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Forschungsarbeit

Arbeit am Mythos: Ideologische Verklärung
und kritische Hinterfragung des Mythos Kameliendame in Adaptationen

Von Bettina Eiber (12.03.2014)

Schon im 19. Jahrhundert erfreute sich Alexandre Dumas fils‘ Roman "La dame aux camélias" eines großen Publikumserfolges, der bis heute ungebrochen ist. Dies zeigen auch die unzähligen Adaptationen des Stoffs, von denen Verdis La Traviata am bekanntesten sein dürfte.

[Bildunterschrift / Subline]: Abb. 1: Plakat der Uraufführung von La Traviata (1853)

Diese weite Verbreitung der Kameliendame nimmt Roland Barthes zum Anlass, um sie in seine Reihe der Mythen des Alltags aufzunehmen. Was nun aber genau macht die Kameliendame zu einem solchen Mythos? Barthes zufolge ist es das Bild einer ästhetisierten und bürgerlichen Kurtisane, die das Publikum in Schwärmerei versetzt (Abb. 1). Die Kameliendame ist dabei eine Kurtisane, die freiwillig bürgerliche Lebensverhältnisse erstrebt, indem sie Armand, einen jungen Mann der Pariser Oberschicht, heiraten möchte und sich in dessen ökonomische Abhängigkeit begibt. Auf die Intervention des Vaters hin akzeptiert sie die Standesschranken und verzichtet auf ihre Liebe. Der Vater gibt den Weg zu dieser Beziehung erst frei, als die Kameliendame dem Tode geweiht ist und diese aufgrund der äußeren Umstände nicht mehr realisiert werden kann. Diese Tatsache einer unerfüllten Liebe ruft beim Publikum zumeist ein sentimentales Mitleid hervor. 

Ausgehend von der Annahme Barthes, dass es sich bei der Kameliendame um eine hochideologische Figur handelt, die das bestehende Gesellschaftssystem bestätigt, stellt nun meine Arbeit folgende Fragen:

• Wie verhalten sich die Adaptationen zu diesem Mythos?
• Welche Strategien der Affirmation und der Kritik am Mythos werden sichtbar?
• Welchen Einfluss haben verschiedene mediale Formen auf den Umgang mit dem Mythos?

Nach der Untersuchung von Verdis Oper, Franco Zeffirellis Opernfilm, Neil Bartletts Theaterstück, einem Comic und zwei Spielfilmen des italienischen Neorealismus kristallisierte sich eine Typologie der Verarbeitungen heraus:

In Oper und Opernfilm findet sich die Ideologie in ihrer ausgeprägtesten Form und sie kann aufgrund der Dominanz der ästhetischen Musik bis heute problemlos dem Publikum vermittelt werden.

Neil Bartletts Theaterstück und Alexis‘ Comic, die beiden aktuellsten Adaptationen, parodieren zwar den Mythos, entwerfen jedoch keine alternative Handlung und werden so zu Ideologieträgern. 

Nur die beiden Filme des italienischen Neorealismus der Regisseure Antonioni und Bolognini versuchen konsequent eine Anti-Kameliendame oder die „wahre Geschichte der Kameliendame“ darzustellen und so die schöne Illusion der Oper zu zerstören (Abb. 2). Sie postulieren dabei den höheren Realitätsgehalt des filmischen Bildes, das die Stilisierung in Theater und Oper entlarvt. Dabei bedienen sich die Filme jedoch einer marxistischen Gesellschaftskritik.

Alle Adaptationen arbeiten sich demnach am Mythos Kameliendame ab und transportieren teilweise bis heute hochideologische Muster. Falls diese konse¬quent vermieden werden, treten andere Denksysteme an ihre Stelle. Es scheint sich zu bestätigen, dass kein Kunstwerk ohne grundlegende Annahmen über die Gesellschaft auskommt, die mit jedem Inhalt implizit transportiert werden und somit einen politischen Ein¬fluss auf das Publikum ausüben. 

 

Bibliographie

[1] Dumas fils, Alexandre [1848] (1983) : La dame aux camélias. Préface, commentaires et notes d’Antoine Livio. Paris : Librairie Générale Française.

[2] Verdi, Giusseppe [1852] (1995) : La Traviata. Melodramma in tre atti. hg. v. Henning Mehnert. Stuttgart: Reclam.

[3] Barthes, Roland (1985): Mythologies. Paris: Editions du Seuil.

[4] Zeffirelli, Franco [1982] (2007) : La Traviata. Hamburg: Deutsche Grammophon.

[5] Bartlett, Neil (2003): Camille. Adapted by Neil Bartlett. After La Dame aux camellias by Alexandre Dumas fils. London : Oberon Books.

[6[ Alexis/Gotlib [2005] (2011): „La dame aux camélias“. In: ibid.: Cinémastock. Paris: Dargaud.

[7] Antonioni, Michelangelo (1953): La signora senza camelie. Cologno Mozesse: Medusa Video.

[8] Bolognini, Mauro (1981): La storia vera della signora delle camelie. Paris: Gaumont.


mailto: Bettina Eiber
Bettina Eiber
* 1988

Wissenschaftlicher Werdegang
  • 2007-2013
  • Universität Passau: Lehramt an Gymnasien Deutsch/Französisch/Ethik; Abschluss: Erste Staatsprüfung für das Lehramt an Gymnasien; Zulassungsarbeit: „Arbeit am Mythos"
  • seit 2013
  • Universität Passau: Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Romanische Sprach-und Kulturwissenschaften (Prof. Dr. Ursula Reutner)