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Forschungsarbeit

“More than meats the eye”:
The reception of phraseological substitutions in newspaper headlines

Von Sylvia Jaki (06.03.2014)

Dass Menschen mit Sprache spielen, ist nichts Neues. Mit welch hoher Frequenz wir heutzutage mit spielerisch abgewandelten Mehrwortlexemen (Phraseologismen) konfrontiert werden, ist allerdings augenfällig: Zeitungsartikel werden mit Titeln wie Mit Kind und Hegel; Mich laust der Chef; Misstrauen ist gut, Kontrolle ist besser oder More than meats the eye versehen, in der Werbung heißt es Der frühe Bucher fängt den Preis und der Friseurladen um die Ecke nennt sich Hin und Hair. All diese Fälle funktionieren nach demselben Prinzip: Ein Phraseologismus, d.h. eine in der Sprechergemeinschaft bestehende feste Wendung (Sprichwort, idiomatische Einheit, geflügeltes Wort, Filmtitel, Werbeslogan etc.), wird abgewandelt, indem ein Teil durch einen anderen ersetzt wird – man spricht hierbei von lexikalischer Substitution. Diese Dissertation untersucht genau solche Sprachspiele und beleuchtet, nach welchen Mechanismen lexikalische Substitution im Rezeptionsprozess funktioniert. 

Ziel der Arbeit war es, eine Typologie der Substitutionsarten zu erstellen und für die verschiedenen Kategorien ein differenziertes Dekodierungsmodell zu entwerfen, das klären soll, wie Zeitungsleser substituierende Modifikationen in Überschriften verstehen. Hierfür wurden in drei Teilbereichen unterschiedliche Aspekte des Rezeptionsprozesses untersucht.

Zunächst wurde mit 100 Studierenden der LMU München ein Assoziationsexperiment durchgeführt, in dem die Testpersonen mit modifizierten und nicht-modifizierten Phraseologismen in Zeitungsüberschriften konfrontiert wurden. Die wichtigste Erkenntnis war, dass man – entgegen der landläufigen Annahme – nicht automatisch die kanonische Form (also beispielsweise mit Kind und Kegel) assoziiert, wenn man mit dem Original prinzipiell vertraut ist. Des Weiteren zeigte sich, dass es Typen von Dekodierern zu geben scheint: Manche Leser stützen sich beim Verstehen von Überschriften mit phraseologischen Modifikationen primär auf das Substituens, während andere eher auf das Substituendum (Originalphraseologimus) zurückgreifen. Mischtypen unter den Lesern wiederum beziehen in höherem Maße beide Ebenen in den Verstehensprozess mit ein. Da der ersten Gruppe von Versuchspersonen die Test Items isoliert vorgelegt wurden, die zweite dagegen kurze Hinweise zum Kontext erhielt (in den meisten Fällen in Form des Leads), konnte außerdem geklärt werden, in welchen – erwartungsgemäß seltenen – Fällen eine lexikalische Substitution kontextfrei verstanden werden kann.

Der zweite empirische Teil der Arbeit beschäftigt sich mit der Wiedererkennbarkeit des Originals. Die Beziehungen zwischen Substituens und Substituendum sind prinzipiell unterschiedlicher Natur: In vielen Fällen handelt es sich um eine paronymische Relation wie zwischen Kegel und Hegel. Relativ häufig sind außerdem semantische Relationen, v.a. Antonymie wie zwischen Vertrauen und Misstrauen. Bisweilen weisen Substituens und Substituendum jedoch auch keinerlei systematische Beziehung auf (Affe vs. Chef). Durch ein Wiedererkennensexperiment mit weiteren 150 Studierenden der LMU sollte die in der Fachliteratur vorherrschende These getestet werden, Paronymie und semantische Relationen würden das Wiedererkennen eines Phraseologismus erleichtern. Prinzipiell wurde diese Hypothese bestätigt, d.h. paronymische Substitutionen wurden am häufigsten erkannt, gefolgt von den verschiedenen semantischen Relationen. Allerdings war die Wiedererkennensquote für alle Gruppen relativ hoch. Naheliegend ist, dass die Beziehung zwischen Substituens und Substituendum lediglich einen Faktor hinsichtlich der Wiedererkennbarkeit der kanonischen Form darstellt und Aspekte wie Entrenchment (die Verankerung eines Phraseologismus im mentalen Lexikon) entscheidender sind. Hierauf weist auch die große Varianz der Ergebnisse zwischen den verschiedenen Test Items hin (s. Abbildung).

