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Forschungsarbeit

Das Konzept der disruptiven Innovation –
eine vergleichende Analyse von Durchsetzbarkeit und Auswirkungen
der Theorie im Gesundheitswesen der USA und Deutschlands

Von Dr. Stefanie Steinhauser (01.07.2014)

Die vorliegende Arbeit bewegt sich sowohl auf dem Gebiet der Betriebswirtschaftslehre als auch auf dem der Medizin. Das Konzept der disruptiven Innovation von Clayton M. Christensen (1997) ist ein zentrales Thema der Innovationsforschung. Es liefert eine Erklärung dafür, warum erfolgreiche, etablierte Unternehmen häufig an  dieser Art der diskontinuierlichen Innovation scheitern. Die Mechanismen der disruptiven Innovation konnten in mehreren Industrien beobachtet werden. Der Prozess der Disruption führt zu großen Veränderungen in einer Industrie und macht ihre Produkte und Dienstleistungen letzten Endes erschwinglicher und für größere Personengruppen zugänglich. In den Gesundheitswesen von Industrienationen fand bisher noch kein derartiger Vorgang statt. Doch gerade hier sind Innovationen, die die Kosten der Systeme senken, dringend von Nöten. Die Masterarbeit konzentriert sich auf die Betrachtung der Gesundheitswesen der USA und Deutschlands. Die beiden Systeme unterscheiden sich dahingehend von Grunde auf, als dass das US-amerikanische System auf dem Prinzip der freien Marktwirtschaft und das deutsche System auf dem Sozialstaatsprinzip beruht. Dennoch stehen beide Systeme  vor  den  gleichen  grundlegenden  Problemen:  Dem  demographische  Wandel sowie stetig steigenden Kosten, die in absehbarer Zeit nicht mehr tragbar sein werden.

[Bildunterschrift / Subline]: Abb. 1: Die kontinuierliche Disruptionskaskade im Gesundheitswesen (Quelle: Christensen/ Grossman/Hwang (2009).

Vor diesem Hintergrund haben die Autoren Christensen, Grossman und Hwang (2009) ein auf der Theorie der disruptiven Innovation beruhendes, umfassendes Konzept für die Transformation des Gesundheitswesens in ein kostengünstigeres, zufriedenstellenderes und zugänglicheres System entworfen. Sie identifizieren drei Komponenten disruptiver Innovationen: Erstens technologische Enabler (wie molekulare Diagnostik, diagnostische Bildgebung und allgegenwärtige Informations- und Kommunikationstechnologien), welche das Verständnis und die Therapie von Erkrankungen sowie ihrer Ursachen verbessern. Zweitens Geschäftsmodellinnovationen, wobei  die  Autoren  die  Aufspaltung  der  vermengten  Geschäftsmodelle  von Krankenhäusern und Arztpraxen in drei distinkte Geschäftsmodelle empfehlen: Solution Shops, Wertschöpfungsprozess-Geschäftsmodelle und Facilitated Networks. Schließlich sollen machtvolle Integratoren wie integrierte Anbieter oder große Arbeitgeber ein kohärentes Wertnetzwerk schaffen. Die Publikation der Autoren bezieht sich stark auf das Gesundheitswesen der USA, wobei die Anwendung in anderen Systemen nicht ausgeschlossen wird. Daraus leitet sich die Fragestellung ab, inwieweit dieses Konzept tatsächlich auf das US-amerikanische sowie auf das deutsche Gesundheitswesen angewandt werden kann.

Anhand ausgewählter  zentraler  Aspekte  werden  Durchsetzbarkeit  und Auswirkungen dieses Konzeptes im Gesundheitswesen der USA und Deutschlands vergleichend analysiert. Mit dem Widerstand der Akteure, einer zögerlichen Implementierung und starken Regulierungen konnten drei wichtige Barrieren für die Disruption der Gesundheitssysteme aufgezeigt werden: Kultur und Werte der gegenwärtigen Systeme führen zum Widerstand diverser Akteure gegenüber disruptiven Versorgungskonzepten und Technologien. Die zögerliche Implementierung von disruptiven Innovationen stellt eine weitere Barriere dar. Auf diese Weise wird verhindert, dass disruptive Innovationen die kritische Masse erreichen, welche benötigt würde, um ein neues, disruptives Wertnetzwerk im Gesundheitswesen durchzusetzen. Schließlich stellen starke Regulierungen sowie die gegenwärtigen Vergütungssysteme hohe Eintrittsbarrieren für  Disruptoren  dar  und  wahren  den  Status  quo.  Die  vergleichende  Analyse  macht deutlich, dass die Barrieren für eine Disruption des Gesundheitswesens in Deutschland stärker ausgeprägt sind als in den USA. Während in den USA bereits einige disruptive Versorgungsformen implementiert wurden und zudem weitere Strukturen existieren, die den disruptiven Elementen ähnlich sind und vergleichsweise einfach weiterentwickelt werden können, weichen die Strukturen in Deutschland sehr viel stärker von dem empfohlenen disruptiven Wertnetzwerk ab. Somit wären in Deutschland nicht nur deutlich umfassendere Umgestaltungen notwendig, sie würden aller Voraussicht nach auch zu größerem Widerstand führen.

Die Chancen und Risiken, welche sich aus der Implementierung ergeben können, stellen sich in beiden Systemen vergleichbarer dar. Es wird jedoch deutlich, dass die Implementierung trotz zahlreicher Chancen auch einige substanzielle Risiken birgt. Die Integration der Versorgung von Patienten führte in beiden Systemen zu Kosteneinsparungen. Dieser Effekt könnte durch die verstärkte Implementierung von disruptiven Geschäftsmodellen und standardisierten elektronischen Patientenakten noch deutlich  gesteigert  werden.  Zudem  haben  IT-Anwendungen  für  mobile  Endgeräte (mHealth oder mobile health) in beiden Systemen das Potential, die medizinische Versorgung kostengünstiger, einfacher und für größere Personengruppen zugänglich zu machen. Im Gegensatz dazu scheint das Potential zur Verbesserung der Versorgung durch disruptive Innovationen wie retail clinics (in denen einfache Erkrankungen ohne ärztliche Aufsicht von medizinischem Assistenzpersonal behandelt werden) in den USA stärker ausgeprägt zu sein als in Deutschland. Den sich bietenden Chancen stehen jedoch auch signifikante Risiken gegenüber, die sich in beiden Systemen vergleichsweise einheitlich  darstellen.  So  birgt  die  Versorgung  unter  einer  pauschalen  Vergütung  die Gefahr  einer  Verschlechterung  der  Versorgungsqualität  sowie  der  Limitierung  des Zugangs zu medizinischer Versorgung. Die Versorgungsqualität kann sowohl durch Über- als auch Unterversorgung beeinträchtigt werden. Zudem können disruptive Innovationen zu einer stärkeren Versorgungsinanspruchnahme führen, da sie diese kostengünstiger und zugänglicher gestalten. Die Ergebnisse machen deutlich, dass die Durchsetzung der Disruption in beiden Systemen eines Trade-offs zwischen Chancen und Risiken bedarf. Zusätzlich wären Reformen von Gesetzen und Regulierungen vonnöten, welche nicht nur Barrieren für die Implementierung disruptiver Innovationen abbauen, sondern auch ein Umfeld schaffen würden, das die einhergehenden Risiken minimiert und die ausreichende Versorgung der Bevölkerung sicherstellt.


Wissenschaftlicher Werdegang
  • * Approbation als Zahnärztin und Promotion zum Dr. med. dent.
  • * Graduierung im Rahmen des “Honors”-Elitestudiengangs für Betriebswirtschaftlehre