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Aktuelles

03.03.2015

Erlebnisse und Weisheiten aus China - Auslandssemester im Reich der Mitte

 

26. August 2014 am Münchner Flughafen. Mein Gepäck, mit dem ich mich gerade nach Wuhan in Zentralchina aufmache, ist zu schwer. Die Mitarbeiterin sieht mich an, dann meine Bordkarte, gibt das Gepäck ohne weitere Fragen auf: „Viel Glück!“

Die Große Mauer[Bildunterschrift / Subline]: Die Große Mauer

So schlimm, wie sie das Land meines Auslandssemesters einschätzt, ist China meiner Erfahrung nach nicht. Im Gegenteil. Ich bin sehr glücklich über mein Auslandssemester und möchte einige Erlebnisse in Anekdoten teilen. Auch chinesische Weisheiten bleiben dem Leser natürlich nicht erspart!

 

Universität – 笨鸟先飞 (“Der dumme Vogel fliegt zuerst”)

Huazhong University of Science and Technology (HUST)[Bildunterschrift / Subline]: Huazhong University of Science and Technology (HUST)

An der Huazhong University of Science and Technology in Wuhan studierte ich fünf Monate lang Wirtschaftsingenieurwesen und Chinesisch. Dank hilfreicher Kommilitonen wurde mein Chinesisch schnell besser – und von ihnen stammt auch mein Sprichwortwissen, das ich hier zum Besten gebe. Das frühe Aufstehen, welches obiges Sprichwort „ben niao xian fei“ dezent andeutet, lohnt sich – gerade als Ausländer ohne ausreichende Erfahrung mit chinesischen Gepflogenheiten: um der Erste in einer langen Schlange am International Office zu sein, um allerlei Stempel von Behörden zu sammeln, um das traditionelle Frühstück in Wuhan, Hot Dry Noodles (Re Gan Mian), zu essen – und natürlich für das Kursangebot. In Wuhan belegte ich Precision Machine Design, Numerical Methods und Visual Computing – von der Unterrichtssprache Englisch über „Chenglish“ bis hin zu Chinesisch war alles dabei. Nur so lernt man Fachvokabular („Funktion“: Hanshu.) auf Chinesisch. Definitiv gewöhnungsbedürftig: Vorlesungszeiten, die von acht Uhr morgens bis 22:30 am Abend reichen. Klausuren sind da keine Ausnahme, 19:00 – 21:30, „um die anderen Kurse nicht zu stören“.

Unterrichtsgebäude an der HUST[Bildunterschrift / Subline]: Unterrichtsgebäude an der HUST

Generell wurden meine Kommilitonen und ich sehr freundlich aufgenommen und von Professoren, vom International Office und chinesischen Freunden mehr als herzlich unterstützt. Auch mehr als einmal, denn die Bürokratie ist bemerkenswert und auch die allgemeine Organisation der Kurse variiert stark. Und nicht zuletzt fürs Chinesisch-Lernen gibt es nichts Besseres als Landsleute, die fröhlich-unbeeindruckt ihr Sprechtempo beibehalten, komme was da wolle. In Wuhan wird oft ohnehin davon ausgegangen, dass Ausländer zumindest etwas Chinesisch können.

 

Freizeit – 百闻不如一见 (“Besser einmal gesehen als hundertmal gehört”)

Xi'an Bell Tower[Bildunterschrift / Subline]: Xi'an Bell Tower
Xi'an Terrakottakrieger[Bildunterschrift / Subline]: Xi'an Terrakottakrieger

Meine Freizeit verbrachte ich mit Reisen nach Peking, Shanghai, Xi’an, Changsha und Qingdao. Meine Lieblingsstadt? Qingdao, eine Stadt am Meer, sehr sauber, guter Fisch, Bergsteigen auf dem Laoshan, Tempel und Wasserfall inklusive.

In Wuhan selbst gibt es auch einige Sehenswürdigkeiten wie die Kranichpagode und viele hervorragende und nach westlichem Maßstab kostengünstige Restaurants, die ich mit chinesischen und deutschen Freunden des Öfteren aufsuchte. Chinesen verbringen ihre Freizeit hauptsächlich gern damit, amerikanische Serien anzusehen oder mit Shopping. Einer ganzen Menge Shopping: der 11.11. („shuang shi yi“) ist gleichzeitig Singles- und Shoppingtag und dank des Umsatzvolumens sogar schon zu Bekanntheit in westlichen Medien gelangt.

