ELITE NETZWERK BAYERN

English  Sprachen Icon  |  Gebärdensprache  |  Leichte Sprache  |  Kontakt


Aktuelles aus dem Max Weber-Programm

Auf der Suche nach der wahren Schönheit

Unterstützt von der Programmlinie Forschung vor Ort besuchte die Max Weber-Stipendiatin Lucia Swientek vom 21. bis 27. August 2016 einen Meisterkurs für Alte Musik auf Schloss Kapfenburg, der sich mit „Ornamentik" beschäftigte.

Kapfenburg: Lucia Swientek, Eunah Hwang, Fabian Grosch

Prof. Christensen, Prof. Karkow, am ital. Cembalo

Frankfurt: Lucia Swientek, Fabian Grosch, Eunah Hwang

In der Mitte des Raums steht ein Cembalo. Es ist rot, Rennwagen-rot. Auf den ersten Blick könnte man es vielleicht kitschig nennen – zumindest ist das mein erster Gedanke, als ich es Sonntagnachmittag zum ersten Mal sehe. Denn zur knalligen Farbe kommen noch viele goldene Verzierungen, die ein üppiges Bild ergeben.

Das Kursprogramm

Die Beschäftigung mit solchen und anderen Ornamenten zieht sich durch die gesamte Kurswoche. Denn das Thema des Meisterkurses für Alte Musik vom 21. bis 27.08.2016 auf Schloss Kapfenburg lautet dieses Jahr „Ornamentik… zur Geschichte des Schönen…“ Seit 1987 veranstaltet die Gruppe ASPECTE unter der Leitung von Prof. Matthias Weilenmann Fortbildungskurse, die sich nicht nur praktisch, sondern auch theoretisch dem jeweiligen Thema nähern. Daher sind auch nicht nur Studierende oder Lehrende eines historischen Instruments zu diesem Kurs eingeladen. Er richtet sich an alle, die sich praktisch und theoretisch mit der Musik von 1550 bis 1750 auseinandersetzen wollen und nicht nur ein Barockinstrument gut beherrschen, sondern auch am Barocktanz teilnehmen wollen. Die Vielfalt des Programms bringt in diesem Jahr eine bunte Mischung von 20 Teilnehmern und Teilnehmerinnen zusammen und genau das macht den Kurs so reizvoll.

„Studium plus“

Die Referate und Diskussionsrunden der verschiedenen Dozierenden (Barockvioline, Blockflöte, Cembalo und Barocktanz) zu historischen Spielanweisungen und Instrumenten oder philosophischen Texten der Zeit bis hin zur allgemeinen Frage nach Kriterien für Kunst und Schönheit sind meinem Studiengang ziemlich nah. Dennoch geht dieser Teil des Kurses noch deutlich über meinen Studienalltag hinaus, denn die Dozierenden können die theoretischen Aussagen auch sofort praktisch vorführen. Zwar hatte ich mich im Vorfeld schon zu Verzierungen der Barockmusik eingelesen. Eine schriftlich ausgeführte, verzierte Kadenz erhält aber erst im musikalischen Zusammenhang und in der Aufführungssituation Sinn. Der Kurs regt an, aus der Praxis heraus zu forschen, was mir künftig im Studium möglicherweise einen Horizont neuer Argumente erschließt.

Der Unterricht

Intensiviert wird diese Erfahrung durch den Einzel- und Kammermusikunterricht, den alle Teilnehmenden erhalten. Ich bin mit meiner Barockvioline angereist und kann mit Prof. Mechthild Karkow, der Dozentin für Barockvioline, die Verzierungen an einzelnen Stücken selbst ausprobieren. Daneben arbeiten wir natürlich auch am Ausdruck, an der Phrasierung und an technischen Problemen. Der Unterricht ist sehr intensiv und so reich an Anregungen, dass ich nach jeder Stunde gleich ins nächste leere Zimmer eile, um die Stunde nachzubereiten. In zwei Ensembles, denen ich mich im Lauf der Woche anschließe, treffen dann die Vorstellungen beim gemeinsamen Üben und im Kammermusikunterricht aufeinander. „Würdest du da einen Nachschlag machen?“ oder „spielen wir hier mit Antizipation?“ – wenn das Zusammenspiel am Ende professionell klingen soll, müssen diese Fragen abgeklärt werden. Es zeigt sich: Eindeutig nach Regelwerk zu spielen funktioniert in der Alten Musik selten. Die historischen Anweisungen driften zum Teil weit auseinander und über all dem gilt, was Prof. Weilenmann uns schon am ersten Abend mit auf den Weg gibt: „…es gibt nichts Schöneres als den Gleichklang eines ganzen Lebens in all seinen Handlungen; ihn kannst du aber nicht bewahren, wenn du die Wesensart andrer nachahmst und darüber die deine verlierst.“ (Michel de Montaigne)

