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Aktuelles aus den Elitestudiengängen

Evangelische Resonanzen zu Mozart

Im Rahmen der interdisziplinären Vorlesungsreihe „Mozart-Resonanzen” des Elitestudiengangs „Ethik der Textkulturen“ fanden im Wintersemester 2015/16 zwölf Vorträge statt. An sieben Veranstaltungsorten der Augsburger Innenstadt konnte man sich auf erfrischend vielfältige Weise dem großen Augsburger Enkel W. A. Mozart nähern.

Wenn Mathias Mayer, Sprecher des Elitestudiengangs „Ethik der Textkulturen“, den Hintergrund der interdisziplinären Vorlesungsreihe „Mozart-Resonanzen. Von Texten und Tönen“ erläutert, erahnt der Zuhörer zumindest einen Teil der Wirkung, die Mozart auf die europäische Geistesgeschichte hatte. An sieben Veranstaltungsorten der Augsburger Innenstadt fanden im Wintersemester 2015/16 zwölf Vorträge statt, die sich dem großen Augsburger Enkel W. A. Mozart auf erfrischend vielfältige Weise nährten. So eröffnete Bernd Oberdorfer, Ordinarius für Systematische Theologie an der Universität Augsburg, den interessierten Zuhörern, am 14. Dezember 2015 im Ev. Forum Annahof, überraschende Perspektiven auf die Mozart-Resonanzen in der evangelischen Theologie.

„Augsburgs berühmtester und bedeutendster Enkel hat wie kein anderer Komponist die Schriftsteller und Philosophen unter seinen Hörern zur Auseinandersetzung herausgefordert", erläutert Professor Mathias Mayer den Hintergrund des, von ihm konzipierten und organisierten Vortragszyklus. Diesen Auseinandersetzungen galt es in zwölf Vorträgen nachzuspüren, in denen ausgewiesene Expertinnen und Experten, u.a. aus der Literaturwissenschaft, der Musikwissenschaft und der Theologie, den Spuren Mozarts in ihrem Fachgebiet nachgingen. Eduard Mörike etwa widmet dem Komponisten die Novelle „Mozart auf der Reise nach Prag“. Auch österreichische Literaten wie Thomas Bernhard, Elfriede Jelinek und Peter Handke beschäftigten sich eindringlich mit ihrem Landsmann. Bei zahlreichen Philosophen, Biographen, Feuilletonisten und Theologen lassen sich Spuren verfolgen - mal laut und luzid, mal leise und dezent, immer aber von lohnenswerter Klangfülle.

Am 14. Dezember 2015 begann um 18.00 Uhr der 10. Vortragsabend unter dem Titel „Das Echo der sakralen Musik“ mit einer erweiterten Einführung von Professor Mathias Mayer, der in aller Kürze einen Bogen spannte zwischen der Person Mozarts und seiner Bedeutung für die Ethik. So müsse, wer nach Mozarts Musik und deren Wirkung fragt, auch nach der Wahrheit fragen. Schließlich kann diese Musik als Übermittlung einer „unbequemen Wahrheit“ verstanden werden, die eben nicht in geistliche und geistige Höhen führt, sondern den Menschen als „allzumenschliche Wahrheit“ erscheint. Wer Mozarts große Opern „Die Zauberflöte“ oder „Don Giovanni“ sieht und hört, der kann die Frage nach dem Bösen nicht ignorieren. Gerade die Protagonisten dort, Don Giovanni oder die Königin der Nacht, stellen Figuren einer unbürgerlichen Wahrheit, ambivalente Fixpunkte in Mozarts Opern dar. Dabei wird Unmoralisches nicht gut geredet oder gerechtfertigt, jedoch wird die Zweifelhaftigkeit des Moralischen demonstriert. Schließlich wurde der Begriff der Utopie als „Dokument einer bedrückenden Notwendigkeit“ in den Kosmos Mozarts eingeordnet, ehe die Perspektive für sich daran anschließende Fragestellungen geweitet wurde.

Gerade die Spurensuche nach einem „evangelischen Mozart“, erscheint besonders reizvoll, wenn Professor Oberdorfer zu Beginn seines Vortrags festhält, dass „Mozart im evangelischen Klangraum [...] keine allzu starken Resonanzen hervorzurufen“ scheint. Dies lege zum einen an der Form der sakralen Musik als Messen, die sich gegen eine einfache Einpassung in den evangelischen Gottesdienst sperren; zum anderen an der Dominanz der musikalischen Sakralkultur durch den großen Johann Sebastian Bach, in dessen Schatten sich nachfolgende Sakralmusiker gestellt sahen – auch Mozart. Wobei es natürlich auch in protestantischen Kreisen immer schon Mozartliebhaber gab und immer noch gibt. Die Präferenz für Mozarts Musik sei, so Oberdorfer, eben nicht abhängig von Konfession und Religion: „Man muss nicht gläubig sein, um Mozart zu lieben.“ Nichtsdestotrotz habe es Mozarts sakrale Musik – trotz der protestantischen Feier seines 250. Geburtstags und der damit verbundenen Aufführung aller seiner 17 Messen im Jahre 2006 – in der protestantischen Sakralkunst schwer, wobei auch musikexterne Faktoren dabei nicht außer Acht gelassen werden dürfen.

