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Forschungsarbeit

Die Einführung des achtjährigen Gymnasiums

und deren Auswirkungen auf die Bildungsungleichheit in Deutschland  

Von Christoph Homuth (13.05.2014)

Kaum eine Bildungsreform hat derartige Diskussionen ausgelöst wie die Einführung des achtjährigen Gymnasiums (G8). In vielen Bundesländern ist die Reform gerade erst umgesetzt und schon werden die Rufe nach einer Wiedereinführung des G9 laut. Dies ist umso erstaunlicher, da bislang kaum Studien zu den Auswirkungen der Reform vorliegen. Das Ziel dieses Projekts ist es, die Auswirkungen dieser Strukturreform auf Bildungserfolg und Bildungsungleichheit unter Verwendung vorhandener Daten zu untersuchen und empirisch zu quantifizieren.

Bei der G8-Reform wird in der Regel von einer Schulzeitverkürzung gesprochen. Allerdings ist es auch möglich, die Reform als eine Schulzeitverlängerung zu betrachten: Um das „gekürzte“ 13. Schuljahr zu kompensieren, müssen Schüler/-innen in den verbleibenden acht Jahren pro Woche länger in der Schule bleiben, um das vorgesehene Lernpensum erfolgreich zu absolvieren. In der Bildungsforschung sind die positiven Auswirkungen von Beschulungsdauer für den Kompetenzerwerb unumstritten: Wer länger lernt, kann mehr lernen. Des Weiteren belegen Studien, dass ein anspruchsvoller Unterricht auch höhere Lernleistungen bewirkt. Die Kritiker der G8-Reform halten jedoch dagegen, dass die Schülerinnen und Schüler nun zu viel auf einmal lernen müssten und sie am Ende weniger davon hätten, weil ihnen das gekürzte Jahr zum Verarbeiten des Gelernten fehlen würde. Daraus ergibt sich die erste Forschungsfrage: Welche Auswirkungen hat die Einführung des achtjährigen Gymnasiums für das allgemeine Kompetenzniveau der Gymnasiastinnen und Gymnasiasten? Zur Beantwortung dieser Frage kann man die PISA-Ergebnisse der einzelnen Bundesländer vor und nach der Reform miteinander vergleichen. Dabei ergibt sich ein interessantes Bild: Schüler im Alter von 15 Jahren weisen nach der Reform signifikant bessere Leseleistungen als Schüler davor auf; und das, obwohl sie durch eine deutlich heterogenere Zusammensetzung der Schülerschaft eher schlechtere Voraussetzungen dafür haben. Eine genauere Analyse zeigt weiterhin, dass vor allem leistungsschwächere Schüler von der Reform profitiert haben - allerdings nicht auf Kosten von den leistungsstärkeren, denn diese profitieren auch und zeigen im Vergleich zum G9 bessere Leseleistungen am Ende der Sekundarstufe I.
Die medial wirksamen internationalen Schulleistungsstudien, allen voran PISA, haben deutlich gemacht, dass der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg in Deutschland im internationalen Vergleich besonders stark ausgeprägt ist. Kinder aus bildungsnahen und ressourcenreichen Elternhäusern haben viel bessere Voraussetzungen, sich im Bildungssystem erfolgreich zu bewähren. Als eine Ursache kann auch das deutsche Bildungssystem ausgemacht werden. Daher ist als nächstes zu fragen: Hatte die G8-Reform Auswirkungen auf den Zusammenhang zwischen Elternhaus und Leseleistung am Gymnasium? Vergleicht man die PISA-Ergebnisse von Gymnasiasten aus höheren Sozialschichten mit denen aus niedrigeren, so kommt man zu dem Ergebnis, dass sich der Abstand zwischen diesen Gruppen nach der Einführung des G8 tendenziell verringert hat.
Doch nicht nur auf die Leistungen am Gymnasium selber hat die Reform Auswirkungen. Durch die Änderung der gymnasialen Lernvoraussetzung verändern sich auch die Bildungsentscheidungen der beteiligten Akteure (Eltern, Kinder, Lehrkräfte), deren Betrachtung ebenfalls ein Teil dieses Projekts ausmachen. So kann man z.B. eine Veränderung bei Grundschullehrkräften festgestellt werden: Am Ende der Grundschule erhalten die Schüler/-innen eine Empfehlung für eine bestimmte Sekundarschulform, die dem Potential des Schülers am ehesten entspricht. Bisherige Studien haben gezeigt, dass Lehrkräfte sich neben den gezeigten Leistungen der Kinder auch an anderen Faktoren wie z.B. den Bildungswünschen der Eltern orientieren, welche insbesondere bei Eltern aus höheren Schichten besonders stark ausgeprägt sind.
Nun kann davon ausgegangen werden, dass das Gymnasium in der Wahrnehmung der Lehrkräfte mit dem G8 anspruchsvoller geworden ist und deswegen seltener ein Gymnasium empfohlen wird. Dies sollte besonders der Fall sein bei Schülern, die weniger bildungsrelevante Ressourcen aufbringen können oder deren Leistungen „auf der Kippe“ stehen. Hier sollten „leistungsfremde“ Faktoren an Einfluss gewinnen. Die Analyse der Daten der vergangenen IGLU (Internationale Grundschul-Leseuntersuchung) Studien zeigt, dass man zwar nicht zu einer generellen Tendenz von weniger Gymnasialempfehlungen durch die Grundschullehrkräfte sprechen kann. Allerdings sprechen Lehrkräfte nach der Reform häufiger eine Gymnasialempfehlung für Kinder mit hohem sozialem Status aus. Somit spielen leistungsfremde Kriterien aufgrund der Reform eine noch größere Rolle, was als Zeichen für eine Verschärfung der sozialen Selektivität gewertet werden muss.


Wissenschaftlicher Werdegang
  • 2003-2009
  • Diplomstudium der Soziologie an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg
  • 2009-2012
  • Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für längsschnittliche Bildungsforschung an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg
  • seit 2012
  • Promotion am Lehrstuhl für Soziologie, insb. Sozialstrukturanalyse; Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der DFG-Forschergruppe „Bildungsprozesse, Kompetenzentwicklung und Selektionsentscheidungen im Vorschul- und Schulalter (BiKS)“