisch die Größe und die einzelnen Elemente des Stands besprochen, jedoch wurde uns auch deutlich gemacht, dass wir nicht zu hohe Erwartungen haben sollten. Den Stand selbst haben wir erst am Tag der Ausstellungseröffnung gesehen. Somit hatten wir einen halben Tag Zeit für den Aufbau. Bereits in Schweden überlegten meine Co-Autorin und ich, wie wir die Installation umgestalten, sodass diese möglichst leicht ist, wenig Material braucht und ohne zusätzliche Stützen von der Decke hängen kann. In den USA verbrachten wir die Tage vor der Konferenz damit, letzte Besorgungen zu erledigen und die Installation erneut zu testen. Die Drähte, die von der Decke hängen, sind an ein Arduino Board angeschlossen. Das ist ein Open-Source Mikrokontroller, der misst, ob ein Besucher von der Decke hängende Drähte berührt oder nicht. Bei Berührung wird dementsprechend eine Sounddatei abgespielt. Um saubere Messwerte zu erhalten, muss das Arduino Board geerdet werden. Die sogenannte Erdung neutralisiert die Messung, so dass einzelne Messungen sich nicht beeinflussen. Normalerweise reicht hierfür der Anschluss an den Laptop aus. Jedoch fanden wir nach und nach heraus, dass es in den USA notwendig ist, das Arduino zusätzlich über einen geerdeten Stromausgang zu erden, um saubere Messwerte zu erhalten.

Das Feedback war sehr positiv. Ein Großteil der Konferenzbesucher kam aus den Bereichen Human-Computer-Interaction und Computerwissenschaft. Auch wenn der Bereich Interaction Design immer mehr an Aufmerksamkeit gewinnt, war die Installation für einige Besucher eine sehr ungewohnte Art der mit eine Maschine in Kontakt zu treten. Die Fragmente der Erzählungen, die dazugehörigen Sounds und die Gestaltung des Inneren der Installation lösten viele verschiedene Gedanken und Gefühle bei den Besuchern aus. Ein Besucher hatte das Gefühl, in einer anderen Person zu stecken. Einer anderen Besucherin gefiel es besonders gut, dass die Drähte im Inneren der Installation die Besucher leicht im Gesicht berühren. Dass die Installation sich mit persönlichen Ängsten beschäftigt und nicht mit Ängsten, die allgemein bekannt sind, stieß ebenfalls auf positives Feedback. Zudem bestätigten viele Besucher, dass es für sie hilfreich war, durch meine Co-Autorin und mich auf das Erlebnis in der Installation vorbereitet zu werden.

Durch die Präsentation der Arbeit habe ich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler getroffen, die ich bereits auf anderen Konferenzen (wie der International Conference on Entertainment Computing (ICEC) 2013 in São Paulo und der International Conference on Tangible, Embedded and Embodied Interactions (TEI) 2014 in München) kennengelernt habe oder aus dem Bachelorstudium an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) kenne. Es war sehr interessant sich über die aktuellen Forschungsthemen der mir bekannten Forscherinnen und Forscher auf den aktuellen Stand zu bringen.

Neben der Präsentation meiner Arbeit habe ich auch das restliche Programm der Konferenz genutzt. Vor dem offiziellen Start der Konferenz fand ein Freiwilligentag statt, an dem verschiedenen Hilfsorganisationen in Teams Unterstützung im Bereich Interaction Design und Human-Computer-Interaction angeboten wurde. Die Veranstaltung fand bei der Konferenz zum ersten Mal statt. Das Projekt, an dem ich arbeitete, handelte von einer Plattform, auf der bei Zukunfts- und Karrierefragen um Rat gebeten werden kann. Bisher besteht die Plattform aus einer Webseite. Der Leiter der Non-Profit-Organisation möchte gerne auch eine App anbieten. Zusammen mit ihm besprachen wir in der Gruppe, wie mögliche Lösungen aussehen könnten und wie er diese testen, umsetzen und weiterentwickeln könnte. Mir hat es sehr gut gefallen, zu Beginn der Konferenz praktisch an einem Projekt mitzuarbeiten und durch die Arbeit andere Konferenzteilnehmer kennenzulernen. Auch bei der Veranstaltung Diversity and Inclusion Lunch wurde der Austausch mit anderen Konferenzteilnehmern, die sowohl aus dem akademischen Bereich als auch von den umliegenden Firmen wie Google und Facebook stammten, gefördert. Ziel war es dabei, verschiedene Formen der Diskriminierung anzusprechen und zu diskutieren.

