ELITE NETZWERK BAYERN

English  Sprachen Icon  |  Gebärdensprache  |  Leichte Sprache  |  Kontakt


Forschungsarbeit

Henry van de Veldes Weg zum abstrakten Ornament:
Ein „neuer Stil“ zur Belebung der Lebensrealität

Von Flora Nieß (20.06.2013)

Am Beispiel des gesamteuropäisch einflussreichsten Jugendstil-künstlers profiliert die Verfasserin die theoretischen und faktischen Bestrebungen der historischen Avantgarde, das Leben durch eine neuartige – zeitgemäße – Kunst zu revolutionieren. Anhand seiner Kunsttheorie und Kunstpraxis zeichnet ihre Studie nach, warum, wie und wozu Van de Velde die Ornamentik vom lediglich schmückenden Bewerk zum zentralen künstlerischen Mittel entwickelt und erhebt, das vitalisierend und harmonisierend wirkt. Dass Van de Veldes innovative Auffassung des abstrakten Ornaments als belebendes Organ ebenso grundlegend wie nachhaltig die moderne Entwicklung des Designs beeinflusst hat, macht diese Arbeit auch deutlich.

"Meine Masterarbeit befasst sich mit Henry van de Veldes Weg zum abstrakten Ornament als Element seiner Suche und Forderung nach einem "neuen Stil", der das Potential zu einer Belebung der Lebensrealität habe. Van de Velde als Künstler und Verfasser zahlreicher intentionaler, programmatisch angelegter Schriften hat schon zur Zeit seiner Hochphase um 1900 und in die erste Hälfte des neuen Jahrhunderts hinein weitreichenden gesamteuropäischen Einfluss auf die Kunst und die kunsttheoretische Debatte seiner Zeit. Dabei ist er selbst ausgiebiger Rezipient der zeitgenössischen Diskurse, die sich mit dem Ursprung der Kunst und davon abgeleitet deren Bedeutung und Potential für die Lebensrealität befassen. Er reiht sich ein in die Gruppe von Denkern und Künstlern, die sich zentral mit dem Ornament befassen und es nach seiner Originalität, seinem Können und seiner Konstitution befragen. Dabei wird van de Velde zum glühenden Verfechter des allein abstrakten Ornaments, das er als das ursprünglichste und damit reinste, mit der größten Wirkungsmacht ausgestattet, erklärt.

Niess: Abb. 1 - Sonne am Meer[Bildunterschrift / Subline]: Henry van de Velde: Sonne am Meer (1888/89), schwarze Kreide auf grauem Papier, 23,0 x 31,5 cm, auf der Rückseite bezeichnet mit "Synthèse rythmique" private Fotografie aus: Hammacher, A. M. Die Welt Henry van de Veldes. Köln: Verlag M. Dumont Schauberg, 1967.

Beginnend als Maler wendet er sich um 1890, wie viele seiner Künstlerfreunde, ab von der Malerei und dem Kunsthandwerk zu. Diesem Medium wurde größerer Einfluss auf die Lebenspraxis und damit die Möglichkeit einer moralischen und sittlichen Erziehung über die Bildung des Geschmacks zugesprochen. Dabei will van de Velde die Errungenschaften der Industrialisierung für seine neue Kunst urbar machen, als Ausdruck des spezifisch Modernen. Dem abstrakten Ornament kommt im Zuge dessen weitreichende Bedeutung zu, weil es sich, ohne an eine normierte, naturalistische Motivik gebunden zu sein, den Anforderungen und Möglichkeiten neuer Konstruktionen und Materialien anpassen könne. Während das historistische, rein dekorative Ornament die Konstruktion maskiere und die Materialien imitiere oder verdecke, fordert van de Velde deren Offenlegung, damit eine aufrichtige Beziehung zwischen Mensch und Objekt möglich würde.

Niess: Abb. 2 - Schreibtisch[Bildunterschrift / Subline]: Schreibtisch (1899), Eiche mit Messingteilen, Germanisches Nationalmuseum Nürnberg; private Fotografie aus: Sembach, Klaus-Jürgen. Henry van de Velde. Stuttgart: Hatje, 1989.

