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Forschungsarbeit

Zur Medialität von Liebe

Von Roman Giesen  (09.09.2013)

Die Dissertation "Zur Medialität von Liebe" leistet einen Beitrag zur Erforschung des konstitutiven Zusammenhangs von Mediennutzung und Liebe. Bereits alltägliche Phänomene verweisen eindrucksvoll darauf, dass Medien in ihrer gesamten Ausfaltung in Liebessituationen eingesetzt werden: Liebende beschwören ihre Zuneigung zueinander in Briefen, teilen ein gemeinsames Lieblingsbuch oder Lieblingslied, das ihnen als Begründung des gegenseitigen Verstehens, der gemeinsamen Liebe dient oder entwickeln eine nur ihnen verständliche „(Privat-)sprache der Liebe“ [1].

Dabei betrifft das, was man in Bezug auf Liebe unter dem Begriff ,Medium‘ subsumieren kann, keineswegs nur die herkömmlichen Varianten visueller oder auditiver Medien, welche an technische Dispositive oder an ein gesteigertes Distributionspotenzial gekoppelt sind. Auch konkrete alltägliche Gegenstände, die dem ansonsten ungeteilten Geschmack sympathisierender Menschen entsprechen, sind potenziell beziehungsstiftend und lassen sich als Medien der Liebe konzeptualisieren.
Aber auch Gesten und Blicke, die minimale sinnliche Anreize geben, können in der Welt Liebender zu Medien der Liebeskommunikation arrivieren. Deshalb wird ein Medienbegriff etabliert, der geeignet ist, auch die in einem herkömmlichen Verständnis von Medien nicht vorgesehene Bandbreite medialer Phänomene der Liebe zu berücksichtigen. Entscheidend ist also weniger, welche materielle oder technische Fundierung einzelne Medien in Liebessituationen haben, sondern wie etwas durch mediale Faktoren zum Medium der Liebe wird.
Die Medialität von Liebe leitet als theoretischer Überbegriff dazu an, in den Geistes- und Sozialwissenschaften etablierte Theorien kritisch zu überprüfen und Theoreme neu zu kombinieren. Denn mit der Grundannahme einer wechselseitigen Abhängigkeit von Vermittlungsaspekt, Konstitutionsleistung der Medien und Liebesbegriff lassen sich z.B. die Effekte der Medien nur jeweils in Beziehung einer Mediennutzung in der Liebe beschreiben und können nicht mehr lediglich auf ein materielles oder technisches Apriori der Medien bezogen werden.
Wenn das Telefon erlaubt, eine Distanz zwischen einem Liebespaar zu überbrücken und scheinbar die Technik die Überbrückung überhaupt erst ermöglicht, dann hat dies tatsächlich nicht nur mit der technischen Leistungsfähigkeit zu tun, die es ermöglicht eine Stimme über eine große räumliche Distanz zu hören, sondern immer auch mit der (liebenden) Bereitschaft die Distanz zumindest vorübergehend und situationsbezogen als Überbrückung und Vereinigung anzuerkennen.
Die zentrale These, die von einem wechselseitigen Konstitutionsgefüge von Medien und Liebe ausgeht, lautet dementsprechend, dass Medien immer auf Liebe angewiesen sind, um in Liebessituationen mediale Funktionen einnehmen zu können, während der Einsatz von Medien wiederum maßgeblich an der Entstehung von Liebe beteiligt ist.Um die medialen Inversionen der Liebe präzise auszuarbeiten, werden einschlägige Thesen der Medien- und Liebesforschung verfolgt und aufeinander bezogen.
Filmbeispiele wie z.B. Romeo+Julia (1996), Die fabelhafte Welt der Amélie (2001), Die Träumer (2003), Schmetterling und Taucherglocke (2008), Mary und Max. Oder: Schrumpfen Schafe wenn es regnet (2009) oder Biutiful (2010) dienen einerseits dazu, theoretische Überlegungen zu veranschaulichen und werden andererseits als Beispiele aufgefasst, die tendenziell immer auch über filminhärente Wirklichkeitskonstruktionen der Liebe hinausweisen.
Ein Spektrum verschiedenen gelagerter Beziehungskonstellationen in den gewählten Beispielen erlaubt es zudem, einen plausiblen, abstrakten und an den Mediengebrauch gekoppelten Liebesbegriff zu etablieren, der nicht an einengende Konzepte herkömmlicher Liebesvorstellungen ausgerichtet ist.
Zu den interessantesten Untersuchungsergebnissen der Arbeit gehört die Ausarbeitung eines konstruktivistisch ausgerichteten Medialitäts- und Medienbegriffs. Das Medium wird dementsprechend als systematisches Substrat aufgefasst, das durch mediale Dispositionen, also die kognitiven und sozialen Voraussetzungen von Medien [2] bestimmt wird. Durch die Begriffsdiskussion wird deutlich gemacht, dass Medialität und Medium in einem wechselseitigen und prozessualen Bedingungsverhältnis stehen, das nicht vollständig und transparent aufgelöst werden kann.