Leider war es bei der Größe der Konferenz unmöglich, alle Vorträge und Präsentationen zu sehen. Ich fokussierte mich deshalb auf Veranstaltungen, die thematisch zu meiner Masterarbeit passen. Das Thema meiner Masterarbeit ist Smart Cities, unsichtbare Daten und sogenannte „geblackboxte Systeme“ (Latour, 1994) sowie die Rolle des Interaction Designers, um diese zugänglicher und transparenter zu gestalten. Dabei interessieren mich vor allem sogenannte standortbezogene Dienste und Daten. Passend zu meiner Arbeit fand ein Networking Lunch zum Thema Infrastructure and Transportation statt. Geleitet wurde dieser von Henriette Cramer, deren Forschungsschwerpunkt lange Zeit auf standortbezogene Dienste wie Foursquare und der Nutzererfahrung dieser Dienste lag. Der Austausch war sehr hilfreich und spannend. Durch das Mittagessen wurde ich auch auf eine Forschungsarbeit an der ETH Zürich zum Thema  Verbrechensprävention aufmerksam. Auf dem Poster „Digital Neighborhood Watch: To Share or Not to Share? “ von C. Kadar wurden erste Ergebnisse einer Feldstudie eines Systems zur Verbrechensprävention vorgestellt. Das Poster ist deshalb relevant für meine Masterarbeit, da meiner Meinung nach bei der Darstellung von sogenannten kriminellen Hotspots Transparenz (zum Beispiel in Bezug auf die Herkunft der Informationen) relevant ist.

Transparenz war auch das Thema vieler Paper-Präsentationen, wie zum Beispiel in der Paper Session Curation and Algorithm. Das Paper „How Much Information? Effects of Transparency on Trust in an Algorithmic Interface” von René F. Kizilcec, Stanford University, handelt davon, wie transparentes Design der Benutzeroberfläche Vertrauen beeinflusst und dass dies vor allem wichtig ist, wenn Erwartungen verletzt wurden. Transparenz bedeutet, dass unter anderem die Herkunft der Daten, aber die Art der Verwundung der vom Benutzer gesammelten Daten, klar ist. In der gleichen Paper Session wurde das Paper „First I “like”, then I hide it: Folk Theories of Social Feeds” von M. Eslami et al. vorgestellt. Hier wird untersucht, wie Facebook-Nutzer ihre eigenen Regeln, wie die Algorithmen hinter dem Newsfeed von Facebook funktionieren, finden und dadurch Strategien entwickeln, wie sie die sogenannte Filter-Bubble von Facebook umgehen können. Das Panel Algorithmic Authority: the Ethics, Politics, and Economics of Algorithms that Interpret, Decide, and Manage griff dies wieder auf. Mehr und mehr Prozesse, wie zum Beispiel die Infrastruktur in einer Stadt, werden von Algorithmen automatisch gesteuert. Dabei werden die Vorgänge so kompliziert, dass es für Menschen schwer verständlich wird, was geschieht. Dies kommt zu Tragen, wenn etwas schief läuft und Fehler behoben werden. Vorfälle (wie zum Beispiel Tesla-Unfälle) zeigen, dass Algorithmen nicht unfehlbar sind. Das Panel thematisierte, wie man mit der zunehmenden Automatisierung, bei der Entscheidungen durch Algorithmen getroffen werden, umgeht. Zum einen könnte die Benutzerschnittstelle anders gestaltet werden, so dass für den Benutzer visualisiert wird, was in der Software vorgeht. Eine Schwierigkeit hier ist die Komplexität und das mangelnde Wissen. Deshalb wurde außerdem über mehr Bildung im Bereich Informatik und wie die Bildung aussehen sollte diskutiert. Zum Beispiel, ob in der Zukunft jeder fähig sein sollte, einen Algorithmus zu schreiben, um mit Software zu kommunizieren und Fehler zu beheben zu können. Andere argumentierten im Panel dafür, dass das Programmieren nur Sache derjenige sein sollte, die gut darin sind. Ein weiteres Argument dagegen, dass Menschen sich mit den versteckten Prozessen von Software auseinandersetzen und sie kontrollieren, ist, dass sie dafür keine Zeit haben. Stattdessen sollten eigens Software entwickelt werden, die andere Systeme wiederum kontrollieren.

Die Demokratisierung von Daten war Thema der Paper Session Democratizing and Open Data. Hier präsentierte Bill Gaver von der Goldsmiths University die Forschungsarbeit mit dem sogenannten Datacatcher. Dieses Tool wurde entwickelt, um ortspezifische Daten vor Ort zu präsentieren. Der Benutzer ist dadurch fähig, die auf dem Datacatcher (1) angezeigte Informationen mit der wahrgenommenen Realität zu vergleichen. Dadurch werden ortspezifische Daten, wie  zum Beispiel Statistiken über eine Wohngegend, demokratisiert. Dass die Daten in einem dafür eigens entwickelten Gerät mit einem kleinem Bildschirm und nicht in einer App angezeigt wurden, wurde von vielen Teilnehmern der Nutzerstudie  positiv bewertet, da die Anwendung auf dem Mobiltelefon untergehen würde (Gaver et al., 2016).