[Bildunterschrift / Subline]: Abb.: Varianz zwischen den 50 verwendeten Test Items (NB: Free kann mit der Kategorie der unsystematischen Relationen gleichgesetzt werden).

Einen essenziellen Teil der Arbeit stellt die Frage nach der Semantik von lexikalischen Substitutionen dar. In diesem Zusammenhang lag das Hauptaugenmerk auf Fauconnier & Turners (1998) Konzeptueller Integrationstheorie (Conceptual Integration Theory, CIT). Diese sieht Bedeutung als dynamisches Konstrukt an und vertritt die These, dass lediglich die kontextuell relevanten Aspekte bestehender Frames aktiviert werden (Mental Spaces). Durch Komprimieren der Beziehungen zwischen verschiedenen Spaces in einem konzeptuellen Blend entsteht ein sogenannter Blended Space, der emergente Bedeutung enthält. Verschiedene Forschungsarbeiten erklären phraseologische Modifikationen bereits mit Hilfe von CIT. Was allerdings bisher nicht klar wurde, ist, ob sich spezifische rekurrierende Blendingpatterns ausmachen lassen und wo die Grenzen der Theorie für die Anwendbarkeit auf lexikalische Substitutionen liegen. Eine Untersuchung von Substitutionen aus Zeitungsüberschriften zeigte, dass Blends zwar in hohem Maße idiosynkratisch sind, sich gewisse Patterns jedoch finden lassen. Überdies wurde deutlich, dass nur relativ wenige Fälle typische konzeptuelle Blends mit reichen Assoziationsnetzwerken darstellen, sondern eher einfache Blends. Und wieder andere Substitutionen scheinen insgesamt auf simpleren Mechanismen zu beruhen (Inkongruenz oder Übernahme rhythmischer Muster). 

 


mailto: Sylvia Jaki
Sylvia Jaki
* 1983

Wissenschaftlicher Werdegang
  • 2008-2009
  • Lehramtsstudium für Gymnasium, München
  • 04/2013 - 10/2013
  • Promotionsstudium Nordische Philologie (HF), Komparatistik (NF) an der LMU München
  • 2009-2013
  • Promotionsstudium Linguistik (LIPP) mit der Dissertation "More than meats the eye": The reception of phraseological substitutions in newspaper headlines, München
  • seit 2013
  • Wissenschaftliche Mitarbeiterin in Forschung und Lehre am Institut für Übersetzungswissenschaft und Fachkommunikation der Universität Hildesheim

Publikationen (Auszug)
  • * Cunha, C., S. Jaki, T. Reiner & U. Stangel, Hrsg. (2011): Sprachvariation im europäischen Kontext/ Language Variation in Europe and Beyond. JournaLIPP 1
  • * Cunha, C. , D. Graziadei, S. Jaki, T. Pröbstl, S. Söllner & S. Stange, Hrsg. (2012): Über Grenzen Sprechen. Mehrsprachigkeit in Europa und der Welt. Würzburg: Königshausen & Neumann.
  • * Jaki, S. (2012): "Bier, Schweiß und Tränen – The activation ofassociative networks by lexical substitutions in phraseological units". In: A. Pamies, J. M. Pazos und L. Luque-Nadal (Hrsg.), Phraseology and Discourse: Cross-Linguistic corpus-based approach