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Aktuelles aus den Elitestudiengängen

„Grenzen im Fluss“ – Ein Anfang in Ulm

Der Projektkurs des 13. Jahrgangs des Elitestudiengangs Osteuropastudien wird sich mit dem Thema „Grenzen im Fluss. Demarkation und Transgression entlang von Flüssen in Südosteuropa“ beschäftigen. Dabei soll es um die Funktion und Wahrnehmung von Flüssen in Grenzsituationen in Südosteuropa gehen.

Zunächst stellen Flüsse eine Hürde für den Menschen dar. Daher ergibt es Sinn, dass Staaten in der Vergangenheit Flüsse als „natürliche“ Grenzen festgelegt haben. Galt nicht bereits den Römern und Byzantinern die Donau als Grenze gegen die Germanen? Oder den Nationalsozialisten Maas und Memel als ideologische Grenzen eines deutschen Reiches? Oder der vereinigten Bundesrepublik Deutschland die Oder und Neiße als Grenze zu Polen?

Beschäftigt man sich genauer mit dem Thema, kommt die Diskussion der Studierenden jedoch sehr schnell auf die verbindenden Funktionen von Flüssen: Der Fluss als Transportweg für den Handel und kulturellen Austausch zwischen Völkern und Regionen. Der Fluss als Nahrungsmittel- und Energiequelle.

Um sich mit Leib und Seele auf das Thema einzulassen, fuhren die Studierenden mit dem Projektleiterduo Dr. Heiner Grunert, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Geschichte Ost- und Südosteuropas, und Dr. Florian Kührer-Wielach, Direktor des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südeuropas, sowie der Studiengangskoordinatorin Julia Lechler für einen Tag nach Ulm – jene Stadt, an der die Donau schiffbar wird und somit Ausgangspunkt für jahrhundertelange Emigration auf der Donau wurde.

Unser erster Programmpunkt führte uns ins Donauschwäbische Zentralmuseum. Henrike Hampe, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Museum, führte uns Studierenden vor Augen, wie Ulm für viele Menschen in der Vergangenheit zum Tor zu einer neuen Welt wurde. Ob aus wirtschaftlicher Not, religiöser Unterdrückung oder Abenteuerlust: von Ulm ausgehend fuhren Auswanderer auf den sogenannten „Ulmer Schachteln“ (Einwegboot vom Typ der Zille, das auch im seichten Wasser fahren kann) stromabwärts, um in den Weiten Südosteuropas ein neues Leben anzufangen. Diese Auswanderer wurden später „Donauschwaben“ genannt. Der Begriff „Schwabe“ war eine Bezeichnung, den viele deutschsprachige Auswanderer von ihren rumänisch-, ungarisch- oder südslawischsprachigen Nachbarn bekamen, auch wenn der Begriff, was die Herkunft betrifft, bei weitem nicht für alle zutraf.

Um der beschriebenen Ambivalenz des Themas gerecht zu werden und verschiedene Sichtweisen auf die Donau zu bekommen, suchten wir im Museum nach Exponaten, die einen Bezug zum Thema Fluss hatten. Wir diskutierten verbindende wie trennende Elemente und solche, bei denen der Fluss eine symbolische Wirkung entfaltete. Am Beispiel Budapests führte uns eine Ansichtskarte, auf der die Donau den größten Teil einnahm, eindringlich vor Augen, dass hier der Fluss über Jahrhunderte die Städte Ofen/Buda und Pest voneinander getrennt hatte. Fahrkarten der Donaudampfschiffsgesellschaft oder Nachbildungen der berühmten Ulmer Schachteln symbolisierten für uns jedoch das vereinende Merkmal des Flusses. Migration förderte über Jahrhunderte wissenschaftlichen Austausch und eine kulturelle Vielfalt. Besonders amüsant fanden wir einem Brief aus dem Banat, in dem sich ein Mann einen Wiener Geigenbauer  auf rumänischem Amtspapier auf Deutsch mit ungarischer Schreibweise anschrieb.

Die Zeit im Museum verging viel zu schnell, die meisten von uns hätten noch Stunden bleiben können.

Gestärkt vom Mittagessen im Restaurant „Zur Forelle“ lernten wir bei einem Stadtrundgang mit Jörg Zenker, begleitet von einer gesunden Note Lokalpatriotismus, die Beziehungen Ulms mit der Donau kennen. So barg das Leben mit dem Fluss seit jeher sowohl Gefahren als auch Schutz. Für die kleinen Bäche, die durch die Stadt fließen, habe man zum Hochwasserschutz kleine Umgehungskanäle angelegt – der Donau Herr zu werden war jedoch äußerst schwer. Auch heute wird die Stadt noch regelmäßig vom Hochwasser heimgesucht.

