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Forschungsarbeit

Grenzkonflikte im Persischen Golf - Ursachen und Wege aus der Eskalation

Von Niklas Andreas Haller (16.07.2015)

Nicht erst seit dem rasanten Vormarsch der Milizen des selbsternannten Islamischen Staates in Syrien und im Irak im Laufe dieses Jahres, sondern bereits seit Ausbruch des Syrischen Bürgerkrieges ist unzweifelhaft, dass die territoriale Struktur des Nahen Ostens, die maßgeblich von den Siegermächten des 1. Weltkrieges geprägt wurde, sich der wahrscheinlich größten Herausforderung ihrer Geschichte ausgesetzt sieht. Zahlreiche Analysten haben die jüngsten Vorgänge als die Auflösung der einst oktroyierten Territorialordnung, die häufig mit dem anglofranzösischen Sykes-Picot Abkommen gleichgesetzt wird, interpretiert.

[Bildunterschrift / Subline]: Abb. 1: Fort Zubarah, Katar (Foto: N. Haller)

Insbesondere vor diesem aktuellen Hintergrund wird klar, dass ein besseres Verständnis der Natur und Bedeutung territorialer Strukturen, von Territorialität und insgesamt von Grenzfragen im arabischen Raum dringend von Nöten ist. Nicht nur in der Levante, auch in der benachbarten und geostrategisch wohl ungleich bedeutenderen Golfregion, ist die Frage nach der Dauerhaftigkeit, Bedeutung und Lage von Grenzen nicht erst seit dem Ende der britischen Präsenz in der Region im Jahre 1971 von entscheidender Bedeutung für historische Entwicklungen und das politische Geschehen.

Die politische Landschaft des Persischen Golfs ist geprägt von einer Unzahl von Territorialkonflikten zwischen beinahe allen Staaten der Region, die die oftmals bereits problematischen und konfliktreichen zwischenstaatlichen Beziehungen weiter belasten. Insbesondere die Langlebigkeit und die Hartnäckigkeit vieler dieser Dispute, die sich oftmals über Jahrzehnte jeglicher friedlicher Beilegung entzogen haben, sind bemerkenswert.

Im Rahmen meiner Forschungsarbeit habe ich mich mit der Frage auseinandergesetzt, wo die Ursachen dieser bemerkenswerten Häufigkeit, Langlebigkeit und Dauerhaftigkeit territorialer Konflikte im Persischen Golf zu lokalisieren sind, eine Frage die in der bisherigen akademischen Forschung höchst selten in systematischer Weise behandelt wurde.

In einem ersten theoretischen Teil wurden neun Erklärungsmodelle für Grenzdispute im Golfraum, die sich in der akademischen Literatur finden, identifiziert und kategorisiert. Drei Großkategorien zeichneten sich ab: Einerseits die Erklärungsmodelle, die Grenzdispute als Ausdruck tatsächlicher Streitigkeiten über Land und seinen intrinsischen Nutzen sehen, ausgelöst durch seinen (1) Ressourcenreichtum, seinen potentiellen (2) strategischen Nutzen oder durch grundlegende (3) Unterschiede in der Interpretation eines eigentlich festgelegten Grenzverlaufes.

Andererseits existieren auch Erklärungsmodelle, die Grenzdispute als Ausdruck tiefer liegender Konflikte verstehen, ein Ansatz der am besten ausgedrückt wurde durch den Satz des Geographen Jacques Ancel, dass es keine Probleme von Grenzen, sondern nur Probleme von Staaten gebe. In diesem Verständnis werden (4) historische Rivalitäten zwischen Staaten, ein (5) territorial verankerter Nationalismus und Prestigedenken und die (6) strategische Nutzung von Grenzdisputen durch Machthaber in der Verfolgung einer Machterhaltungspolitik als bedeutende Ursachen von Grenzdisputen gesehen. Eine dritte Gruppe häufig genannter Faktoren für Territorialstreitigkeiten verweist auf verschiedene einzigartige historische Entwicklungen der Golfregion im Verlaufe der Herausbildung staatlicher Territorialität, insbesondere auf das problematische Erbe der (7) Staatsentwicklung im 20. Jahrhundert, (8) der traditionellen tribalen Konzepte von Territorialität und schließlich des (9) britischen Imperialismus in der Region.

In einem zweiten Schritt wurden diese neun potentiellen Faktoren vor dem Hintergrund einer besonders gut geeigneten Fallstudie, des bahrainisch-katarischen Grenzkonfliktes um die Hawar-Inseln, Zubarah und maritime Grenzen, welcher 2001 vom Internationalen Gerichtshof beigelegt wurde, auf ihre Erklärungskraft hin untersucht. Hauptgrundlage für die Untersuchung stellten, neben einer Forschungsreise in die ehemals umstrittene Region, Archivquellen, insbesondere ehemalige britische administrative Korrespondenzen dar.

Die Ergebnisse dieser Untersuchung haben eines zweifelsfrei gezeigt: Dass Grenzdispute höchst komplexe Konflikte sind, die sich einfachen Antworten entziehen und nur im breiten historischen, ökonomischen und politischen Kontext in den sie eingebettet sind, untersucht und verstanden werden können. Bezüglich der individuellen Erklärungskraft der einzelnen Faktoren erscheint ein klares Urteil ungleich schwerer. Es scheint sich jedoch abzuzeichnen, dass insbesondere die problematischen Staatsbildungsprozesse im Laufe des 20. Jahrhunderts eine entscheidende Rolle für die Entstehung von Grenzstreitigkeiten gespielt haben. Die Rolle des am häufigsten genannten Faktors - natürliche Ressourcen und insbesondere Öl - scheint dagegen geringer als angenommen gewesen zu sein und muss insbesondere differenzierter gesehen werden, als Katalysator nicht nur für den Ausbruch von Streitigkeiten, sondern auch für ihre Beilegung. Der Wunsch nach ökonomischer Ausbeutung von Territorien kann eine mächtige Triebfeder für Kompromisse und die Beilegung alter Territorialkonflikte sein.

Als weitere wichtige Faktoren für eine friedliche Beilegung von Grenzdisputen, die wohl wichtigste Lehre des bahrainisch-katarischen Falles, erscheinen eine generelle Entspannung der zwischenstaatlichen Beziehungen, die Einschränkung medialer Propaganda und die Versachlichung des Disputes und, mindestens ebenso wichtig, die beidseitige Akzeptanz eines unparteiischen Schiedsrichters oder eines internationalen Schiedsgerichts. Diese Lehren könnten sich angesichts eines sich wieder im Fluss befindlichen territorialen Systems im Nahen Osten und der damit verbundenen Möglichkeiten eines Neu- oder Wiederaufbrechens territorialer Verwerfungen als überaus wichtig erweisen.


mailto: Niklas Haller
Niklas Haller
* 1991

Wissenschaftlicher Werdegang
  • 2013-2014
  • MA International Relations of the Middle East, University of Exeter, Großbritannien
  • 2011-2012
  • Erasmus-Aufenthalt am Department of Peace Studies, University of Bradford, Großbritannien
  • 2009-2013
  • B.A. Politikwissenschaft (Hauptfach) und Geschichte (Nebenfach), Ludwig-Maximilians-Universität München