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Forschungsarbeit

Die sprachliche Darstellung des physischen Schmerzes
in der schwedischen Gegenwartsliteratur

Von Katharina Fürholzer (19.02.2014)

Das Phänomen des Schmerzes als elementarer Bestandteil des menschlichen Seins übt auf den Menschen von jeher die antagonistischen Gefühle von Schrecken und Faszination aus. Gerade die außergewöhnlich große Schwierigkeit ihrer sprachlichen Darstellung führt dazu, dass unterschiedlichste Wissenschaften in der Beschäftigung mit dieser Empfindung seit Jahrtausenden an die eigenen Erkenntnisgrenzen stoßen. Da in der Literatur Fakt und Fiktion immer wieder eine Symbiose eingehen, kann insbesondere das geschriebene Wort zur Erforschung des Rätsels Schmerz beitragen.

Körperlicher Schmerz als eine hochkomplexe und -subjektive Wahrnehmung stellt die Betroffenen im sprachlichen Umgang mit dieser Erfahrung vor oftmals unüberwindbar erscheinende Herausforderungen. Durch die Grenzaufhebung von Fakt und Fiktion und den ihr inhärenten Gegenstand – die Sprache – vermag gerade die Literatur maßgeblich zum Verständnis der Schmerzartikulation beizutragen. Ausgehend vom Status quo der medizinischen und linguistischen Nozizeptionsforschung und mithilfe literaturwissenschaftlich bewährter Theorien (insbesondere Ludwig Wittgensteins Philosophische Untersuchungen für den Wandel des Subjektverständnisses qua Schmerzsprache sowie Niklas Luhmanns Systemtheorie für die Auswirkungen sozialer Systeme auf die Schmerzkommunikation) wurden in der Magisterarbeit mit Lars Gustafssons En biodlares död [1978; dt. Der Tod eines Bienenzüchters] und Torgny Lindgrens Hummelhonung [1995; dt. Hummelhonig] zwei repräsentative Werke der schwedischen Gegenwartsliteratur auf die Modalitäten der literarisierten Schmerzdarstellung untersucht.

[Bildunterschrift / Subline]: Abbildung: Beispiel für Schmerzintensitätsskalen. Entnommen aus: Michael Zenz u. Ilmar Jurna (Hg.): Lehrbuch der Schmerztherapie. Grundlagen, Theorie und Praxis für Aus- und Weiterbildung, unter Mitarbeit von Stephan Ahrens et al., Stuttgart, 1993, S. 39.

Gustafssons sprach- und subjektphilosophischer Roman problematisiert, was realen Schmerzpatienten nur zu vertraut ist: die konfliktbeladene und limitierte Beziehung der Sprache zur Wirklichkeit. Im Werk wird dies durch eine Extremform des Kranken im Umgang mit seiner körperlichen Empfindung illustriert, die sich von anfänglicher Sprachidentifikation zu kompletter Negierung der Verbalsprache als Repräsentant des Schmerzes wandelt. So erweist sich der anfängliche Versuch des Protagonisten, seine Empfindung mithilfe rhetorischer Mittel (bspw. nozizeptive Tiermetaphorik und Schmerz-Synästhesien) in Worte zu fassen, nach und nach als unbewusster Gebrauch kulturkollektiver Zitate ohne Bezug zur eigenen Sinneswahrnehmung. Mit zunehmender Schmerzintensität treten die Grenzen des sprachlich Möglichen immer deutlicher zutage, bis die Empfindung schließlich nur mehr Schweigen zulässt. Diese graduelle Entkoppelung von körperlicher Sensation und sprachlicher Artikulation ist jedoch von einer Annäherung an die eigene Körperlichkeit begleitet. Daraus lässt sich schlussfolgern, dass erst im Versagen der Sprache eine vorher nicht bewusste Distanz von Körper und Subjekt überwindbar wird. 

Die im Roman illustrierte radikale Abwendung vom Sprachlich-Geistigen und der entsprechenden Hinwendung zur sprachlosen Körperlichkeit führt damit zu einer allgemeinen Infragestellung unseres auf Sprache basierenden Subjektverständnisses.

Anders als in der auf monologischer Basis erfolgenden, sehr inwendigen Schmerzarbeit des Gustafson'schen Protagonisten lassen sich über Lindgrens intensive Auseinandersetzung mit allgemeinen zwischenmenschlichen Kommunikationsproblematiken die Grenzen und Chancen des dialogischen Schmerzgesprächs und insbesondere auch die (unbewusste) Integration fiktiver wie realer Schmerzhabender in soziale (kulturelle, familiale) Systeme  nachvollziehen. Über einen Spannungsbogen, der, ausgehend von einer äußerlich auferlegten chemischen, sprachlichen und seelischen Schmerzunterdrückung, im Punkt höchster Intensität schließlich dazu führt, dass sich Schmerz und Krankheit in eruptiver Manier sowohl körperlich als auch sprachlich einen Weg an die Öffentlichkeit bahnen, gibt sich die Tabuisierung der Schmerzartikulation und entsprechende Gesprächsverweigerung innerhalb eines starren Systems eindrücklich zu erkennen. Genau dies eröffnet dem Kranken aber letztlich eine eigenverantwortliche Schmerztherapie. So führt das Schweigen der anderen Systemmitglieder zu immer neuen und alternativen Artikulationsversuchen des Leidenden und damit zu einer Form des gesprächstherapeutischen Monologs. Oder anders formuliert: Gerade das Nicht-Verstehen des Gegenübers führt den Betroffenen durch die Variierung der sprachlichen Darstellung zum heilenden Verstehen des physischen Schmerzes. 

Über die analysierten Extremformen im Umgang mit Sprache und Schmerz lässt sich damit eine Korrelation zwischen der spezifischen Schmerzartikulation und einer allgemeinen Sprachkrise aufdecken, aus welcher eine Konfrontation mit dem eigenen Sein resultiert. Dies führt uns vor Augen, in welchem Maße die sprachliche Auseinandersetzung mit Schmerz als Agens für ontologische und existentiale Denkprozesse fungiert.


Wissenschaftlicher Werdegang
  • 10/2007 - 01/2013
  • Magisterstudium Nordische Philologie (HF), Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft (NF), Amerikanistik (NF) an der LMU München
  • 04/2013 - 10/2013
  • Promotionsstudium Nordische Philologie (HF), Komparatistik (NF) an der LMU München
  • seit 10/2013
  • Promotionsstudium Nordische Philologie/Skandinavistik an der Graduate School Practices of Literature der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster