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Forschungsarbeit

"Was willst du armer Teufel geben?“

Darstellung und Rolle des personifizierten Bösen  in der Literatur
nach der Aufklärung. – Johann Wolfgang von Goethe:
Faust; Fjodor Dostojewski: Die Dämonen, Die Brüder
Karamasow; Thomas Mann: Doktor Faustus.

Von Barbara Eschenburg (15.01.2014)

Was ist das Böse? Vermutlich ist dies eine Frage, die sich schon seit Menschengedenken stellt. Doch welchen Sinn sollte es für einen „aufgeklärten“ Dichter noch machen, das Böse als altertümliches Schreckgespenst – den Teufel persönlich – darzustellen? Die Geschichte des Gelehrten Johann D. Fausten reicht bis in eine Zeit weit vor der Aufklärung zurück, als der Teufel noch als echte Bedrohung wahrgenommen wurde. Faust geht damals noch einen ganz klassischen Pakt ein und muss am Ende seines gottlosen Lebens mit seiner Seele bezahlen. Doch sowohl der Pakt als auch die Strafe werden in der Aufklärung eigentlich zum Aberglauben erklärt - was also bleibt noch von der altbekannten Satansgestalt übrig in der Literatur nach der Aufklärung?

Die Faustfigur bei Goethe entkommt dem Höllenfeuer gewissermaßen durch einen Trick: Er schließt keinen Pakt mehr, sondern geht auf eine Wette ein. Diese Wette glaubt er mit Sicherheit gewinnen zu können; und tatsächlich: am Ende steht der Teufel als Geprellter da, der mit seinen eigenen Waffen, nämlich sexueller Verführung, geschlagen werden kann:

„Bei wem soll ich mich nun beklagen? / Wer schafft mir mein erworbenes Recht? / Du bist getäuscht in deinen alten Tagen, / Du hasts verdient, es geht dir grimmig schlecht. / Ich habe schimpflich mißgehandelt, / Ein großer Aufwand, schmählich! Ist vertan,  / Gemein Gelüst, absurde Liebschaft wandelt / Den ausgepichten Teufel an. Und hat mit diesem kindisch-tollen Ding / Der Klugerfahrne sich beschäftigt, / So ist fürwahr die Torheit nicht gering, / Die seiner sich am Schluß bemächtigt.“ 

Hier fragt sich tatsächlich, wo diese Figur noch ihren Schrecken hat, zumal sie nicht einmal mehr in der alten Gestalt auftritt, sondern „Hörner Schweif und Klauen“ eintauscht gegen eine menschlichere Gestalt.

Mephisto ist deshalb jedoch mitnichten ein jämmerlicher Teufel, sondern kann im Gegenteil Faust dazu bewegen, einiges an Unheil zu stiften: Man denke etwa an die Gretchen-Tragödie oder die Ermordung von Philemon und Baucis. Für diese Schrecken ist dem Teufel seine harmlose Erscheinung gerade recht und ebenso die für ihn so unvorteilhaft erscheinende Wette, denn so kann er Faust in Sicherheit wiegen und ihn zum Äußersten treiben. Am Ende ist zwar Faust gerettet, aber hat es Mephisto nicht etwa ebenso geschafft, ein weiteres Mal zu zeigen, dass der Mensch seine Vernunft nur gebraucht, um „tierischer als jedes Tier zu sein“ ? Und möglicherweise ist es ihm genau um dieses zu tun: Um die ‚Makrowette‘ mit dem Herrn.

[Bildunterschrift / Subline]: Abbildung: Julius Nisle: Illustration zur Wette zwischen Faust und Mephisto. 1840. (Quelle: Johann Wolfgang Goethe, Faust - Der Tragödie Erster Teil, mit Illustrationen aus drei Jahrhunderten, ed. by Hans Hanning, Berlin: Rütting & Loening, 1982, 2nd ed., p. 123)

Auch Dostojewskis Teufel erscheint nicht mehr in seinem alten Gewand: auch er ist gewissermaßen säkularisiert und er treibt es noch ärger, wenn er von sich behauptet: 

„Ich bin vielleicht der einzige Mensch in der ganzen Natur, der die Wahrheit liebt und aufrichtig das Gute will. Ich war zugegen, als das am Kreuz gestorbene Wort zum Himmel auffuhr und mit sich die Seele des ihm zur Rechten verschiedenen Schächers emportrug. […] Und sieh, ich schwöre dir bei allem, was heilig ist, ich wollte schon in den Chor einstimmen, wollte mit allen Engeln aufjauchzen: 'Hosianna!'“