Bis an die Grenzen

Toll ist es, dass jeder in den Stunden der anderen Teilnehmer und Teilnehmerinnen hospitieren kann. Spannend ist beispielsweise der Generalbassunterricht bei Prof. Jesper Christensen. Dabei muss die Cembalistin je nach Schwierigkeitsgrad mit oder ohne Hilfe von Ziffern die richtigen Harmonien finden. „Echter Barock ist einfach… schwer“, sagt der Dozent und verdeutlicht mit einer Handbewegung das „schwer“. Er meint damit nicht, dass Barockmusik im Gegensatz zu anderen Epochen besonders schwer zu spielen sei. Es geht um den Ausdruck, den die Cembalistin für dieses Stück braucht. Schon an der Handbewegung wird deutlich: Der Punkt, wo theoretische Erklärungen versagen, ist wieder einmal erreicht. In der Musikwissenschaft stellen wir oft fest, dass wir mit unserer Sprache an die Grenzen kommen, wenn wir musikalische Phänomene beschreiben sollen. Dieser Kurs jedoch zeigt, dass es manchmal eine non-verbale Lösung gäbe. Dabei machen es sich die praktizierenden Musiker jedoch nicht leicht. Nach eineinhalb Stunden Unterricht, bei dem der Generalbass des Beginns eines Stücks besprochen wurde, stellt Prof. Christensen fest: „Ich denke, das könnt ihr auch alle – ihr müsst euch nur anstrengen. Man ist es nicht gewohnt, dass man sich so sehr anstrengen muss für vier Töne, die so einfach ausschauen.“

Ausgleich beim Tanzen

Nach dieser Knobelaufgabe sind dann die Tanzstunden ein willkommener Ausgleich. Ein in den Weg nach oben zur Musikakademie eingelassenes Zitat von Johann Sebastian Bach fordert „schwingt freudig euch empor“ – und genau das tun wir jeden Morgen. Wir lernen Tänze der Renaissance und des Barock wie die „Bassa danza“, die „Gaillarde“ (ein Springtanz, der schnell wie ein Clownstanz aussieht, wenn man die Beine nicht streckt), das Menuett und die Sarabande, haben viel Spaß und bald einen ordentlichen Muskelkater.

„i-Tüpfelchen“ Frankfurt

Die Zeit auf dem Schloss geht bei diesem vollen Programm sehr schnell vorbei. Am Freitagabend verabschieden wir uns mit Tanz- und Musikbeiträgen. Doch ist für viele von uns nach dem Abschied vom Schloss und seiner Umgebung mit Wäldern, Wiesen und Kuhweiden noch nicht Endstation. Sechs von uns werden nach dem erfolgreichen Vortrag für ein Konzert in Frankfurt ausgewählt – und ich habe es in die kleine Auswahl geschafft! Und so geht es am Samstagvormittag zum beschaulichen Bahnhof Lauchheim. Drei Stunden später steigen wir zwar in der Großstadthitze von Frankfurt aus, finden aber sofort wieder in die „heimelige“ Stimmung der Kurswoche, denn das Festival für Alte Musik „Klang im Kloster“ findet hinter den Mauern des Karmeliterklosters Frankfurt statt. Außerdem treffen wir vor Ort viele Kursteilnehmer, die mit dem Auto angereist sind. Nicht nur die, die spielen dürfen, sind gekommen, sondern auch viele, um zuzuhören. Die Geste zeigt die Anerkennung, die sich alle bei dem Kurs zollen – unabhängig von der Vorbildung. Bei so viel Rückhalt können wir ziemlich entspannt vor einem großen Publikum auftreten. Für mich als einzige Studentin einer Geisteswissenschaft neben den fünf Studierenden eines Instruments ist dieses Konzert trotzdem ein besonders aufregender Höhepunkt und ich bin stolz, dass ich es in die Auswahl geschafft habe.

Dank

Ich bin froh, dass mich das Max-Weber-Programm und das Musikforum Mannheim bei dieser Reise unterstützt haben und möchte mich dafür sehr herzlich bedanken! Die Kurswoche hat mir sehr viele Impulse gegeben – nicht nur für mein Spiel, sondern vor allem auch für mein Musikwissenschaftsstudium. Ich habe erlebt, dass die Zusammenarbeit zwischen Praxis und Theorie sehr gut funktionieren kann, wenn sich beide Seiten aufeinander zu bewegen und dass noch sehr viele Fragen an die Musikwissenschaft bestehen, die gelöst werden sollten. Nach einer Woche Beschäftigung mit barocker Ornamentik, habe ich sogar die Verzierungen des italienischen „Ferrari-Cembalo“ verstehen und lieben gelernt – ich werde es wie so vieles vermissen.


Text und Fotos: Lucia Swientek, Musikwissenschaft, Universität Würzburg

 

 

veröffentlicht am