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Forschungsarbeit

Gefangen im Gewissen.
Evidenz und Polyphonie der Gewissensentscheidung
auf dem Theater der Frühen Neuzeit (1538-1800)

Von Franz Fromholzer (23.05.2013)

„Read my lips…“, „als Ehrenmann versichere ich Ihnen…“, „mein Gewissen lässt mir keine andere Wahl..“ – wer kennt sie nicht, die öffentlichen Beteuerungen von Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit und Gewissenhaftigkeit? Häufig wählen in die Defensive geratene politisch Verantwortliche zu ihrer Verteidigung solche rhetorischen Wendungen. Doch bereits der Rückgriff auf die selten überprüfbaren Wahrheitsinstanzen macht Zuhörer misstrauisch. Ist es etwa nicht selbstverständlich, dass jemand wahrheitsgemäß antwortet, muss darauf extra hingewiesen werden?

Die vorgelegte Promotion untersucht das hier skizzierte Verhältnis von Innerlichkeit und wahrheitsgemäßer Aussage in historischer Perspektive und wendet ein besonderes Augenmerk auf die Kommunikation von Gewissensentscheidungen. Modellhaft ausgehend von Martin Luthers Berufung auf sein Gewissen wird gefragt, wie eine empirisch nicht überprüfbare Gewissensinstanz gesellschaftlich dennoch Akzeptanz und Autorität erlangen kann. Hierbei zeigt die Studie auf, welche Kriterien eine Gewissensentscheidung legitimierten – und auch heute noch legitimieren können. Sei dies nun die Orientierung an einer religiösen Norm (etwa die Nachfolge Christi) oder an bereits in der Antike ausgebildeten Formen der Gewissensüberprüfung (examen conscientiae), dem Bemühen, um eine versprachlichte Offenlegung des innerlichen Entscheidungsprozesses kommt eine zentrale Bedeutung zu. Dies gilt auch für die körperlichen Symptome bei der Formulierung eines Gewissensurteils: Erblassen und Erröten, Stottern und Zittern, niedergeschlagene Augen können in der Naturrechtslehre der Zeit den Lügner verraten. Im Zuge der Aufklärung gerät die Gewissensautorität dann zusehends unter Verdacht, lediglich fremde Autoritäten (etwa Herrscher, Erzieher, Eltern) zu verinnerlichen und somit die Selbstbestimmung des Menschen zu verhindern.

Fromholzer: Abb. 1[Bildunterschrift / Subline]: Abb. 1: Friedrich Balduin, Tractatus Luculentus, Posthumus, Toti Reipublicae Christianae Utilissimus De Materia rarissime antehac enucleata, Casibus nimirum Conscientiae. Wittenberg 1628
Fromholzer: Abb. 2[Bildunterschrift / Subline]: Abb. 2: Jeremias Drexel, Antigrapheus sive conscientia hominis. Köln 1683.

 

 

Der dialogische Charakter des Gewissens tritt folglich nicht nur im Gespräch mit Gott, obrigkeitlichen und familiären Autoritäten oder dem eigenen Körper zutage, er stellt als Vervielfachung innerer und äußerer Stimmen eine Herausforderung an die ‚Selbstregierungskunst‘ des Individuums dar. Bei Jeremias Drexel erscheinen diese Stimmen ganz körperlich gedacht als im menschlichen Herzen wohnende Tiere (vgl. Abbildung). In Visionen und Auditionen nehmen von ihrem Gewissen Verfolgte diese Stimmen wahr, Gespensterscheinungen und dämonische Bedrohungen, schließlich pathologische Symptome bis hin zum Selbstmord weisen die Unbeherrschbarkeit der Gewissensautorität auf. Die zeitgenössische Kasuistik sucht in detaillierten Anleitungen ihren Lesern die Selbstgefährdung durch ein schlechtes Gewissen zu vermeiden helfen (vgl. Abbildung Balduin, Tractatus luculentus). Häufig imaginiert der in seinem Gewissen Gepeinigte auch die öffentliche Beschämung, die einem Bekanntwerden seines Vergehens folgen werde. Schuld und Scham in ihren kulturgeschichtlichen Ausprägungen waren in der vorgelegten Studie deshalb ein Forschungsschwerpunkt.

Fromholzer Abb. 3[Bildunterschrift / Subline]: Abb. 3: Cesare Ripa, Iconologia, ed. by Stephen Orgel, New York 1976 [= Nachdruck der Ausgabe aus Padua von 1611].

Als Quellenmaterial griff die Dissertation auf Theatertexte der Zeit zurück: Denn das Theater spielt und inszeniert bereits Gewissensentscheidung und Aufrichtigkeit. Die vorgeführten Kommunikationsformen von Innerlichkeit sind also per se schon medial reflektierten Erfordernissen geschuldet, die das Publikum immer mitbedenkt. Der innere Gewissenskonflikt wird von den Autoren auf Zuschauerrezeption und –lenkung hin bedacht. Eine besondere Bedeutung kommt im 16. und 17. Jahrhundert dabei der Sozialdisziplinierung zu, die den Theaterbesucher in seinem Verhalten gegenüber der Obrigkeit unterweisen will – häufig unter Hinzuziehung von drastischer Angstpädagogik. Es gilt die (vermeintliche) gesellschaftliche Bedrohung durch eine individuelle Gewissensethik einzugrenzen.

Der ehemalige Bundesverfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde hat in einer Studie über das Grundrecht der Gewissensfreiheit im 20. Jahrhundert darauf hingewiesen, dass als Kriterium für eine ‚wirkliche‘ Gewissensentscheidung kein Gesetzeskodex oder eine Wertordnung fungieren könne. Die wirkliche Gewissensentscheidung lasse sich letztlich nur in der Bereitschaft zur Konsequenz verifizieren. Theaterautoren der Frühen Neuzeit wählen Gewissensmärtyrer zu ihren Protagonisten, die im Tod für die Wahrhaftigkeit ihrer Überzeugung einstehen wollen. Dass ihr selbstgewählter Tod auf eine Gewissensentscheidung zurückzuführen sei, bleibt – dies signalisieren die historischen Theaterinszenierungen jedoch – dem Glauben überlassen.


Wissenschaftlicher Werdegang
  • 1998-2006
  • Studium der Germanistik, Geschichte und des Spanischen in Regensburg und Augsburg
  • 2006
  • 1. Staatsexamen für Lehramt an Gymnasien
  • 2006-heute
  • Wiss. Mitarbeiter am Lehrstuhl für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft (Prof. Dr. Mathias Mayer)

Publikationen (Auszug)
  • * Gefangen im Gewissen. Evidenz und Polyphonie der Gewissensentscheidung auf dem deutschsprachigen Theater der Frühen Neuzeit (1500-1800). (2013)
  • * F. Fromholzer, M. Preis, B. Wisiorek: Noch nie war das Böse so gut. Die Aktualität einer alten Differenz (Heidelberg, 2011)
  • * F. Fromholzer, R. Cieslak, F. Harzer, K. Sidowska: Polnisch-deutsche Duette. Schreiben von Europas Mitte (1990-2012). Erscheint: Dresden 2013