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Forschungsarbeit

Frauen in tragenden Rollen - Archäologie in Eleusis

Von Florian Klauser (21.10.2013)

Weibliche 'Stützfiguren' bilden seit der Antike ein wesentliches Schmuckelement in der Fassadenarchitektur. Neben dieser Aufgabe einer ästhetisch-strukturellen Gliederung können sie dem Betrachter aber auch über ihre Ikonographie (Tracht, Attribute) konkrete Hinweise über die Funktion des Gebäudes, das sie 'tragen', mitteilen. Im Mysterienheiligtum von Eleusis nordwestlich von Athen ging man im 1. Jahrhundert v. Chr. sogar soweit, zwei solche Figuren im Eingangsbereich zum Heiligtum als kolossale Priesterinnen zu gestalten. Der Vortrag soll sowohl durch eine Analyse der Ikonographie dieser zwei Figuren als auch durch allgemeine Überlegungen zur Entwicklung der weiblichen 'Stützfigur' die kulturhistorische Bedeutung dieses Figurenpaars herausstellen.

Ziel dieses Forschungsberichts ist es, erstens die Datierung der zwei fragmentierten kolossalen Stützfiguren (Kistophoren) von Eleusis stilistisch zu klären und zweitens ihre ikonographischen Besonderheiten herauszuarbeiten. Ersteres ist notwendig, da eine ausführliche, stilistische Untersuchung seit der Entdeckung der zweiten Figur im späten 19. Jahrhundert ausgeblieben ist, als beide Figuren aus bautechnischen Gründen den sog. Kleinen Propyläen von Eleusis zugeordnet wurden. Dementsprechend wenig setzte man sich auch mit der Ikonographie der Figuren auseinander.

[Bildunterschrift / Subline]: Abb.1: Blick von Nordosten über das Heiligtum von Eleusis (nach Papangele 2002*, S. 8)

Erstens kann die Datierung der Figuren in spätrepublikanische Zeit mittels einer stilistischen Analyse geklärt werden. Dies geschieht durch Fallstudien, indem die zur Diskussion stehenden Datierungsvorschläge (1. Jh. v. Chr. oder 2. Jh. n. Chr.) mithilfe von Vergleichsstücken aus den jeweiligen Zeithorizonten abgewogen werden. So wird die Ornamentik der Kiste stilistisch untersucht. Durch einen Vergleich mit der Bauornamentik der in die Mitte des 1. Jahrhunderts v. Chr. fest datierten sog. Kleinen Propyläen und Bauwerken in Eleusis aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. stellen sich enge stilistische Parallelen zum spätrepublikanischen Bau heraus, die in der Summe für eine Datierung der Kistophoren in diese Zeit sprechen. Offensichtlich griff man bewusst Motive und formale Elemente der Kore A vom Erechtheion in Athen auf und arbeitete nach dem Stil der griechischen Klassik im Einfluss des Zeitstils des 1. Jahrhunderts v. Chr. Auch wenn auf die typischen nach vorne genommenen Lockenzöpfe verzichtet wurde, ist den Köpfen noch so viel an Ikonographie der Koren gegeben worden, dass das Vorbild aus der griechischen Klassik erkennbar bleibt. Zum klassizistisch gestalteten Oberkörper und Kopf wird aller Wahrscheinlichkeit nach ein Unterkörper in altertümlichem Stil gehört haben, sodass die Kistophoren ein eklektizistisches Werk darstellen.

[Bildunterschrift / Subline]: Abb.2: Eine der zwei kolossalen Stützfiguren aus dem Heiligtum von Eleusis mit appliziertem Medusenhaupt und verzierter Cista mystica auf Brust und Kopf (nach Papangele 2002*, S. 119)

Die ikonographischen Untersuchungen ergeben, dass die eingesetzten Motive alte Motive aus dem lokalen Kult (Kiste, bakchos, Ährenbündel, plemochoe, diplax) und für eine bestimmte Altersgruppe von Mädchen (Kreuzbandgürtung mit appliziertem Medaillon als Medusenhaupt) darstellen. Zusammen formulieren sie die Ikonographie von jugendlichen und jungfräulichen Priesterinnen der Demeter und Kore, die als Kistophoren in der Prozession des Mystenzuges die heiligen Gegenstände nach Eleusis tragen.

