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Aktuelles

13.06.14

„Ich bin Tourist, kein Demonstrant!“ – Mit dem Max Weber-Programm in Istanbul

Wer am 1. Mai nach Istanbul fliegt, der muss mit allem rechnen. 27 Stipendiatinnen und Stipendiaten des Max Weber-Programms haben sich der Revolutionsstimmung gestellt und können berichten, dass die Stadt sich Reisenden trotz allem offen, warmherzig und ein klein wenig sprunghaft präsentiert.

 

Bild 1 Istanbul Clio[Bildunterschrift / Subline]: Streifzüge durch die Stadt
Bild 2 Istanbul Familienbesuch[Bildunterschrift / Subline]: Besuch bei einer Istanbuler Familie

Ich bin Tourist, kein Demonstrant

„Ben turistim...“, so beginnt der Satz im Landessprache-Teil unseres Exkursionsheftes, das uns durch eine Stadt begleiten sollte, die aufregender nicht sein könnte: auf zwei Kontinente verteilt, aufbauend auf eine Jahrtausende währende Geschichte und doch im Wandel begriffen so präsentiert sich Istanbul heute. Natürlich wollten wir den Taksim-Platz sehen und durch den unerwartet kleinen, aber dadurch noch wertvolleren Gezi-Park spazieren, natürlich wollten wir den wichtigen Istanbuler Sehenswürdigkeiten einen Besuch abstatten und natürlich haben wir auch die Bootsfahrt entlang des Bosporus aufs Äußerste genossen. Doch unser Orga-Team hatte keine Mühen gescheut, um uns vom bloßen Touristendasein zu befreien und uns noch tiefer mit der Kultur und den Menschen dieser faszinierenden Stadt vertraut zu machen.

Bild 3 Istanbul Elisabeth[Bildunterschrift / Subline]: Eindrücke werden festgehalten
Bild 4 Istanbul Hayko Bagdat[Bildunterschrift / Subline]: Gespräch mit dem armenischen Journalisten Hayko Bagdat (links)

Begegnung mit Menschen und Religionen

„Ich habe Istanbul als überraschend westlich geprägt erlebt“, fasste ein Mitstipendiat seine Eindrücke der Stadt zusammen. Und tatsächlich meint man auf den ersten Blick nicht unbedingt, in einem fremden Kulturkreis gelandet zu sein – bis das eigene Auge zum ersten Mal an einer Moschee hängen bleibt. Und dann an einer zweiten, einer dritten. Wir haben einige von ihnen besichtigen dürfen, darunter natürlich die berühmte Sülemanyie Moschee und die Blaue Moschee, aber auch eine erst kürzlich fertiggestellte, mit Architekturpreisen ausgezeichnete unterirdische Moschee stand auf unserem Programm. Der dortige Imam war sogar spontan zu einem Gespräch über seine Gemeinde bereit und damit nicht der einzige, der die überwältigende Gastfreundlichkeit der islamischen Kultur unter Beweis stellte: So waren eine türkische Hausfrau und Mutter sowie ein weiteres türkisches Ehepaar dazu bereit, nicht weniger als je 13 junge deutsche Fremde zum Abendessen in die eigene Wohnung einzuladen und sie liebevollst zu umsorgen, obwohl sie durch nicht mehr entlohnt wurden als ein beständig aufrichtig wiederholtes „Çok tesekkürler!“ – Vielen Dank!

Bild Istanbul Fatih Uni[Bildunterschrift / Subline]: Besuch an der Fatih Universität
Bild Istanbul CHP Partei[Bildunterschrift / Subline]: Gespräch mit Vertretern der CHP-Partei

Politik in Istanbul

Etwas weniger offen und herzlich präsentiert sich die Türkei jedoch, wenn man beginnt einen Blick hinter die Kulissen der politischen Bühne zu werfen. So berichtete der armenische Journalist Hayko Bagdat von den Diffamierungen, unter welchen die Minderheit noch heute zu leiden hat und auch, wie schlecht es um die öffentliche Aufarbeitung des Völkermords an den Armeniern bestellt sei. Savas Genç, der nicht nur als Professor an der Fatih-Universität lehrt, sondern auch ein Wortführer in der Diskussion um die türkische Außenpolitik ist, half uns zu verstehen, warum die Istanbuler Bevölkerung trotz ihrer Unzufriedenheit mit der Regierung dennoch mehrheitlich die AKP wählt. Dass einer dieser Gründe die inhaltliche Leere der Oppositionsparteien ist, durften wir beim Besuch der Stadtteilverwaltung der CHP auch noch selbst erfahren. Güven Karatas, Sprecher der Partei, war zwar bemüht mit vielen Worten sein politisches Programm anzupreisen, doch bei genauerem Nachfragen klangen seine Erklärungen ein wenig wie wohlklingende Worthülsen einer Partei, die mehr damit beschäftigt ist, ihre eigenen Wunden zu lecken als ein glaubhaftes Gegenprogramm zur Politik der Regierung zu entwerfen.

Aber – und das gilt nicht nur für die offiziellen Gespräche, sondern auch für die Erzählungen unserer deutsch-türkischen Begleiter sowie viele weitere Begegnungen während der durchaus langen Abende – sie alle haben eines geschafft: uns ein Bild von Istanbul zu vermitteln, das über das Touristendasein hinaus geht und anhand dessen nun auch wir kulturelle Offenheit gepaart mit kritischer Neugierde demonstrieren können.

Text: Kathrin Utz, Architektur, Universität La Sapienza, Rom /TH Nürnberg und Kerstin Wolf, “Mind and Brain” (M.Sc. / M.A.), HU Berlin
Fotos:
Kerstin Wolf, “Mind and Brain” (M.Sc. / M.A.), HU Berlin und Anna Sattler, Lehramt Grundschule mit Schwerpunkt Schulpsychologie, LMU München