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NEWS FROM THE MAX WEBER-PROGRAM

Auf den Spuren des Katholizismus – ein Drahtseilakt im säkularen Zeitalter

Vom 13.-18. Februar reisten 24 Stipendiatinnen und Stipendiaten im Rahmen von Stipendiaten aktiv! nach Rom und erkundeten die Stadt unter dem Thema „Katholizismus und Moderne“. Über Ihre Erfahrungen und die Ergebnisse der wissenschaftlichen Arbeitsgruppen berichten Teilnehmer der Exkursion.

Das Thema „Katholizismus und Moderne“, der Tagungstitel der Exkursion, lässt eine große Bandbreite an Fragestellungen zu. Für unsere Tagung in Rom wurden Moderne, Gesellschaft und Medien exemplarisch als bedeutende Spannungsfelder herausgegriffen. Dabei stellten sich einige grundlegende Fragen, die in ihrem teils konkurrierenden Charakter ein multidimensionales Netz aufspannen. Eine kleine Auswahl soll dies verdeutlichen: Ist der katholische Glaube zu stark institutionalisiert? Steht die Institution im Sinne der katholischen Kirche dem christlichen Glauben sogar im Weg? Wie kann Kirche sich in aufgeklärt westlichen Gesellschaften positionieren, aber gleichzeitig offen sein für Kulturen mit anderen Wertevorstellungen? Wie kann dieser Zwiespalt in eine Kirche für alle Katholiken münden ohne die Geschwindigkeit einer säkularisierten Zeit auszublenden? Wie können Medien dazu beitragen, ein Bewusstsein für christliche Themen zu schaffen, sich aber gleichzeitig vom Personenkult zu distanzieren?

Auf der Suche – Arbeit in den Arbeitsgruppen

„Katholizismus und Moderne“

Als Diskussionsgrundlage dieser Arbeitsgruppe, welche von dem Doktoranden Stefan Owandner geleitet und von Frau Prof. Dr. Dr. Zwick (Lehrstuhl für allgemeine Pädagogik, Erziehungs- und Sozialisationsforschung, LMU München) mit gewinnbringendem Input versorgt wurde, dienten einige im Vorfeld zur Verfügung gestellte Texte über formale Definitionen und die historische Einordnung der Begriffe „Katholizismus“ und „Moderne“, das heutige Phänomen einer „Patchwork-Religion“ und staatskirchenrechtliche Grundlagen des heutigen Verhältnisses zwischen Staat und Kirche. Ausgehend davon wurde – nach Verortung des Themenschwerpunktes in das 19. Jahrhundert – diskutiert, ob die Kirche ihr durch Konkordate geregeltes Verhältnis insbesondere zu den Ländern der BRD neu überdenken sollte, z.B. auf die Kirchensteuer und die Zahlung der Gehälter des Klerus aus Steuermitteln verzichten sollte, um sich in der modernen Gesellschaft neu positionieren zu können. Ein großer Themenschwerpunkt der Runde lag außerdem bei der Frage, ob und inwieweit sich die katholische Kirche dem Fortschritt der Wissenschaft in der Vergangenheit entgegengestellt hat und dies in der Gegenwart tut und damit eventuell auch einen Gegenpol zur Wissenschaftsgläubigkeit der westlichen Gesellschaften darstellt, z.B. in Fragen der Stammzellenforschung. Außerdem wurde die Frage diskutiert, wie die katholische Kirche mit modernen Formen von Religiosität, die immer mehr eine Auswahl aus verschiedenen Religionsangeboten und esoterischen Strömungen darstellt, umgehen soll oder in ihre Glaubensvermittlung im Zugehen auf den modernen Menschen einbeziehen sollte.

 „Katholizismus und Gesellschaft“ mit Prof. Dr. Dr. Sautermeister (Stiftungsprofessur für Moraltheologie unter besonderer Berücksichtigung der Moralpsychologie, LMU München und Inhaber des Lehrstuhls für Moraltheologie, Universität Bonn) ergründete zuerst den Zusammenhang zwischen Ethik – Moral – Religion, um ein gemeinsames Begriffsverständnis aufzubauen und die Frage nach einem „gelingenden, gerechten und guten Leben“ zu beantworten. Im Zentrum des Diskurses standen von den Teilnehmern eingebrachte Themen, an denen die kirchliche Lehrmeinung aufgezeigt wurde. In den anschließenden Diskussionen über Homosexualität, Reproduktion, Präimplantationsdiagnostik, Sterbehilfe, Lebendnierenspende und religiösen Symbolen im öffentlichen Raum verstand es Prof. Sautermeister in wunderbarer Weise den nötigen theologischen Input zu liefen und mit den Teilnehmer an diesen Themen weiterzuarbeiten.

