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Forschungsarbeit

Jawort ohne Jahwe?
Über das jüdische Eherecht in Israel und seine Folgen.

Von Valerie Küttler (08.07.2013)

Menschen heiraten, das scheint ganz selbstverständlich. Wer sich in Deutschland trauen lassen möchte, wendet sich an das Standesamt und schließt in Gegenwart eines Beamten den Bund der Ehe – ein ziviler Rechtsakt. In Israel gestaltet sich die Situation anders als hierzulande. Zivile Eheschließungen gibt es dort nicht, sondern nur religiöse Trauungen. 

Wer heiraten möchte, muss sich an die Vorgaben der Religionsgemeinschaft halten, der das Paar angehört – Juden wenden sich an das Rabbinat, Muslime an die Scharia-Gerichte und christliche Israelis werden von den jeweiligen christlichen Institutionen betreut. Eine Trauung, die nicht von einem Geistlichen geschlossen wurde, wird nicht anerkannt. Die Konsequenz: Paare, die die Grundvoraussetzungen für eine Ehe gemäß dem religiösen Recht ihrer Religion nicht erfüllen, können in Israel nicht heiraten.

Im Falle jüdischer Israelis erlaubt das orthodoxe Rabbinat weder Trauungen interreligiöser Paare, beispielsweise die Ehe zwischen einer Jüdin und einem Christen, noch Eheschließungen durch nicht-orthodoxe, also liberale oder konservative Rabbiner. Auch zivile Trauungen, die im Ausland vollzogen wurden, haben vor dem Rabbinat keine Gültigkeit.

Die Anwendung traditionellen, religiösen Rechts im demokratischen, säkularen Staat Israel hat eine lange Geschichte, wird aber in den letzten Jahren zunehmend kritisiert. Viele Israelis lehnen eine religiöse Trauung aus persönlichen Gründen ab und fordern die Einführung der Zivilehe. Da sich die Idee bis dato noch nicht durchgesetzt hat, werden Reisen ins Ausland immer populärer. Jedes Jahr fliegen mehrere hundert Israelis nach Zypern, in die Tschechische Republik oder nach Gibraltar, geben sich in dortigen Standesämtern das Ja-Wort und kehren als Ehepaar nach Israel zurück. Eine solche im Ausland geschlossene Zivilehe wird zwar nicht vom Rabbinat, sehr wohl aber vom Staat Israel anerkannt. Dieser Hochzeitstourismus ist ein Schlupfloch im israelischen Gesetz und eine immer beliebtere Form, der religiösen Tradition aus dem Weg zu gehen und selbstständig über Partnerwahl und Form der Hochzeit zu entscheiden.

Der Streit um die Zivilehe spiegelt das ungeklärte Verhältnis von Staat und Religion und die kontroverse Debatte um die Rolle des orthodoxen Judentums wider. Lieferte die Orthodoxie bei der Staatsgründung einen wichtigen Beitrag zur Bildung der nationalen Identität, wird ihre Vorherrschaft heute zunehmend infrage gestellt. Das Hauptargument der Orthodoxen, nämlich dass eine Legalisierung von Mischehen zwischen Juden und Nichtjuden die Einheit des jüdischen Staates angreifen könnte, verliert an Bedeutung. Das Spannungsfeld beruht auf einem – scheinbaren – Gegensatz zwischen einem modernen Staats- und einem prämodernen Religionsverständnis. Am Konflikt um die Zivilehe zeigen sich nicht nur Individualisierungs- und Säkularisierungsvorgänge. Er wirft auch die Frage auf nach der Bedeutung von Ehe und den Grundlagen staatsbürgerlicher bzw. jüdischer Identität.

Die Forschungsarbeit zeigt neben diesen Querverbindungen die konkreten Konsequenzen der Anwendung religiösen Eherechts auf politischer, ökonomischer und gesellschaftlicher Ebene und die religiösen, säkularen und ethnischen Beweggründe der Betroffenen auf. Die Debatten vor der Einführung der Zivilehe in Europa vor rund 200 Jahren und die Diskussionen in Israel zum jetzigen Zeitpunkt ähneln sich zwar in großen Teilen. Sie drehen sich im Kern um die Furcht vor einem religiösen Traditionsverlust einerseits, der im Fall von Israel mit der Angst vor einem Identitätsverlust verknüpft ist, und dem Wunsch nach Fortschritt und Öffnung andererseits. Doch wird sich zeigen, ob Israel ebenfalls mit einer zivilen Ehereform reagieren oder einen anderen Weg einschlagen wird.


Wissenschaftlicher Werdegang
  • 2007-2012
  • Magisterstudium der Religionswissenschaft, Kommunikationswissenschaft und Psychologie an der Ludwig Maximilians-Universität München
  • 2012
  • Magisterarbeit mit dem Thema: „Fürs Ja-Wort nach Zypern? Religiöse und andere Motive für Trauungen israelischer Staatsbürger im Ausland“