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Forschungsarbeit

Der Geschlachtwanderaltar von Sebastian Dayg und die

Problematik seines Bildprogramms

Von Elisabeth Heider (16.09.2014)

Während der Zeit des Mittelalters entwickelte sich nördlich der Alpen eine besonders prächtige und aufwendige Form des Kirchenschmuckes, das Altarretabel mit seiner Erweiterung dem Wandelaltar. Spezialisierte Maler, Bildschnitzer, Schreiner und Schlosser schufen in Zusammenarbeit diese großformatigen Kunstwerke, die dem Betrachter zuletzt bis zu vier verschiedene bebilderte und figurale Ansichten boten. Ein solches Kunstwerk schuf der Künstler Sebastian Dayg im Jahre 1518 für die Kirche des Karmelitenordens in der Altstadt Nördlingens (Abb.1). Dayg hatte bereits mehrere großformatige Werke jener Art in Heilbronn, Kirchheim und Oettingen geschaffen. Das heute leider nur noch fragmentarisch erhaltene und Geschlachtwanderaltar genannte Altarretabel von 1518 stellte jedoch sowohl in seinem eigenen Werk, als auch insgesamt im zeitgenössischen Oeuvre anderer Künstler eine Ausnahme dar.

[Bildunterschrift / Subline]: Abb. 1: J.J. Kurz, ohne Titel [Innenansicht Geschlachtwanderaltar], 1769, Aquarell auf Papier, Stadtarchiv Nördlingen

In dieser Zeit war es üblich die Viten der Patrone der Kirche, in welcher das Werk später aufgestellt wurde abzubilden, um thematisch einen roten Faden über die verschiedenen Ansichten  des Wandelaltars zu schaffen. Oft wurden diese auch ergänzt durch Szenen aus dem Leben Christi oder der Heiligen Maria. Auf dem Geschlachtwanderaltar ergibt sich beim Betrachten der einzelnen Darstellungen über die vier verschiedenen Ansichten jedoch kein einheitliches Bildprogramm oder durchgängiges Thema, sondern er beinhaltet in der großen Zahl an aufgenommenen Heiligenfiguren und unzusammenhängenden Szenen aus dem Neuen Testament einige Widersprüche.

Nachdem sein einstiges Aussehen durch die Kunsthistorikerinnen Herta Wescher-Kauert und Stephanie Kleidt mittlerweile Dank der überbliebenen Tafeln, einem Aquarell der Innenansicht aus dem Jahr 1769 und einem Bericht des Stadtchronisten Johannes Müller Anfang des 19. Jahrhunderts rekonstruiert werden konnten, behandelte meine Arbeit das Thema der Bildinhalte. Auf die bisherigen Forschungen aufbauend, versuchte ich die Gründe für die Widersprüche im Bildprogramm des Geschlachtwanderaltars herauszuarbeiten. Da zu jener Zeit in Nördlingen für einen so großen und kostspieligen Auftrag auch andere Künstler, wie beispielsweise der damals schon berühmte Hans Schäufelin für die Auftraggeber zur Verfügung gestanden haben, konnte das Werk nicht gänzlich unbegründet seine Ausführung durch Dayg erhalten haben. Die Grundlage für die Arbeit mit dem Bildmaterial bestand in der Analyse der einzelnen Bildthemen auf Basis der noch bestehenden Bildtafeln und der Bearbeitungen der vorhandenen Rekonstruktion.

Der Geschlachtwanderaltar zeigte  in der äußersten Ansicht auf den Flügeln selbst biblische Szenen, sowie einzelne Heilige und Tuchmacher auf den Standflügeln und den Predellentafeln ganz unten am Altaraufsatz. Die Rückseite thematisierte die  Darstellungen eines Jüngsten Gerichts und das Hostienwunder, auf Grund dessen St. Salvator erbaut worden war. Nach der ersten Wandlung waren auf den Innentafeln Szenen aus dem Leben Mariens dargestellt und auf den Flügeln Szenen aus dem Leben Christi zusammen mit zwei Apokryphenerzählungen. Die Innenansicht schließlich löst jeglichen kleineren Zusammenhang auf. Hier befand sich eine große Anzahl an geschnitzten und gefassten Heiligenfiguren unterschiedlicher Größe und Ausarbeitung, deren Aufreihung sich bis in das Gesprenge hoch zog. Um die zentrale Anna Selbdritt Sitzgruppe fanden sich so Heilige von den Evangelisten, über den Heiligen Joachim, bis hin zu weniger bekannten Heiligen wie Rochus oder Cyprianus wieder. Von dem gesamten Kunstwerk sind heute noch die vier Maria gewidmeten Tafeln des zweiten Flügelpaares (Abb.2), die Rückseite und die Standflügel erhalten. 

[Bildunterschrift / Subline]: Abb. 2: Sebastian Dayg, Verkündigung, 1518, Tempera auf Holz, Stadtmuseum Nördlingen

Außerdem werden einige, sich in St. Salvator befindliche Figuren dem Altar zugesprochen, wobei sich diese in Größe und Ausarbeitung stark unterscheiden. Als Ergänzung zu diesen Figuren, stellte ich in der Arbeit zudem weitere aus dem Stadtmuseum in Nördlingen als mögliche zum Altar gehörige Optionen vor. Um die Gründe für die Aufnahme der beschriebenen Heiligen und Szenen in das Bildprogramm zu klären, arbeitete ich die Einflüsse auf und Anforderungen an den Künstler und sein Werk heraus. Dabei begann ich mit den unterschiedlichen Auftraggebern beim näheren Umfeld der Entstehung des Werkes.