 Für die Gruppe „Katholizismus und Medien“ hatten die Teilnehmer im Vorfeld die Wahrnehmung von Kirche und Geistlichkeit in verschiedenen deutschen und italienischen Medien beobachtet. Ergänzt durch die „Insider-Perspektive“ von Susanne Hornberger (Chefredakteurin der Münchner Kirchenzeitung) ergab sich für die Stipendiaten ein Bild der Medienlandschaft, in dem italienische Medien oft den umfassenderen Blick auf Kirche und Vatikan haben, dem Papst aber auch von vornherein ein integrer Charakter zugeschrieben wird. Anhand der Verteilungen kirchlicher Themen in sehr unterschiedlichen Ressorts verschiedener Zeitungen kamen die Teilnehmer ins Gespräch über den Platz der Kirche in der Gesellschaft. Wie die Kirche sich darstellen muss, um mit dem Evangelium, der frohen Botschaft die Menschen erreichen zu können, ohne Authentizität einzubüßen (Stichwort: Social Media) war die spannende, meistdiskutierte Frage der Runde.

 Am Ende der Tagung wurde im Plenum über die Ergebnisse der Arbeitsgruppen ausführlich diskutiert und die Multidimensionalität des Themas deutlich. Die Metapher des Uhrwerks wurde von einem Teilnehmer herangezogen und fasst das Spannungsfeld, in dem sich die katholische Kirche in unterschiedlichsten Gebieten bewegt, gut zusammen. Verändert man die Größe oder gar die Richtung eines auf den ersten Blick scheinbar unbedeutenden Rades, kann dies an ungeahnter Stelle weitreichende Konsequenzen haben. Ein Beispiel wäre die Aufwertung des Gedenktages von Maria Magdalena, deren Festtag nun die gleiche liturgische Bedeutung hat, wie der Festtag der Apostel. Nähme man Maria Magdalena in die Reihen der Apostel auf, würde eine theologische Rechtfertigung entgegen der Frauenapprobation schwerfallen[1].

Lebendiger Katholizismus

„Gott liebt mich!“ Diese Worte wurden zur zentralen Botschaft von Papst Franziskus bei der Generalaudienz im Vatikan. Der Personenkult um den Papst und der Eventcharakter der Generalaudienz bildeten ein in sich stimmiges, allerdings im Gesamteindruck der Reise schizophrenes Bild der katholischen Kirche.

Im Anschluss hatte Frau Hornberger ein Treffen mit Gerhard Ludwig Kardinal Müller organisiert. Kardinal Müller ist Präfekt der Glaubenskongregation und somit de facto zweiter Mann im Vatikanstaat und Hüter der katholischen Glaubenslehre. An dieser Stelle wurde das angesprochene schizophrene Bild deutlich, da der Glanz und die Glorie einer Generalaudienz konträr zur „operativen“ Arbeit der Glaubenslehre stehen.

Um die Arbeit unterschiedlicher vatikanischer Kongregationen hautnah zu erleben, konnten wir mit Pater Norbert Hofmann (Sekretär der Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum) über die Bemühungen der katholischen Kirche um Ökumene sprechen, da er selbst maßgeblich an den interreligiösen Beziehungen zum Judentum arbeitet. Vor allem die (noch) spaltenden Aspekte zwischen den verschiedenen christlichen Konfessionen wurden aufgezeigt und eine Einschätzung angestellt, welche Konfession aus dogmatischer Sicht die größten Überlappungen mit der katholischen Glaubenslehre besitzt. Am Folgetag der Diskussion zelebrierte Pater Hofmann einen Gottesdienst an einem der Seitenaltäre des Petersdoms für die Teilnehmer der Tagung.

Um die Perspektive der Medien zu intensivieren, stellte Frau Hornberger aus ihrer Zeit in Rom Kontakte zum ARD Studio Rom und zu Radio Vatikan her. Vor allem der Termin mit Pater Bernd Hagenkord (Leiter der deutschsprachigen Abteilung von Radio Vatikan) war aufgrund seiner selbstkritischen und humorvollen Einblicke hinter die Kulissen der vatikanischen Berichterstattung ein schöner Abschluss, der die gewonnenen Erkenntnisse aus den Arbeitsgruppen nochmals festigte.

 

Fotos: Leah Schembs, TU München; Julian Eibl, LMU München
Text: Katharina Weber, Universität Regensburg; Lucia Swientek, Universität Würzburg und Johannes Manner, Universität Bamberg

 

 


[1] Vgl. Fischer, Alexander: Was bedeutet: Maria Magdalena ist „Apostolin der Apostel“?, http://www.kath.net/news/56067, abgerufen am 22.02.2017

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