(Bild: Roman Giesen, 2013)[Bildunterschrift / Subline]: (Bild: Roman Giesen, 2013)

Mit dem etablierten konstruktivistischen Problembewusstsein zeigt die Arbeit in der Diskussion des Liebesbegriffs, dass sich mit den theoretisch gesetzten und sozialhistorischen Folgen funktionaler Differenzierung der Gesellschaft ein auf Individualität basierendes Beziehungskonzept entwickelt, das auf Unionserfahrung in der Liebe ausgerichtet ist und dabei keineswegs lediglich die dual ausgerichtete heterosexuelle Paarbeziehung betrifft. Der auftauchende und bis in die Gegenwart reichende Anspruch einer Einheitserfahrung durch Liebe ist dabei wiederum konstitutiv auf den Einsatz von Medien angewiesen, die die Problematik dieses Erfahrungsanspruchs ,verschleiern‘.
Zuletzt werden die Ergebnisse der Arbeit in einem Ausblick auf aktuelle Fragen nach der Vernetzungskultur des Internets bezogen. Dabei werden sowohl die potenziellen Veränderungen, z.B. die Expansion der Kontaktmöglichkeiten und die Grenzverwischung zwischen öffentlichen und privaten Sphären durch die neuen und neusten Medien für die Liebe beleuchtet als auch historisch vergleichbare Phänomene medialer Liebeserfahrung reflektiert.

 

[1] Entlehnt von Roland Barthes (2007): Fragmente einer Sprache der Liebe. 1. Aufl., [Nachdr.] 1984. übersetzt von Hans-Horst Henschen. Frankfurt am Main: Suhrkamp (= Suhrkamp-Taschenbuch; 1586).

[2] Vgl. Jahraus, Oliver (2004): „Mediale Selbstreflexion und Dialektik des Subjekts am Beispiel des Films Die fabelhafte Welt der Amélie“. In: Scheffer, Bernd/Jahraus, Oliver (Hg.): Wie im Film. Zur Analyse populärer Medienereignisse. Bielefeld: Aisthesis-Verl. (= Schrift und Bild in Bewegung; 8), S. 139-164, hier S. 144.


Studium
  • 10/ 2002 - 07 2008
  • Neuere Deutsche Literatur, Theaterwissenschaft und Europäische Ethnologie an der LMU München
  • 09/ 2006 - 07/ 2007
  • Auslandsstudium an der Universidade Nova de Lisboa
  • Seit 09/ 2008
  • Promotionsstudium im Fach Neue Deutsche Literatur (Betreut von Prof. Dr. Bernd Scheffer, Zweitprüfer Prof. Dr. Oliver Jahraus, Nebenfachprüfer, Prof. Dr. Burkhart Lauterbach)
  • 02/ 2011 - 02/ 2013
  • Forschungsstipendiat des Elitenetzwerks Bayern

Wissenschaftlicher Werdegang
  • Seit 01/ 2008
  • Studentische Hilfskraft am Institut für Deutsche Philologie der LMU München
  • Seit 07/ 2008
  • Redakteur und Autor bei der Online- Zeitschrift „Medienobservationen“
  • 01/ 2009 - 01/ 2011
  • Wissenschaftlicher Mitarbeiter (50%) im Fach Neuere Deutsche Literatur bei Professor Dr. Bernd Scheffer
  • Seit 03/2013
  • Wissenschaftlicher Mitarbeiter (50%) im Fach Neuere Deutsche Literatur am Institut für Sprach- und Literaturwissenschaft der LMU München

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