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Forschungsarbeit

Beginn! Zur literarischen Wissensgeschichte des Anfangens um 1900 

Von Dr. Irina Hron-Öberg  (18.07.2013)

Die Arbeit von Irina Hron-Öberg wurde als komparatistisch konzipierte literaturwissenschaftliche Studie entworfen, welche sich mit Semantiken des Schöpferischen, der Fabrikation und des Genealogischen auseinandersetzt, und auf diese Weise einen Beitrag zur Wissensgeschichte von Anfang und Hervorbringung leistet. Besonders aufschlussreich ist die Arbeit für ein Lesepublikum, das sich umfassender und mit einem Interesse für ›Begriffsschichtungen‹ für das Problem von Anfänglichkeit und originärer Hervorbringung um 1900 interessiert, sowie für das Gedankenexperiment vom Anfang als denkbar weil erzählbar

"Am Anfang meines Buches stand und steht nach wie vor die Faszination, die von der Machtlosigkeit jenes Geschöpfes ausgeht, dem sein eigener Ursprung abhanden gekommen ist: In dem Augenblick, in dem es zu sich selbst kommt, ist das Geschöpf bereits vorhanden. Es ist bereits geschaffen und damit gefangen in der Rolle des ewigen Zweiten, im Wettlauf um den originären Schöpfungsakt. Doch wem gebührt der erste Platz in diesem Rennen um den einen Anfang? Und was ereignet sich (im Text), wenn jenes Dilemma in die Narration verlegt, prozessiert und dann – erzählt wird? 

Die Notwendigkeit der Fiktionalisierung bzw. Narrativisierung des Anfangs findet sich bereits bei Immanuel Kant, der 1768 in seiner Abhandlung Mutmasslicher Anfang der Menschengeschichte den Versuch unternimmt die Genese des aufgeklärten Menschen zu schreiben. Aus mehreren Gründen ist die Kantsche Variante der Ursprungserzählung für ein Nachdenken über anfängliches Hervorbringen von Belang: In der kurzen aber umso dichteren Abhandlung entwirft Kant den Gründungsmythos vom Menschen als Vernunftwesen, das versucht eine Antwort auf die Frage der Fragen zu geben – jener nach dem Anfang und Ursprung des Menschengeschlechts. Dieser Anfang erweist sich jedoch als dürftig und damit gründlich erklärungsbedürftig. Die aufgrund des Fehlens von Augenzeugen lückenhafte Überlieferung ist der Grund, weshalb sich über den Anfang der Menschengeschichte nicht berichten lässt. Einzig das Erzählen und damit das Verschieben in die (zunächst biblische) Narration ›rettet‹ diesen Anfang vor der Unsagbarkeit. Indem Kant den Ursprung ins Medium der mutmaßenden Erzählung verlegt, macht er unmissverständlich klar, dass ›Origo-Narrationen‹ unentbehrlich sind, um einen Anfang überhaupt denken zu können. Alle Urszenen und Ursprungsnarrative dienen auch dazu, die Lücken und Leerstellen zu füllen, über die sich anders nichts – oder zumindest nicht viel sagen lässt. 

Abb. 1: Darwins Handschrift, Naturhistorisches Museum Wien (Foto: Irina Hron-Öberg, 2010).[Bildunterschrift / Subline]: Abb. 1: Darwins Handschrift, Naturhistorisches Museum Wien (Foto: Irina Hron-Öberg, 2010).

Ein gutes Jahrhundert später formuliert Friedrich Nietzsche den überstrapazierten Satz vom Tode Gottes und legt damit den Finger auf ein epochemachendes Phänomen: Religion in all ihren Spielarten findet in der Umbruchsperiode um 1900 ihren Gegensatz in einem stark naturwissenschaftlich und immer nachdrücklicher technizistischen Weltverständnis, während Sigmund Freud, C.G. Jung und andere weiter an ihrer Kritik am Projekt der Aufklärung schreiben und das Unbewusste des Seelenlebens (er)finden. Vor diesem oszillierenden geistes-geschichtlichen Hintergrund bildet sich um die Jahrhundertwende eine Literatur heraus, in welcher künstlerische und naturwissenschaftliche Schöpfungsfragen in zunehmendem Maße die Texte durchziehen. Die Figur des Schöpfers ersteht wieder auf – im Bilde des Künstlers, des Naturforschers oder des vereinzelten und vereinsamten Subjekts. Um der Vielschichtigkeit solcher Schöpfungsvorstellungen um 1900 gerecht zu werden, wird der Schöpfungsbegriff eingetauscht gegen eine durchlässigere, für die unterschiedlichen Facetten empfängliche Begrifflichkeit: Hervorbringung. 