Bereits im Vorfeld habe ich mich mit Forschungsarbeiten der KU Leuven zum Thema Datenvisualisierung in Urbanem Raum auseinandergesetzt. Desto mehr hat es mich gefreut, dass Sandy Claes von der KU Leuven ihr Paper „The Bicycle Barometer: Design and Evaluation of Cyclist-Specific Interaction for a Public Display” auf der Konferenz präsentierte. Nach der Paper-Präsentation konnte ich mich kurz über mein Masterarbeitsthema und das Thema ihrer Doktorarbeit austauschen. Neben diesen Highlights des Konferenzprogramms habe ich viele weitere Keynotes, Paper Präsentationen, Ausstellungen und Panels besucht, die neue Denkanstoße ausgelöst haben und die ich hoffentlich in meiner Masterarbeit und vielleicht später in einer Doktorarbeit verarbeiten kann.

Neben dem Konferenzbesuch war es auch gut, sich ein eigenes Bild von dem Leben in Silicon Valley zu machen, um den Hype um den Ort kritisch betrachten zu können. Am Anschluss an die Konferenz besuchte ich zudem San Francisco. Es war sehr schön zu sehen, wie unterschiedlich und lebendig die Stadt verglichen mit den dystopischen Idealvorstellungen einer sauberen und geordneten Smart City (2), ist. Sehr gut gefallen haben mir die sogenannten Placemaking Interventions. Hier geht es darum, wie die Bewohner der Stadt die Straßen auf unterschiedliche Weise als öffentlichen Raum nutzen und neu erfinden können. Ich denke, für meine Masterarbeit ist es wichtig, bei der Visualisierung von unsichtbaren Systemen der Smart City im Hinterkopf zu behalten, wie verschieden Städte sind, dass diese Systeme nicht verallgemeinerbar sind und dass es um die Bewohner der Stadt geht. Der Konferenzbesuch war insgesamt also ein voller Erfolg und ich freue mich schon darauf, das Gelernte bei meinen Projekten einzubringen.

Text: Franziska Tachtler

 

Literaturverzeichnis:

Claes, S., Slegers, K., & Vande Moere, A. (2016, May). The Bicycle Barometer: Design and Evaluation of Cyclist-Specific Interaction for a Public Display. In Proceedings of the 2016 CHI Conference on Human Factors in Computing Systems (pp. 5824-5835). ACM.

Eslami, M., Karahalios, K., Sandvigt, C., Vaccaro, K., Rickman, A., Hamilton, K., & Kirlik, A. (2016, May). First I “like” it, then I hide it: Folk Theories of Social Feeds. In Proceedings of the 2016 CHI Conference on Human Factors in Computing Systems (pp. 2371-2382). ACM.

Gaver, B., Dunne, T., & Pacenti, E. (1999). Design: cultural probes.interactions, 6(1), 21-29.

Gaver, W., Boucher, A., Jarvis, N., Cameron, D., Hauenstein, M., Pennington, S., ... & Ovalle, L. (2016, May). The Datacatcher: Batch Deployment and Documentation of 130 Location-Aware, Mobile Devices That Put Sociopolitically-Relevant Big Data in People's Hands: Polyphonic Interpretation at Scale. In Proceedings of the 2016 CHI Conference on Human Factors in Computing Systems (pp. 1597-1607). ACM.

Kadar, C., Te, Y. F., Rosés Brüngger, R., & Pletikosa Cvijikj, I. (2016, May). Digital Neighborhood Watch: To share or not to share?. In Proceedings of the 2016 CHI Conference Extended Abstracts on Human Factors in Computing Systems (pp. 2148-2155). ACM.

Kizilcec, R. F. (2016, May). How Much Information?: Effects of Transparency on Trust in an Algorithmic Interface. In Proceedings of the 2016 CHI Conference on Human Factors in Computing Systems (pp. 2390-2395). ACM.

Koelemeijer, D. N., & Tachtler, F. M. (2016, May). Fear Division; Archiving the Intangible. In Proceedings of the 2016 CHI Conference Extended Abstracts on Human Factors in Computing Systems (pp. 309-312). ACM.

Latour, B. (1994). On Technical Mediation - Philosophy, Sociology, Genealogy. Common Knowledge, 3(2), 29–64.

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