Die theologisch-kirchliche Rezeption, aber auch die werk- und lebensgeschichtliche Forschung, scheinen bei der Bewertung des sakralen Werkes Mozarts vor gewichtige Fragen gestellt. Das Verhältnis zu seinem profanen Werk und seiner eigenen Religiosität muss wohl als Schlüsselelemente dieser Fragestellungen angesehen werden. So führt Oberdorfer drei unterschiedliche Strategien – die säkulare, die religiöse und die theologische Strategie – der Interpretation von Mozarts sakralem Werk auf. Eine eindeutige Klärung der Frage, nach der religiösen Motivation Mozarts gestaltet sich schwierig, da man auf methodische Probleme stoße. Naheliegender Weise ließe sich bei den Selbstaussagen Mozarts beginnen, deren Aussagekraft jedoch auch beschränkt ist. Ebenso wenig zielführend sei, so Oberdorfer, die Fokussierung auf die Werkinterpretation.

Ein erster Blick auf einige relevante Lebenszeugnisse Mozarts bleibt jedoch unumgänglich. Der katholische Habitus Mozarts, der in einem tief katholischen Milieu aufwuchs, ist unübersehbar. Daraus ließe sich auf eine Verinnerlichung – d.h. innere Aneignung der ritualisierten Frömmigkeit – schließen, jedoch könnte auch eine Veräußerung – d.h. eine Abkopplung und Automatisierung ohne innere Beteiligung – der Fall sein. Dies macht Oberdorfer auch nochmals deutlich: „Mozarts selbstverständliche Gewandtheit im Katholischen macht ihn nicht per se zum frommen Mann.“ Hinzu kommt, dass Mozart die Institution Kirche in früher Kindheit als Förderer, später dann als Arbeitgeber erlebte. Gleichzeitig zeugen zahlreiche Briefwechsel, u.a. mit seinem Vater, von einer religiösen Gesinnung, die durchaus als authentisch verstanden werden kann. Hinzu kommen Anekdoten und Berichte, die diese Annahme unterstreichen. Sicher war Mozart theologisch wenig elaboriert, jedoch scheint eine Verbindung mit einem Katholizismus volksreligiösen Charakters äußerst wahrscheinlich. Daher zieht Oberdorfer als Fazit: „Mozart bekennt sich [...] gewiss zu der Seelenintensität der katholischen Glaubenswelt, und zweifellos spricht aus diesen Worten ein kompositorischer Ernst, der es verbietet, Mozarts sakrales Werk als bloße Auftragsmusik zu bagatellisieren, deren Anfertigung er ohne innere Beteiligung hinter sich gebracht hätte.“

In einem zweiten kürzeren Teil kam Oberdorfer schließlich auf die originelle, wenn auch nicht unproblematische Mozart-Rezeption bei Karl Barth und seinem Schüler Karl Hammer zu sprechen. Barth, der zu den einflussreichsten Theologen des 20. Jahrhunderts zu zählen ist, galt als großer Mozartliebhaber, der eine beinahe schwärmerische Bewunderung für Mozart hegte. So schrieb Barth in einen „Dankesbrief“ an Mozart: „Wie es mit der Musik dort steht, wo Sie sich jetzt befinden, ahne ich nur in Umrissen. Ich habe die Vermutung, die ich in dieser Hinsicht hege, einmal auf die Formel gebracht: ich sei nicht schlechthin sicher, ob die Engel, wenn sie im Lobe Gottes begriffen sind, gerade Bach spielen – ich sei aber sicher, daß sie, wenn sie unter sich sind, Mozart spielten und daß ihnen dann doch auch der liebe Gott besonders gerne zuhört.“1 Zwar war dem Liebhaber Barth nichts daran gelegen einen theologischen Entwurf zu Mozart auszuarbeiten, wenngleich sich Ansätze dazu in seinen Gelegenheitsschriften zu Mozart finden, jedoch könnte der Begriff der Absichtslosigkeit in seinen Resonanzen auf den Genius seine Begeisterung zusammenfassen. In dieser Absichtslosigkeit des Spiels gelingt Mozart, ohne es bewusst zu wollen und darauf abzuzielen, das faktische Lob Gottes.2 Dabei nehme der Ton, den Mozart in seiner Musik zum Erklingen bringt, gegenüber dem Wort eine eigenständige Position ein.3 An Barth anknüpfend, legte Karl Hammer eine umfassende theologische Betrachtung Mozarts vor, die sich durch ihre unwidersprochene Expertise und Akribie auszeichnete. Gleichzeitig theologisierte Hammer Mozarts Werk radikal und vereinnahmte es dadurch für eine bestimmte Theologie.

Professor Oberdorfer wandte sich gegen eine solche Einseitigkeit, jedoch strich er positiv heraus: „Die Liebe zu Mozart nötigte seine theologisierenden Verehrer, die Fülle, Vielfalt und Vielspältigkeit der irdischen Wirklichkeit, wie sie sich etwa in seinen Opern [...] artikulieren, ernster zu nehmen, für Zwischentöne im wörtlichen wie im übertragenen Sinn aufmerksamer zu werden und so mehr ‚Welt’ in ihr theologisches Denken hinein zu lassen.“ Damit hatte er ein eindrückliches Schlusswort formuliert, das noch nachhallt.

von Hannes Müller, Student des Elitestudienganges Ethik der Textkulturen

1 Barth, Karl: Dankbrief, in: ders.: Wolfgang Amadeus Mozart. 1756/1956, Zürich 121987, 9-13, hier S. 12.
2 Vgl. Barth, Karl: Mozart, a.a.O., 15-29, hier S. 25f.
3 Vgl. a.a.O., 26f.

 

 

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