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Forschungsarbeit

Das Wissen des Alters.
Literarische Inszenierungen von Weisheit 1840-2011

Von Marie Gunreben (13.11.2013)

Der demographische Wandel der letzten Jahrzehnte hat einen Diskurs über das Alter in Gang gesetzt, der politische Debatten ebenso wie feuilletonistische Artikel umfasst. In der Rede von „Rentnerschwemmen“ oder „sozialverträglichem Frühableben“ – beide Ausdrücke wurden zum Unwort des Jahres gekürt – manifestiert sich eine negative Bewertung alter Menschen als gesellschaftlich und ökonomisch überflüssige Randgruppe. Zugleich lässt sich eine gegenläufige Sehnsucht nach positiven Altersentwürfen beobachten. „Altersweise“ Personen sind in den Medien begehrt, sollen Stellung zu aktuellen politischen Fragen beziehen oder in festgefahrenen Auseinandersetzungen die Vermittlerposition übernehmen. Auch in der Wirtschaft wird am Begriff des „Weisen“ festgehalten – es scheint, als gebe es einen Bedarf an Weisheit als Gegenmodell zu kontingenten Wissenssystemen.

Die Brisanz der Altersthematik in gesellschaftspolitischen Kontexten hat ihre Entsprechung in der Literatur. In den letzten Jahrzehnten ist eine Vielzahl an Texten erschienen, die Altern und Alter auf unterschiedliche Weise verhandeln. Die Faszination für das Alter ist freilich kein Einzelphänomen des ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts, sondern verfügt über eine lange Tradition in der Literatur- und Philosophiegeschichte. Seit der Antike verlaufen Beschreibungsmuster und Figurenmodelle des Alters entlang der erstaunlich stabilen Dichotomie von Alterslob und Altersschelte: Weisen und reifen Figuren stehen solche des körperlichen und geistigen Verfalls gegenüber.

Auf Seiten des Alterslobs stellt Weisheit eine zentrale Eigenschaft dar, die zugunsten des Alters angeführt wird. Alten Personen wird traditionell ein spezifisches Wissen zugesprochen, das nach Aleida Assmann die Kehrseite neuzeitlicher Wissenssysteme repräsentiert: Im Gegensatz zum Wissen als Wissenschaft („scientia“) ist Weisheit („sapientia“) allumfassend statt in Fachbereiche partialisiert, situativ gebunden statt experimentell wiederholbar, an die mündliche Erzählung einer betagten Figur gekoppelt anstatt dokumentier- oder digitalisierbar. Als Träger jenes narrativ verfassten Wissens eignen sich Figurationen der Altersweisheit wieder-um zur poetologischen Reflexion von Literatur selbst: Über das ‚andere‘, ganzheitliche und erzählende Wissen des Alters kann also zugleich ein entsprechend ‚anderes‘ Wissen der Literatur verhandelt werden. Das Projekt zum „Wissen des Alters“ will diesen besonderen Konnex von Alter, Wissen und Erzählen in den Blick nehmen: Wie inszenieren Texte der Moder-ne alte Figuren? Welche Relevanz schreiben sie ihrem Wissen und ihren Erzählungen zu? Zu zeigen ist, welchen gesellschaftlichen und poetologischen Konjunkturen das Modell der Al-tersweisheit in der Literatur des 19. bis 21. Jahrhunderts unterliegt: Die Inszenierung altersweiser Figuren folgt, so meine These, einem topischen Beschreibungsinventar, welches jeweils auf spezifische Weise variiert wird, je nachdem, welche Funktion der Text seinem eigenen Wissen zuweist.


Wissenschaftlicher Werdegang
  • 2004-2011
  • Magisterstudium der Germanistik und Philosophie an den Universitäten Würzburg und Bamberg
  • 2011-2012
  • Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Neuere deutsche Literaturwissenschaft, Bamberg
  • seit 2012
  • Kollegiatin im Graduiertenkolleg "Alter(n) als kulturelle Konzeption und Praxis"

Publikationen (Auszug)
  • * Das weise Alter. Zur Neuinszenierung eines traditionsreichen Modells in deutschsprachigen Gegenwartstexten. In: Corina Erk, Christoph Naumann (Hg.): Gegenbilder – literarisch/filmisch/fotografisch. Bamberg: University of Bamberg Press 2013, S. 67-82.
  • * zus. mit Friedhelm Marx: Inseln des Eigensinns. Über die Romane Annette Pehnts – eine Einleitung. In: Friedhelm Marx (Hg.): Inseln des Eigensinns. Beiträge zum Werk Annette Pehnts. Göttingen: Wallstein 2013, S. 7-14.
  • * Das erzählte Gehirn. Literatur, Wissen, Neurowissenschaft. In: Wirkendes Wort 62 (2012), H. 2, S. 199-218.