Der Grund, warum er in diesen Chor nicht einstimmen konnte, lag darin, dass er angeblich von höchster Stelle genötigt sei, Unheil zu stiften und die Rolle des Opponenten einzunehmen. Ginge es nach ihm, läge die Lösung gegen seine Übeltaten einfach in der Abschaffung von Gott und Teufel gleichermaßen; der Mensch würde schlicht und einfach zum Gott erhoben und das Elend nähme sein Ende.

In einem anderen Werk Dostojewskis, den „Dämonen“, zeigt sich jedoch, wie diabolisch es zugeht, wenn man den Menschen zum Gott erheben will: Der Plan der Revolutionäre um die Protagonisten Nicolai Stawrogin und Pjotr Stepanowitsch zetteln Mord und Aufruhr an, ohne wirklich etwas damit zu erreichen außer Zerstörung. Der Versuch des Menschen sich selbst zu erlösen scheitert hier,  die ‚Dämonen‘ stellen keine konstruktive Kraft mehr dar, sie zerrütten die Gesellschaft, machen sie „krank, matt, zynisch und ungläubig“ .

Wieder anders steht es da um den Teufel bei Thomas Mann: Er ist nicht der Mann zersetzender Kritik, vielmehr möchte er die „prangende Unbedenklichkeit“ , stellt dem Helden des Romans, Adrian Leverkühn, Inspiration für sein künstlerisches Schaffen zur Seite. Seinen Peis hat diese Gabe jedoch, wie schon bei Goethes Mephisto, auch: Leverkühn ist krank und er darf nicht lieben. Dennoch bleibt die Frage: Warum muss ein genialer Komponist wie Adrian seine Kunst mit einem so hohen Preis bezahlen, wieso braucht es dazu gleich einen Teufelspakt? Gründe dafür mögen sich sowohl in der deutschen Geschichte, die sich mit Schuld beladen hat, als auch in Leverkühns Hochmut finden. Dennoch bleibt der Komponist wohl einer der ‚unschuldigsten‘ Teufelspaktierer, was ihn beinahe in die Nähe eines Märtyrers rückt, ihm mit Manns eigenen Worten ein „Ecce homo-Gesicht“  verleiht. 

Was hinter diesem für Leverkühn unausweichlich scheinenden Verhängnis steht, ist eine Erschütterung des modernen Menschenbildes: Hier greift eben nicht mehr der aufklärerische Glaube an die menschliche Erziehbarkeit und die uneingeschränkte menschliche Freiheit; hier wird ein tiefer Blick in das Dämonische der menschlichen Seele gewagt.

Die Unausweichlichkeit und Ungreifbarkeit scheint also ganz entgegen der aufklärerischen Richtung der Abschaffung des Teufels zu gehen: Vielmehr scheinen Katastrophen wie das dritte Reich die Frage nach dem unerklärlichen, metaphysischen Bösen wieder neu zu stellen. Dennoch haben alle Teufelsfiguren wohl eines gemeinsam: Sie unterstützen den egomanen, buchstäblich über Leichen gehenden Menschen und sind erbitterte Widersacher zur Liebe im Sinne der Agape. 

Der Teufel behält also gewissermaßen durchaus noch sein klassisches Gesicht, darüber mag auch ein Mimikry-Effekt nicht hinwegzutäuschen. Dieses klassische Gesicht, des ,Pudels Kern‘, das ethisch Böse als Aspekt des aufgeklärt literarischen Teufels, ist der Hauptgegenstand dieser Arbeit. Sie zeigt, wo sich diese ethischen Ansätze immer noch auftun und wieso gerade der altmodische Teufel häufig genau die richtige Figur dafür sein mag.


Wissenschaftlicher Werdegang
  • 2006-2012
  • Studium für das Lehramt an Realschulen. Fächerverbindung: Deutsch und Kunst.
  • seit 2008
  • Doppelimmatrikulation mit Magisterstudiengang: Neuere deutsche Literaturwissenschaft
  • 2009-2011
  • Master-Studiengang „Ethik der Textkulturen“ des Elitenetzwerks Bayern