Anhand dreier bedeutender Romantexte der Jahrhundertwende um 1900 lassen sich die Imaginationen des Hervorbringens sichtbar machen und systematisch analysieren: 

In Knut Hamsuns Sult [Hunger] entwirft ein höchst streitbares, namenloses Text-Ich eine spiegelbildliche Gegennarration zur Schöpfungsgeschichte, während die Leerstelle seines Namens gleichzeitig mit immer neuen (Schöpfer)gestalten besetzt wird. Der hungernde Protagonist probt den Aufstand gegen eine höchste und höchst gleichgültige Gottheit, indem er in einer Art weltlicher imitatio dei-Bewegung die zentralen Schöpfungswerke der biblischen Genesis versucht ›nachzubauen‹ und auch umzubauen: Weltschöpfung, Menschenschöpfung, Wortschöpfung und Urschöpfung. Durch eine Reihe von Schöpfungen und Gegenschöpfungen wird die Einmaligkeit der göttlichen Schöpfung herausgefordert und den Höhepunkt bildet die Zurücknahme des biblischen Schöpfungsberichts in der Figur einer säkularisierten creatio ex nihilo. Diese Strategien scheitern jedoch radikal und setzen eine Flut an postreligiösen Schwundfiguren in Gang, mit denen die Topoi von Religiosität, Inspiration, Kreativität und ›das Heilige‹ sukzessive abnehmen und schließlich ganz zu verlöschen drohen. Bevor es soweit kommt, sucht der Protagonist jedoch das Weite und der Text bricht urplötzlich und völlig abrupt ab. 

In August Strindbergs Romantext I havsbandet [Am offenen Meer] versucht ein egozentrischer ›Intelligenztechnokrat‹ die schöpferischen Naturgegebenheiten mittels eigener Gegenfabrikationen zu umgehen, auszuhebeln und zu übertrumpfen: Beim Vergleich mit den Schriften von Charles Darwin, Ernst Haeckel, Carl von Linné und anderen Gelehrten entsteht das Bild eines Naturforschers, der von einem unerschöpflichen Willen zu klassifizieren, zu systematisieren und hervorzubringen getrieben ist. Der Protagonist bemächtigt sich der Elemente, baut den Naturraum nach seinem Willen zu Kulturräumen mit einem Zug ins Monströse um, er ordnet den ›Weltinnenraum‹ und ordnet ihn um. Schließlich entwirft er eine ›Sprache zweiten Grades‹, die sich der Dinge und der Kreaturen bemächtigen soll und gleichzeitig auf die umfassende Auslöschung des Weiblichen angelegt ist. Doch auch dieser Text gönnt seinem Protagonisten keinen Sieg und die Deviationen des Gehirnakrobaten schlagen auf ihn selbst zurück und rotten ihn in erbarmungslosester Darwinistischer Manier aus. 

Erst mit Rainer Maria Rilkes Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge tritt eine Wende ein, ein neuer Anfang scheint möglich, und der (in Paris) verlorene Sohn erringt am Schluss eine selbst gewählte Einsamkeit und Anfänglichkeit. Jede Vorstellung einer Herkunfts- oder Folgelogik, die in eine lineare Familiengeschichte münden könnte, wird ins Leere geführt. Stattdessen wird die genealogische Kette durch ein einziges, vereinzeltes Subjekt ersetzt, das selbst einen Anfang machen soll. Der Text erlaubt seinem Flaneur sich nach und nach aus dem Familien- und Herkunftsnarrativ zurückzuziehen und damit eine einzigartige, zudem weiblich unterlegte Poetik der Einzahl zu realisieren."


Wissenschaftlicher Werdegang
  • 2002-2007
  • Magister Artium an der Ludwig-Maximilians-Universität München
  • 2007-2010
  • Promotionsstudiengang Literaturwissenschaft mit Projekt ›Hervorbringungen. Lektüren ausgewählter Texte von Knut Hamsun, August Strindberg und Rainer Maria Rilke‹
  • seit 2012
  • Habilitation (extern) in Allgemeiner und Vergleichender Literaturwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München / Stockholms universitet, Schweden

Stipendien und Förderungen (Auszug)
  • 2010-2011
  • LMU-Abschlussstipendium für hochqualifizierte Doktoranden (GraduateCenter-LMU)
  • 2011
  • President’s Grant der SASS (Society for the Advancement of Scandinavian Study) zur Förderung der Konferenzteilnahme am Annual Meeting 2011 in Chicago, USA
  • 2011
  • Research Fellowship für hochqualifizierte PhD-Kanditaten und Forscher für einen Forschungsaufenthalt an der Universitetet i Agder, Norwegen (Norges Forskningsråd/ The Research Council of Norway)

Publikationen (Auszug)
  • 2009
  • „‚Grenzwertige Begegnungen’. Spiegelflächen, Hörgrenzen und Sprachwirbel um 1900: Thomas Manns Wälsungenblut und Hofmannsthals Ein Brief.“ In: Jahrhundert(w)ende(n). Ästhetische und epochale Transformationen und Kontinuitäten 1800/1900, hrsg. v. Julia S. H
  • 2012
  • „›Liebe für Fortgeschrittene‹. Eine filmanalytische Anwendung von Jean-Luc Marions post-metaphysischer Phänomenologie am Beispiel von Hawaii, Oslo, Magnolia und Broken Flowers. (gemeinsam mit Raoul Eshelman, Laura Novotny und Irina Schulzki)
  • 2013
  • „Weiße Ursprünge. Verdichtungen des Unerhörten in Romantexten von Rilke und Hamsun.“ In: Influx: Der deutsch-skandinavische Kulturaustausch um 1900, hrsg. v. Søren Fauth, Gisli Magnusson und Karin Wolgast. Würzburg: Königshausen & Neumann.