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Forschungsarbeit

Der Autor und seine Kritiker – ein besonderes Verhältnis
Literaturkritik und Lektorat als Identitätskritik

von Alexa Ruppert unter der Betreuung von Fr. Prof. Dr. Andrea Bartl  (21.10.2014)

Immer wieder erscheinen Romane, deren Handlung im Literaturbetrieb spielt. Sehr oft ist eine der ersten Fragen der Literaturkritik im Feuilleton und in manchen Fällen der Literaturwissenschaft an einen Text, ob es sich um einen Schlüsselroman handelt und inwiefern sich darin Bezüge und Verhältnisse zur Realität wiederfinden lassen.
Wie sind die Pole Realität und Fiktivität in diesem besonderen Fall miteinander in Bezug zu setzen? In welchem Verhältnis stehen die Instanzen Autor, Erzähler, Leser und der reale Autor, seine Kritiker und Leser als wirkliche Person zum Text und den darin erschaffenen Identitäten? Wie bilden sich Identität und Rollen im literarischen Text? Sind faktische Texte über das Selbstverständnis von Teilnehmern des Literaturbetriebs überhaupt mit literarischen Texten in Verbindung zu setzen? Ist ein Schlüsselroman durch seine Definition nur durch die Realität interpretierbar?

[Bildunterschrift / Subline]: Foto: Sandy Lama

Um diese Leit- und Arbeitsfragen zu beantworten, scheint es sinnvoll, einen Teilaspekt der Beziehungen der Personen und literaturwissenschaftlichen Instanzen untereinander herauszugreifen. Das Verhältnis des Autors und der Autorfigur zu seinen Lesern und Leserfiguren – ganz besonders zu den kritischen Lesern – bietet sich im besonderen Maße als Untersuchungsgegenstand für diese Fragestellungen an. Unter dem Gesichtspunkt der kritischen Leseweise und Identitätskonstruktionen im Text ist es wichtig, zu klären, ob Kritik am Text für Autoren gleichzeitig Kritik an der Konstruktion eigener Identitäten bedeutet.

Zu den Kritikern zählen in erster Linie die Literaturkritiker, aber auch die Lektoren, die in der Lektoratsarbeit eine Form von Kritik ausüben, und ebenso andere Autoren, die teilweise die Rolle eines Mentors einnehmen können. Daher ist es gerade die Kritik oder die Suche nach der Hinwendung zu dem kritischen Leser, die in Literaturbetriebsromanen neben der Konstruktion von Identität thematisiert wird. Während es zur Literaturkritik und deren Verhältnis zum Text und Autor sowie zu dem Verhältnis von Autoren in einer Art von Arbeits- oder Mentorbeziehung einige Publikationen gibt, finden sich nur sehr wenige zur Lektoratsarbeit.

Kritik an einem literarischen Text als Kritik an der Identität des Autors zu betrachten, verspricht einige neue Erkenntnisse in Bezug auf Analysemöglichkeiten von Texten. Darüber hinaus soll diese Form der Untersuchung neue Ergebnisse auf die Verhandlung von Fiktion und Realität in der Literatur bringen und das Verhältnis der Akteure am Literaturbetrieb näher beleuchten. Das Lektorat scheint als unbestimmbare Größe hinter den Texten zu stehen: Es kann auf den Titel der Monographie „Der unsichtbare Zweite“ von Uta Schneider verwiesen werden, der eben diesen nicht-greifbaren Anschein des Lektorats widerspiegelt. Ein Vergleich mit der wesentlich besser zugänglichen Literaturkritik stellt sich deshalb als vielversprechend dar, um diese Lücke in der Forschungsliteratur zu schließen.

Am Ende soll aber nicht nur der Versuch unternommen werden, sich dem Lektorat anzunähren, sondern auch gezeigt werden, dass an der Stelle, an der Fiktion und Realität wichtig für die Analyse eines Textes werden, nach neuen Interpretationsmethodiken gesucht werden muss. Literaturwissenschaftliche Theorien zur Autorschaft und zur Fiktions- und Realitätsdebatte genügen dem Text nicht mehr. Es steht die Verbindung von anderen wissenschaftlichen Disziplinen wie der Psychologie, der Soziologie und der Philosophie mit der klassischen Literaturwissenschaft im Vordergrund. Diese Überlegung ist zwar nicht neu, wurde aber bisher oft nur mit einer anderen Disziplin durchgeführt. So soll versucht werden, mehrere Disziplinen miteinander zu vernetzen.

Vor dieser Verbindung wird es erst möglich, das Selbstverständnis der Kritiker und Lektoren, das für die Definition der Begriffe und der Art der Kritik zu Beginn genutzt werden wird, dem Selbstverständnis der Autoren gegenüberzustellen, aufeinander zu beziehen und schließlich von Seiten der Schriftsteller im Text zu verorten. Durch die Verwendung von faktischen und literarischen Texten werden produktive Ergebnisse erwartet, die durch eine Analyse nur mit Hilfe von literaturwissenschaftlichen Methodiken nicht möglich wäre. Der literarische Text gibt so die Grundlage, Abläufen gewahr zu werden und diese ein Stück weit erfahrbar zu machen, die in der Realität im Hintergrund liegen und oft nicht öffentlich gezeigt beziehungsweise verhandelt werden. Dies wird durch die Verbindung des psychologischen Identitätsdiskurses mit gängigen literaturwissenschaftlichen Theorien zur Autorschaft geleistet. Hierin liegt das Neue und vielleicht auch Kontroverse dieses breiten Theorieansatzes. Literatur beziehungsweise deren Analyse werden genutzt, um reale Begebenheiten sichtbar zu machen und sich gleichzeitig davon zu distanzieren. Durch den Einsatz der Possible-Worlds-Theory soll schließlich nicht einfach nur eine weitere literaturwissenschaftliche Arbeit entstehen, die sich der Frage der Definition des Schlüsselromans und seiner Interpretierbarkeit durch die Realität widmet, sondern der Versuch, Romane, deren Handlung im Literaturbetrieb angesiedelt ist, als Bindeglied zwischen den Polen Realität und Fiktion zu sehen.


mailto: Alexa Ruppert
Alexa Ruppert
* 1984

Wissenschaftlicher Werdegang
  • 2004-2010
  • Magisterstudium Neuere Deutsche Literaturwissenschaft mit den Nebenfächern Psychologie und Kommunikationswissenschaftm, Otto-Friedrich-Universität Bamberg
  • seit 2012
  • Dissertation mit dem Arbeitstitel „Der Autor und seine Kritiker – Ein besonderes Verhältnis. Literaturkritik und Lektorat als Identitätskritik“ in dem Fachgebiet Neuere Deutsche Literaturwissenschaft an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg

Preise und Stipendien
  • seit Mai 2013: Forschungsstipendium im Rahmen des BayEFG

Publikationen
  • * „Skandal ohne Skandal?! Zur Medienrezeption, der Skandaltauglichkeit und der Verbindung von Realität und Fiktion in Norbert Gstreins Die ganze Wahrheit“ Beitrag für einen Sammelband zum Thema Skandalautoren herausgegeben von Prof. Dr. Andrea Bartl u.a.
  • * „Über Autorintention, Täuschung, technisches Handwerk und die Zusammenarbeit von Autor und Lektor. [...]“ Interview für einen Sammelband herausgegeben von Prof. Dr. Andrea Bartl