Verglichen mit den Weiten, die die Donau an der Grenze zwischen Rumänien und Bulgarien annimmt, erscheint sie einem in Ulm eher wie ein „Rinnsal“. Und dennoch war und ist sie auch hier über Jahrhunderte hinweg bis heute Grenze zwischen zwei Bundesländern. Unser Stadtführer konnte sich die kleinen Rivalitäten zwischen dem in Baden-Württemberg gelegenen Ulm und dem in Bayern verorteten Neu-Ulm kaum verkneifen. Beim Spaziergang am Ufer der Donau meinte er, der tristen Flussfront auf der bayerischen Seite zugewandt, spöttisch: „Wie ihr seht, das Beste an Neu-Ulm ist der Blick auf Ulm!“ Mit einem leicht ironischen Unterton fügte er hinzu, dass ein Teil des Donaulaufes im 19. Jahrhundert zwar zur Grenze zwischen Bayern und Baden-Württemberg geworden sei, dies aber bei weitem nie so eindeutig wie in Ulm sei. Gerade in Gebieten flussaufwärts seien durch die Flussbegradigungen Probleme entstanden. So käme es ab und zu vor, dass durch die Obstwiese eines Bauern in früheren Zeiten ein Lauf der Donau geflossen sei, die nach der Austrocknung des Nebenlaufes plötzlich größer geworden seien und somit auf bayerischem und baden-württembergischen Gebiet lägen. So käme es, dass für die Apfelbäume jener Obstwiese unterschiedliche Auflagen gälten, je nachdem, in welchem Bundesland sie stünden. Für einen Moment hielt unser Stadtführer inne, als ein paar Schwäne auf das Ulmer Ufer zusteuerten. Dann rief er ihnen lachend zu, sie sollten nach Bayern rüber schwimmen, da sei das Füttern von Flussvögeln nämlich erlaubt.

Den Fluss als Hindernis sah eine historische Ikone der Stadt, Ludwig Berblinger, der legendäre „Schneider von Ulm“, ein Erfinder aus dem frühen 19. Jahrhundert. 1812 scheiterte er bei dem Versuch, die Donau mit seinen selbst konstruierten Gleitflügeln aus 19 Metern Höhe zu überfliegen. Was ihm damals den Spott über die Grenzen Ulms hinaus einbrachte, macht ihn heute zum Vorzeigeulmer. Berechnungen haben ergeben, dass dieser „Schneider von Ulm“ es durchaus hätte schaffen können, den Fluss zu überfliegen. Nun steht er in einer Linie mit Otto von Lilienthal und dem Wiener Erfinder Jacob Degen.

An einigen Häusern der Stadt konnten wir auf Wandgemälden das verbindende Element der Donau erkennen. Die Rathausfassade ziert eine vollbesetzte „Ulmer Schachtel“ auf den Wogen der Donau, eingesäumt von den Wappen wichtiger Handelspartner bis hin zum fernen  Katalonien oder zur Türkei. Auf einem weiteren Wandgemälde am Fischerplätzle fanden wir eine Darstellung Belgrads aus dem Jahre 1717 (gemalt von Georg Bosch 1956) auf dem zwei Ulmer Schachteln zu erkennen sind. Angeblich soll Kurfürst Maximilian Ulmer Schachteln auch bei der Eroberung von Belgrad im Jahr 1688 eingesetzt haben. Neben den Bezugspunkten Ulms zur Donau kamen wir auf unserem Rundgang auch am „schiefsten Hotel der Welt“ vorbei und beendeten die Tour mit einem weiteren Superlativ, dem höchsten Kirchturm der Welt – dem des Ulmer Münsters.
Dieser Ausflug nach Ulm war ein gelungener Einstieg in die Arbeit des Projektkurses. Schon bei der nächsten Sitzung stellten wir in unseren Diskussionen fest, dass ähnliche Probleme, wie die der bayerischen und baden-württembergischen Obstbauern auch in Kroatien und Slowenien zu Komplikationen führten. Dort ist der Lauf der Mur heute ebenfalls ein anderer als in vergangenen Zeiten, was dieser Tage den Bau einer S-Bahn am kroatischen Flussufer behindert. In einem anderen Fall führten unterschiedliche Auslegungen der Grenzziehung zwischen Kroatien und Serbien dazu, dass keiner der beiden Staaten die Kontrolle über eine Donauhalbinsel für sich beansprucht. Dies führte 2015 zur Gründung des kleinen Scheinstaates „Liberland“ durch den tschechischen Politiker Vít Jedli?ka. Zwar ist dieser Staat international nicht anerkannt und wohl kaum mehr als der utopische Traum eines Liberalen, doch steht das Beispiel exemplarisch für eine weitere Dimension, die „Grenzen im Fluss“ mit sich bringen.

Text: Jan Bever
Redaktionelle Bearbeitung: Dr. Florian Kührer-Wielach, Dr. Heiner Grunert, Julia Lechler
Fotos: Jan Bever


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