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Forschungsarbeit

„Am Golde hängt, zum Golde drängt doch alles“

Ein Metall als Gradmesser kultureller Normen und Werte. 
Zur nicht-materiellen Semantik des „Goldenen“ in der
deutschen Literatur ab der Goethezeit

Von Dr. Ingold Zeisberger (23.10.2013)

Obgleich Gold nicht zu den für den Menschen lebensnotwendigen Materialien gehört, gibt es kaum etwas, das die Menschheit schon so lange, so intensiv und so kontinuierlich fasziniert. Seit den ägyptischen Pharaonen bis in die heutige Zeit galt und gilt dieses Metall weltweit als überaus kostbar und erstrebenswert.

Zum einen hat dies einen rein pragmatischen Grund: Es ist selten und damit wertvoll. Zum anderen kam es im Laufe der Zeit zu einer Art „Gewöhnungsprozess“, d.h. was so lange so bedeutend war, ist es automatisch auch für den Einzelnen, ohne konkret hinterfragt zu werden. Zudem vereinigt Gold in sich zugleich die (eigentlich) oppositionellen Merkmale „fremd“ als auch „vertraut“. Gold ist immer etwas besonderes, dennoch ist es aber auch Teil der Alltagskultur geworden. Kurz gesagt, das Edelmetall hat sich einen „einzigartigen Platz in der Erfahrungswelt des Menschen erobert“. 

Schon in der Midas-Sage zeigt sich die im „Gold“ innewohnende Ambivalenz. Es ist sowohl Segen als auch Fluch. Gold ist einmalig und vollkommen. Es ist ewig; auch wenn es Jahrhunderte lagert, gibt es keinen Materialverlust, und es hat die Eigenschaft nahezu unzerstörbar zu sein. Nicht umsonst wird Goldschmuck eng mit der Religion verknüpft. 

Deshalb verwundert es nicht, dass Gold im realen und übertragenen Sinne immer wieder in literarischen Texten eine große Rolle spielt. Dabei lassen sich zwei große semantische Bereiche voneinander abgrenzen. Zum einen gibt es sehr viele Texte, die die Gold- bzw. Geldgier in den Vordergrund stellen. Dieser Stoff ist vielfältig seit der Antike behandelt worden und steht auch immer wieder im Fokus der Literaturwissenschaft. Demgegenüber stehen Texte, die im Zentrum meiner Arbeit stehen, in denen „Gold“ nicht als Edelmetall, sondern als Symbol für Erstrebenswertes, Einzigartiges oder vollkommene moralische Werte steht, oder von den handelnden Figuren (oft auch fälschlicherweise) als solches gesetzt wird. Dabei handelt es sich in erster Linie um goldene Dingsymbole wie Gefäße, Ringe, Kleinodien oder religiöse Kultobjekte, die die Protagonisten im Laufe der Handlung erwerben müssen, um u. a. Liebe, Macht oder Zufriedenheit zu erlangen. Es kann sich aber auch um die Suche nach realem „Gold“ handeln, die aber nur eine Zwischenetappe auf dem Weg zur wahren Erkenntnis darstellt.

Wenn man diese Art von Texten in der deutschen Literatur genauer betrachtet, kann man feststellen, dass eine Verknüpfung von Denksystem, Literatursystem und „goldenen“ Symbolen besteht. Gerade „Gold“-Texte reagieren immens auf veränderte Diskurse im Denken einer Kultur. Dies beruht darauf, dass „Gold“ immer mit implizit oder explizit gesetzten Werten verbunden ist. Deshalb steht der Umstand, ob „Goldenes“ erworben werden kann oder nicht, ob es zum Guten oder Schlechten führt, welche Voraussetzungen die Figuren erfüllen müssen oder welche moralischen Paradigmen von den Texten grundsätzlich gesetzt werden, in engem Zusammenhang mit den Normen und Wertmaßstäben einer Epoche. Sie können in seismographischer Form Transformationen im Denksystem und deren Auswirkungen auf die Literatur aufzeigen. Die Beschäftigung mit „Goldenem“ hat also immer eine mentalitätsgeschichtliche Komponente. Dabei ist z.B. feststellbar, dass offenbar eine Verbindung zwischen dem Umstand, ob das Individuum im

jeweiligen Literatursystem Autonomie erreichen kann oder nicht, und der Stellung, die „Gold“ in den einzelnen Texten einnimmt, besteht. Die literatursemiotische-narratologische Arbeit an sich lässt sich grundsätzlich in drei Schwerpunktbereiche gliedern. Der erste Teil konzentriert sich auf den Bereich der „goldenen Symbole“. Der Begriff „Symbol“ ist hier sehr umfassend gewählt. Grundsätzlich geht es um Referentialität: „Gold“, das mit zusätzlichen Attributen versehen wird und nicht als „Ding“ im Mittelpunkt des Interesses steht, sondern als Verweis für das eigentlich Angestrebte fungiert. Hier stehen aus „Gold“ gefertigte, mit einem nicht-materiellen Mehrwert versehene „Gegenstände“ im Zentrum. Ausgangspunkt ist hierbei eine vergleichende Analyse der Werke „Der goldne Topf“ (1814) von E.T.A. Hoffmann, „Der goldene Spiegel oder die Könige von Scheschian“ (1772) von Christoph Martin Wieland und „Das goldene Vlies“ (1822) von Franz Grillparzer.

Der zweite Teil befasst sich mit realem „Gold“, immer unter der Einschränkung, dass Gold in den Texten auch einen Mehrwert besitzt, der über das rein Materielle hinausgeht. Damit sind vor allem Goldgräber- und Goldsuchergeschichten gemeint.

Schließlich widmet sich ein dritter Teil Texten, in denen „Gold“ in einem Zwischenbereich von materiellem und symbolischem Zustand auftritt. Sei es, dass dieses von verschiedenen Figuren unterschiedlich bewertet wird oder tatsächlich im Laufe der Handlung einem Transformationsprozess unterworfen ist. Prominente Beispiele für diesen Typus sind Goethes „Faust“ und Wagners „Ring des Nibelungen“. Des Weiteren gehören in diesen Bereich Texte, die sich mit der Alchemie auseinandersetzen.


Wissenschaftlicher Werdegang
  • 2008
  • Magisterabschluss (Hauptfach Deutsche Literaturwissenschaft, sowie Didaktik der Deutschen Sprache und Literatur/ Mittlere und Neuere Geschichte)
  • seit 2008
  • Lehrbeauftragte am Lehrstuhl für Neuere Deutsche Literatur in Passau für Literatur sowie Medien und Kommunikation
  • 2012
  • Promotion zur nicht-materiellen Semantik von “Gold“ in der deutschen Literatur ab der Goethezeit

Publikationen (Auszug)
  • * „Am Golde hängt, zum Golde drängt doch alles“ Ein Metall als Gradmesser kultureller Normen und Werte. Zur nicht materiellen Semantik von Gold in der deutschen Literatur ab der Goethezeit, Kiel (im Erscheinen)
  • * Regionale Sagen als Folie für Identitätsfindung,-suche und- verlust. Bischoffs „Goldene Schlösser“ und Preußlers „Krabat“, in: Antje Haushold (Hrsg.) Heimat und Identität. Passau (im Erscheinen)
  • * „Good Bye Lenin“ Die deutsche Wende im Film seit 1989, in: Martin Nies (Hrsg.).Deutsche Selbstbilder in den Medien. Film - 1945 bis zur Gegenwart (Schriften zur Kultur-und Mediensemiotik 4), Marburg 2012 S.151-166