Die Auftraggeberschaft gestaltete sich zuerst einmal aus dem Vorstand der Kirche. Die Szenen aus dem Leben Mariens in der zweiten Ansicht lassen sich durch das Patronat der Heiligen Maria für die Prioren des Karmelitenklosters zurückführen, die als erste Auftraggeber ihre Schutzheilige verbildlicht sehen wollten. Eine Finanzielle Unterstützung für das neue Kunstwerk von St. Salvator sollte von der Tuchmacherbruderschaft in Nördlingen, damals Geschlachtwander genannt, gewährleistet werden. Die Darstellungen der Tuchmacher auf  Vorder- und Rückseite und die des Schutzheiligen der Bruderschaft, des Heiligen Severus, war der Stiftung geschuldet. Durch eine Abschrift des Originalvertrages zwischen dem Konvent, der Bruderschaft und Dayg von 1516 im Stadtarchiv zu Nördlingen lassen sich die einzelnen Vorgaben von der Qualität der zu verwendenden Farben bis zur Bezahlung gut rekonstruieren. Im Aufstellungsort des Wandelaltars, der auf Grund eines Hostienwunders aus dem 14. Jahrhundert gebauten Klosterkirche, begründeten sich zudem weitere Anforderungen an Dayg.

Als Auftraggeber im weiteren Sinn, wollte zum einen die zur Kirche gehörige Gemeinde durch ihre Heilige repräsentiert werden. Diese finden sich in den Schutzheiligen des einfachen Volkes wie Christophorus und Leonhard in der innersten Ansicht. Außerdem wurde den - auf Grund des Hostienwunders heranreisenden - Pilgern die Figur des Heiligen Jakobus in der Predellenzone gewidmet. Der Betrachtung der näheren Umstände zur Entstehung des Wandelaltares selbst, folgte der Einbezug der stilistischen Arbeitsweise des Künstlers. Durch diese konnten weitere Darstellungen und Darstellungstypen beleuchtet werden. In der künstlerischen Ausarbeitung und szenischen Gestaltung orientierte sich Sebastian Dayg an den graphischen und malerischen Werken bedeutender Vorgänger wie Michael Wolgemut, Albrecht Dürer, Friedrich Herlin und Hans Schäufelin. Für seine Marienszenen übernahm er beispielsweise von Dürer einige Szenen aus dessen Holzschnittsammlung von 1511. Schäufelins graphischem Werk, dem „Tengler Laienspiegel“ entlieh Dayg einige Figuren des Jüngsten Gerichts für die Rückseite des Altars. Durch die Adaptionen der Kompositionen von Figuren und Bildaufbauten, wollte er sich zudem in das Gefolge der großen Meister stellen und sich und sein Werk aufwerten.

Durch die Stadtstruktur Nördlingens in der damaligen Zeit zeichneten sich noch weitere  Eigenheiten des Altars in Größe, Pracht und der Verwendung kostbarster Materialien wie Gold und kostbaren Farben ab. Um 1500 stellte Nördlingen mit seinen Handelsprivilegien einen besonderen Anziehungspunkt nicht nur für Gewerbetreibende und Händler, sondern auch für zahlreiche unterschiedliche geistliche Orden dar. Die Karmeliten standen deshalb im nächsten Umkreis der Altstadt in Konkurrenz um Gläubige, Pilger und Einnahmen mit den Klöstern der Kathäuser, Benediktiner, Zisterzienser und Franziskaner, um nur einige zu nennen. Dies veranlasste wohl den Konvent dazu das laut Vertrag allein für die Arbeit Daygs 400 Gulden teure Werk entgegen ihrem Armutsgelübde für ihre ansonsten bescheidene Kirche in Auftrag zu geben.

Die weiteren Umstände in der Stadt bezeugten dann den weiteren Verbleib des Altars. 1522 bereits veröffentlichte der Prior des Karmeliterklosters seine Schrift über die evangelische Messe und ab 1525 fand in St. Salvator nachweislich keine katholische Messe mehr statt. Das Kloster wurde zusammen mit dem neuen Altaraufsatz, der in seiner Bildsprache mit seinen zahlreichen Heiligendarstellungen nicht der evangelischen Glaubensvorstellung entsprochen haben konnte überflüssig und geriet in Vergessenheit, bis er in den napoleonischen Kriegen dann fast vollständig zerstört wurde.
Abschließend lässt sich zusammenfassen, dass der großformatige Wandelaltar ein beeindruckendes bildnerisches Kunstwerk gewesen sein muss, dessen Künstler sowohl den Auftraggebern, als auch zahlreichen weiteren Umständen gerecht werden mussten. Hieraus ergibt sich größtenteils die im ersten Eindruck diffuse Zusammenstellung der einzelnen Szenen und Heiligenfiguren, die jede für sich eine ganz eigene Daseinsberechtigung haben. Auch wenn Sebastian Dayg häufig hinter seinem berühmten Zeitgenossen Hans Schäufelin zurücktreten musste, bewies er in seinem Hauptwerk ein hohes Maß an künstlerischem Feingeist und stellt in dem Geschlachtwanderaltar einen interessanten Spiegel seiner Zeit dar.


Wissenschaftlicher Werdegang
  • 2010-2014
  • B.A. in Kunstgeschichte, Ludwig-Maximilians-Universität München
  • seit 2014
  • M.A. in Kunstgeschichte, Universität Regensburg