In seinen theoretisierenden Schriften legt van de Velde das abstrakte Ornament in diesem Sinne fest. Es changiert dabei in seiner Kreation zwischen einem wissenschaftlichen Anspruch und damit Wahrhaftigkeit generierenden Regelmäßigkeiten und einer dem Innersten und Vorbewussten des Menschen entströmenden Lebenskraft, die über die Kunst auf die Gesellschaft wirken könne. Beide Momente, sowohl die Orientierung an "Vernunft und Logik" als auch die vorintellektuelle, künstlerische Äußerung als urmenschlich festgelegtes Element sind zentrale Annahmen in den Überlegungen zu Kunst und Lebenspraxis zur Zeit van de Veldes, die er in der Konzeption seines "neuen Stils" rezipiert. In seiner Suche nach einer wahrhaftigen Kunst, die auf die Lebensrealität positiv wirken könne, orientiert sich van de Velde an den Erkenntnissen der Psychophysik, die sich mit der Wirkung der Kunst auf das menschliche Gemüt befasst und dabei eine Methode zur Gestaltung festlegt. Bereits in van de Veldes malerischem Werk zeichnet sich dieser Wille zur Methodik ab, indem er sich stark an der Malerei der Neo-Impressionisten orientiert. Ebenso wie sich Seurat und seine Gefolgschaft an die Theorie des Komplementärkontrastes halten, erhofft sich van de Velde vergleichbares für das Ornament, das dementsprechend allein abstrakt ausfallen kann. Indem van de Velde das Ornament und seinen "neuen Stil" aber gleichzeitig mit dem Dionysischen in Verbindung bringt, rekurriert er auf den griechischen Dionysos-Kult und verweist damit auf das nietzscheanische Konzept des Kunstwerks, das in der attischen Tragödie verwirklicht wird und bereits im Gesamtkunstwerk Wagners eine zentrale Rolle spielt. Dementsprechend erhält das vorgestellte Leben und Wesen der Griechen hier jenen Vorbildcharakter, den es für einen großen Kreis der Künstler und Denker der Jahrhundertwende entfaltet. Nietzsches Philosophie wurde dabei zum Wegweiser auf dieser Suche nach einer neuen, gesunden Kunst und Gesellschaft. So zeigt sich van de Veldes abstraktes Ornament in seiner theoretischen Fundierung als Resultat einer weitreichenden Rezeption der dominanten kunsttheoretischen und philosophischen Diskurse um die Jahrhundertwende. Gleichermaßen reiht sich van de Velde ein in die Gruppe der Künstler, Literaten und Denker seiner Zeit, die der Kunst das Potential einer Gesamterneuerung der Gesellschaft zusprachen. Letztlich jedoch muss van de Veldes Oeuvre, als Teil der gesamten sozialreformerischen Seite der Kunst der Jahrhundertwende, geringe soziale Wirksamkeit konstatiert werden. Jedoch befeuerte er mithilfe seines Ideengebäudes zum abstrakten Ornament und einem "neuen Stil" in seinen weitreichenden und engagierten Schriften und künstlerischen Arbeiten nicht nur die Kunst seiner Zeit und die theoretische Auseinandersetzung dazu, sondern wirkt auch über seine spätere Lehrtätigkeit weit in die Geschichte des Designs hinein."


mailto: Flora Nieß
Flora Nieß
* 1984

Wissenschaftlicher Werdegang
  • 2007-2010
  • Bachelorstudiengang Europastudien, Katholische Universität Eichstätt - Ingolstadt
  • 2010-2012
  • Masterstudiengang Aisthesis. Historische Kunst- und Literaturdiskurse, Katholische Universität Eichstätt - Ingolstadt

Publikation
  • "Angst vor der Weiblichkeit". In: Bayerl, Marion; Gutsche, Verena; Klüsener, Bea (Hrsg.): Gender - Recht - Gerechtigkeit. Heidelberg: Winter (im Druck). S. 93-109.

Stipendien
  • seit 2007
  • Stipendiatin der Hans-Böckler-Stiftung
  • seit 2011
  • Stipendiatin des Max Weber-Programms