 

Leben – 国泰民安 (“Ist das Land reich, sind die Leute in Frieden”)

Straße in Wuhan[Bildunterschrift / Subline]: Straße in Wuhan

Ich möchte hier zwei Einblicke geben: in mein Leben dort und in das, was ich über und von Chinesen erfahren habe.

Für chinesische Verhältnisse luxuriös untergebracht war ich im Huahong Apartment im Nordwesten des riesigen Campus (60.000 Studenten, 467ha Fläche) mit eigenem Bad und einer – im Winter bitter nötigen und enorme Stromrechnungen verursachenden – (Heiz-)Klimaanlage. Die Wohnanlage ist üblicherweise für PhD-Studenten und ‚Foreign Experts‘ vorgesehen und steht in einem ziemlichen Gegensatz zu den Vier- bis Sechsbettzimmern ohne Bad, die chinesische Undergraduates vorfinden – und auch die chinesischen Master-Wohnheime nähern sich nur an (hier ist Dusche zumindest im Haus, nicht auf der anderen Straßenseite, die Zimmer sind größer). Ich verbrachte dort eine gute Zeit, oft ruhig mit genug Spielraum, Wuhan zu erkunden, Chinesisch zu lernen, Klavier zu üben und Freunde zu treffen, arbeitsreich in Phasen, als ich Klausuren und Hausarbeiten schrieb bzw. mich für die Chinesischprüfung (Hanyu Shuiping Kaoshi, 3. Stufe) vorbereitete.

Entenfüße, ein Muss[Bildunterschrift / Subline]: Entenfüße, ein Muss

Währenddessen verbrachten meine chinesischen Kommilitonen im Master meist den ganzen Tag in kleinen Büros, in denen sie auf bis zu sechs Kurse gleichzeitig lernten und Hausarbeiten schrieben. Der Zeitaufwand ist sehr hoch, insgesamt hatte ich den Eindruck, Kreativität ist weniger gefragt als dies an deutschen Lehrstühlen der Fall ist. Man kann sich das chinesische Universitätssystem auch weitaus reicher an Verhandlungsspielräumen vorstellen als in Deutschland.

In der Unterhaltung mit chinesischen Studenten über ihre Zukunftspläne habe ich den Eindruck gewonnen, sie fokussieren noch wesentlich mehr auf materiellen Wohlstand und weniger auf Selbstverwirklichung, als das in Deutschland der Fall ist. Und ich habe auch Neues über die chinesische Mentalität gelernt: solange man sich nur kurz kennt (respektive Professor und ähnliche Beziehungen), wird sehr stark auf das Wahren des Gesichts geachtet. Merklich wird das an harmonischen Themen beim Essen oder daran, dass man Professoren hinsichtlich Sprachfehlern im Englischen nicht korrigiert oder etwa auf Chinesisch antwortet. Es wird in meinem Eindruck auch allgemein wenig kritisiert, etwa hinsichtlich Organisationsstrukturen. Gewinnt man einen Chinesen jedoch als Freund, bleibt nichts hinter dem Berg. „So spät noch Milchtee? Da kann man fett werden!“

 

In den fünf Monaten,…

Das Tor des Himmlischen Friedens in Peking[Bildunterschrift / Subline]: Das Tor des Himmlischen Friedens in Peking

...die ich in China verbringen durfte, konnte ich Freunde finden, meine Sprachfähigkeiten verbessern und mehr Einblicke in die Kultur bekommen. Zugleich glaube ich jedoch, dass ein tiefer Einblick für Westler immer schwierig sein wird. Mit abnehmender Sprachbarriere lässt sich sicher viel machen, aber das gesamte System – und ich meine damit jeden Bereich: beim Einkaufen, beim Zugfahren, bei Behörden, in der Universität – ist sehr unterschiedlich. China ist für mich auch am Ende ein wenig wie eine Blackbox geblieben: man schiebt etwas hinein, mit Stempel, und am Ende kommt irgendetwas heraus. Wie? Keine Ahnung. Warum? Oft auch nicht. Und das, was man wollte? Vielleicht auch. Aber dafür hat man ja gute, chinesische Freunde, die einem wissend lächelnd und oft genug amüsiert aus der Patsche helfen.

von Harald Völkl, Max Weber-Programm