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Forschungsarbeit

„Die Menschen sind nicht mehr unter sich“

Von Augusta Müller (17.05.2013)

Im Steinzeitalter zeugte die Verzierung von Artefakten und deren Verleihung magischer Kräfte von dem Verhältnis des Menschen zur Welt und seiner Identifizierung als Teil der Natur. Dies galt als befriedigende Gestaltung, wurde im Mittelalter jedoch durch die Individualisierung des Gestaltungsprozesses selbst vernachlässigt und ist teilweise in Vergessenheit geraten. An Stelle dem Sinn der Gegenstande (Kunstwerke) Aufmerksamkeit zu widmen, geriet die Handlung in den Vordergrund.


Das ursprüngliche Design, dessen physisch-reale Ebene die philosophische Einstellung zur Welt darstellte, hat sich zur jetzigen Kunst entwickelt, deren Ebene nach ihrem Ideal sucht. Der emotionelle Zusammenhang mit dem Produkt wurde verloren. Erst im 20.Jahrhundert versuchte die Postmoderne Kunst und Design wieder zu vereinigen. Die Abgrenzung des Designs von der Kunst hat einen philosophischen Implikationssinn. Er liegt in der Selbstidentifikation des Menschen in der Welt. Der deutsche Philosoph Gernot Böhme verweist auf Kopräsenz, den gemeinsamen Zustand des Ichs und seiner Umwelt.
Nach Bruno Latour existieren nur Mensch-Ding-Hybriden, komplexe Interferenzen zwischen menschlichem und nicht-menschlichem in Handlungen.
Der Wunsch der Menschen die nicht-menschliche Dinge menschlich bzw. lebendig zu machen hat ihre Wurzeln noch in den Märchen, Legenden und Mythen, in denen die Menschen die Natur, die wir jetzt als tot kennen, als lebendige erlebten. Es handelt sich also um die befriedigende Gestaltung der menschlichen Einbildungskraft.
Wir sind daran gewöhnt, die Dinge in unserem Leben, wo der Mensch das Zentrallebewesen darstellt, die Dinge als tot zu betrachten - nicht als beteiligte Aktanten, geschweige denn als lebendige Akteure. Die Denkrichtung des Fetischismus in der Philosophie, die seinen Ursprung im Steinzeitalter hat und mit der Zeit nicht nur vernachlässigt, sondern auch verzerrt wurde, stellt in der Postmoderne den Versuch zur Wiedervereinigung der Kunst und des Designs auf. So ist Fetischismus gegenwärtig nicht nur einer der neuen Trends in der Philosophie, sondern auch in der Kunst und im Design. Diese beiden Begriffe werden jedoch aufgrund ihrer Natur- und Gegenstandswahrnehmung, sowie deren verschiedenen Intentionen unterschieden. In einem ersten Überblick ersieht die Kunst in ihrem Gegenstand bzw. im Kunstwerk die Darstellung, wohingegen das Design, das auf der physisch-realen Ebene aufgebaut wird, eher einem funktionalen Zweck und einer Handlungsästhetik, mit der die Bedeutung des Gegenstandes im Zusammenhang ist, gerecht wird.
Der Fetischismus könnte zukünftig eine gewichtige Bedeutung für die Kunst einnehmen. Dies wird er, wenn die Menschheit in ihrer Geistigkeit aus den Dingen der materiellen Welt sich zu den geistigen Dingen wendet und seine andere Stelle in der Welt verseht: nicht jene, herrschende, sondern eine zusammenlebende und zusammenwirkende; d.h. zusammen mit der Welt (mit der Welt der menschlichen und nicht-menschlichen Dingen, die in der Gegenwart alle vital sind) an Stelle sich von der Materie abgrenzend, in der Welt.
Die menschliche Einstellung zu den materiellen Dingen selbst und ihrer Beseeltheit mit ihren verliehenen vibranten bzw. lebhaften Eigenschaften verändert die menschliche Denkweise durch bewusste Reflexion über unser Verhältnis zur Umwelt und der Entdeckung ihres Implikationssinnes in eine positive Richtung.
Das wäre keinesfalls Nachweis darüber, dass die Menschen in ihrer geistigen Entwicklung in die Steinzeit zurückkehren, sondern Verbreitung des Horizonts ihrer Seligkeit, ihr erlebtes Verständnis der Welteinheit in der Natur.
Fetischismus verleiht der Kunst einen zusätzlichen, wenn nicht sogar anderen Sinn. Die Balance zwischen dem Künstler und der Natur und die Ablehnung der Aufteilung auf menschliche und nicht-menschliche Einheiten ermöglichen den Übergang zu den nicht-materiellen Werten. Gerade aus dieser Sicht ist die Analyse eines Fetischismusbegriffs im Design besonders fruchtbar:
Die Übernahme des funktionalen Zwecks des Designs kann eine physisch-geistige Einheit - auch in den menschlichen Handlungen - bilden.
Fetischismus in der Kunst ist also ohne echte Beseeltheit der Gegenstände (nicht Kunstwerke) nicht möglich. Fetischismus im Design erfordert die Fusion der Welt des Lebens und der Welt der Materie (was z.B. im Avantgarde-Design zu finden ist). Stellt also der fetischistische Ansatz im Design die Voraussetzung für die Zukunft ohne materielles Engagement dar? Macht also Design eine Runde in die Steinzeit zurück?

 


Augusta Müller
* 1981 in Athen

Wissenschaftlicher Werdegang
  • 10/2004-04/2010
  • Università degli Studi di Firenze, Florenz: Industriedesign an der Architektur Fakultät (Schwerpunkt Produktdesign)
  • 10/2010-10/2011
  • Kath. Universität Eichstätt-Ingolstadt, LMU München, Augsburg und Regensburg: Elitestudiengang Aisthesis. Historische Kunst- und Literaturdiskurse
  • 10/2011-10/2012
  • École Normale Supérieure, Paris: Auslandsjahr im Rahmen des Studienganges Aisthesis. Historische Kunst- und Literaturdiskurse

Praktische Erfahrung (Auszug)
  • 01/2012-03/2012
  • Musée du Louvre, Département Arts graphiques, Paris
  • 09/2010-06/2011
  • Muenchenarchitektur, Architekturportal, Online-Redaktion
  • 05/2010-08/2010
  • Kröncke, Interior Design, München