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Forschungsarbeit

Europa nach dem Regen

Von Maria Engelskirchen (26.05.2014)

Ausgangspunkt meiner Arbeit war Max Ernsts 1933 entstandenes Werk mit dem Titel Europa nach dem Regen. Hierbei handelt es sich um ein Gipsrelief, welches eine Landkarte darstellt, die als eine veränderte Topographie des europäischen Kontinents gedeutet werden kann.

Der Titel suggeriert, dass Europa von einem sintflutartigen Regen zerstört wurde. In diesem Sinne wurde von Seiten der Forschungsliteratur, aber auch bereits von Zeitgenossen die veränderte Gestalt Europas zumeist auf den politischen Kontext der Zeit bezogen (das heißt vor allem auf die Machtergreifung Hitlers), sodass die Karte als Prophetie der Katastrophen des Zweiten Weltkrieges interpretiert wurde. Jedoch zeigt sich in einer präzisen Analyse von Europa nach dem Regen, dass eine Interpretation, die sich rein auf die Machtübernahme des das nationalsozialistischen Regimes stützt, nicht überzeugend ist, obwohl der bereits 1922 nach Frankreich emigrierte Künstler die politischen Geschehnisse in Deutschland aufmerksam verfolgt haben wird. Vielmehr erweist sich Ernsts Auseinandersetzung mit Kartographie als Bezugnahme auf geopolitische Diskurse der 20er und frühen 30er Jahre. So erinnert die veränderte Topographie Europas einerseits an die von der deutschsprachigen Geographie geführten Debatten zur Erweiterung des „Deutschen Volks- und Kulturbodens“, mehr aber noch an das realutopische Projekt Atlantropa des deutschen Architekten Herman Sörgels, das mit Fokus auf das Mittelmeer einen ebenso umfangreichen Eingriff in die Gestalt des europäischen Kontinents vorsah.

Das Relief als Schnittstelle zwischen Kartographie und Kunst reiht sich in ein neues ästhetisches Paradigma zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein, das aus der sich entwickelnden Luftphotographie erwächst. Vor dem Hintergrund dieses Paradigmenwechsels sind neben den geopolitischen Komponenten in Europa nach dem Regen vor allem auch die komplexen kunsttheoretischen Anlehnungen höchst bedeutsam. Ernsts „Landkarte“ gliedert sich in einen Diskurs des Ähnlichkeitssehens ein, den er bereits in seinen Collagen und Frottagen der 20er-Jahre entfaltet hatte. Hier dienten ihm nicht nur gefundene Gegenstände aus Flora und Fauna, son-dern auch aus Alltagsbereichen als Vorlage für das „Erfinden“ neuer ästhetischer Formen, die die Phantasie des Betrachters anregen sollten.

Ernst schreibt sich somit in kunsttheoretische, -historische und -philosophische Traditionen ein, indem er sich beispielsweise auf Leonardo da Vincis Theorie des Ähnlichkeitssehens beruft, den Protosurrealisten Giorgio de Chirico zitiert und gleichzeitig auf Friedrich Nietzsche verweist. In diesen vielschichtigen Bezugnahmen kreiert Ernst ein Geschichtsmodell, das sich einem linearen Fortschritt widersetzt und vielmehr eine Historiographie vorschlägt, die eine Gleichzeitigkeit mehrerer „Geschichten“ zulässt.


Wissenschaftlicher Werdegang
  • 2007-2011
  • Studium der Kunstgeschichte und Romanistik an der Universität zu Köln
  • 2009
  • Auslandssemester an der Université Blaise Pascal, Clermont-Ferrand, Frankreich (ERASMUS)
  • seit 2012
  • Masterstudiengang „Aisthesis. Historische Kunst- und Literaturdiskurse“ an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, der LMU München und der Universität Augsburg