Die beigefügten Attribute, die weibliche Stützfiguren mit sich führen können, bzw. die Motive darauf beziehen sich generell auf die lokal verehrte Gottheit, weisen also zueinander eine enge inhaltliche Beziehung auf. Der Vergleich der Attribute zeigt, dass die Kistophoren insofern eine Sonderrolle einnehmen, als die Kiste sowie ihre Motive gegenüber anderen Attributen wie der Spendeschale explizit auf den lokalen Kult Bezug nehmen, da sie konkret traditionelles eleusinisches Kultgerät bzw. Attribute der lokal verehrten Gottheiten Demeter und Kore zitieren. So erhält man allein durch die verdichtete Darstellung von Motiven ausreichend präzise Hinweise, dass die Figuren Frauen darstellen, die im Kultdienst der Demeter stehen.

In der Konzeption der eleusinischen Kistophoren griff man auf etablierte Gestaltungsmittel zurück, die bereits in den archaischen Koren der Schatzhäuser entwickelt wurden (weibliche Gewandfigur, Gefäß mit Dekor). Man spielte jedoch schon mit der Innovation der Pfeilerfigur als mehr dekorativer Plastik. Durch die starke Hinterarbeitung der Figuren wird der Eindruck vollplastischer Figuren evoziert, die funktional einen vollwertigen Ersatz eines tragenden Baugliedes darstellen. Ferner varriert man das Stützmotiv, indem wohl nicht ein Arm „stützend“ zum Gebälk erhoben wird, sondern wider Erwarten beide Arme zur Kiste erhoben werden. Sowohl die motivischen wie auch stilistischen Übereinstimmungen in der Ornamentik der Kiste und dem Bau der sog. Kleinen Propyläen (Fries, Kapitelle) als auch die Reste von Stegen im Rücken der Figuren legen es nahe, dass sie auf Anschluss gearbeitet in diesen Torbau eingebunden waren.

Die Datierung der Kistophoren und deren Zuweisung zu den sog. Kleinen Propyläen fügen sich in das historische Umfeld um die Mitte des 1. Jahrhunderts v. Chr. ein. Erstens bezeugt die Stiftung des Torbaus mitsamt den Kistophoren durch Claudius Appius Pulcher, 54 v. Chr. römischer Konsul, das grundlegende Interesse der römischen Aristokratie an den Mysterienkulten. Der in seinen baulichen Details außergewöhnliche Bau mit sechseckigen korinthischen Figuralkapitellen an der Außenseite sowie den zwei kolossalen Kistophoren an der Innenseite erwirkt jedoch gerade das zu dieser Zeit literarisch formulierte Gegenteil von Kultiviertheit und Sittsamkeit, zu dem die Mysterien verhelfen sollten. Stattdessen bricht sich in der extravaganten Gestaltung des Torbaus in Eleusis die dekadente Lebensweise der Späten Republik bahn, die dem Stifter gegenüber denen, die das Heiligtum betraten, zu hohem Prestige verholfen hat. Zweitens trugen dazu die bisher einzige, bekannte lateinische (Stifter-)Inschrift auf dem Architrav und die beschriebene Gestaltung der Figuren als Kistophoren maßgeblich bei. Sie förderten nicht nur die dem Heiligtum eigentümliche sakrale Atmosphäre, indem sie direkt auf die alte, örtliche Kultpraxis Bezug nehmen. Die Kistophoren förderten auch das Prestige des Stifters insofern, als sie im „Trend“ der Zeit gestaltet wurden, indem die Kistophoren bekannte Motive sowie Formelemente aufgreifen und diese dabei eklektizistisch kombinieren und auf einen Betrachter trafen, der diese Motive entschlüsseln soll, weil er es konnte.

* K. Papangele, Eleusina. Ho archaiologikos chōros kai to mouseio, Athen 2002


Wissenschaftlicher Werdegang
  • 2007-2012
  • Magisterstudium Klassische Archäologie (HF), Kunstgeschichte (NF) und Alte Geschichte (NF) an der Ludwig-Maximilians-Universität München
  • 04/2010-09/2010
  • Auslandsaufenthalt an der Università degli Studi di Roma ‚La Sapienza‘