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Forschungsarbeit

Ansteckungsgefahren während der Europäischen Schuldenkrise

Von Sebastian Missio (13.12.2012)

Die Euro-Schuldenkrise dominiert den aktuellen wirtschaftspolitischen Diskurs. Seitdem die Nachhaltigkeit und Solidität einiger nationaler Staatsfinanzen verstärkt in den Blickpunkt der Finanzmärkte geraten ist, stiegen die Refinanzierungskosten betroffener Staaten der Euro-Zone enorm. Die Entwicklung der Zinsen auf Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit seit dem Ausbruch der Euro-Krise ist für eine exemplarische Auswahl an Ländern in Abbildung 1 dargestellt.

[Bildunterschrift / Subline]: Zinsentwicklung von Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit zwischen Januar 2009 und Juli 2012 für Griechenland, Irland, Italien, Portugal, Spanien und Deutschland.

Während die Staatsschuldenkrise inzwischen die gesamte Euro-Zone betrifft, liegt ihr Ursprung zweifelsohne in der vergleichsweise kleinen griechischen Volkswirtschaft. Diese Forschungsarbeit befasst sich mit der viel diskutierten Frage, ob die finanziellen Zerwürfnisse der so genannten Peripherieländer ausschließlich auf eigene Misswirtschaft zurückzuführen sind, oder ob Griechenland diese anderen Volkswirtschaften im übertragenen Sinne „angesteckt“ hat und somit zumindest ein Teil der Misere nicht auf eigenem Verschulden beruhen würde. Vereinfacht ausgedrückt wird die hypothetische Annahme untersucht, ob die finanzielle Situation von potentiell „angesteckten“ Krisenländern wie Irland, Italien, Portugal oder Spanien besser wäre, hätte der „ansteckende“ Krisenherd Griechenland nie existiert.
Um die Frage der Ansteckung zu beantworten, werden Korrelationen zwischen Anleihezinsen von Griechenland mit verschiedenen Ländern der Euro-Zone berechnet. Kann ein plötzlicher, signifikanter Anstieg der Korrelationen der Anleihezinsen festgestellt werden, liegt ein Anzeichen für Ansteckung vor, da exakt in dem Zeitraum, in welchem sich die Zinsen von Griechenland erhöhten, auch die Zinsen des jeweils anderen Landes empor geschnellt sind. Um sicherzustellen, dass der Gleichlauf der Zinsentwicklung auch tatsächlich auf Ansteckung und nicht auf andere Aspekte zurückzuführen ist, müssen Anleihezinsen zunächst mithilfe der so genannten Principal Component Analyse modifiziert werden und die Korrelationen mithilfe der ökonometrischen Dynamic Conditional Correlation Methode geschätzt werden.
Die Ergebnisse der Forschungsarbeit demonstrieren, dass Ansteckungseffekte während der Euro Krise vorliegend sind. Abbildung 2 zeigt, dass Korrelationen zwischen Anleihezinsen von Griechenland mit Anleihezinsen von Irland und Portugal im Sommer 2010 beachtlich angestiegen sind. Für die vergleichsweise stabile Volkswirtschaft Deutschlands ist genau das Gegenteil der Fall. Dieses Ergebnis konnte ex ante erwartet werden, da von Ansteckungseffekten nur angeschlagene und somit angreifbare Länder betroffen sein sollten. Die Erkenntnis, dass eine Ansteckung vorliegt bedeutet jedoch nicht, dass Irland und Portugal unverschuldet in die Krise gerutscht sind, es bedeutet lediglich, dass eigene wirtschaftliche Versäumnisse unverschuldet noch weiter verschärft wurden.

[Bildunterschrift / Subline]: Korrelationsschätzungen für modifizierte Zinsen von zehnjährigen Staatsanleihen zwischen Griechenland und Irland, Griechenland und Portugal und Griechenland und Deutschland. Vertikale Linien zeigen den Zeitpunkt des ersten griechischen Rettungspakets und des EFSF Beschlusses und des zweiten griechischen Rettungspakets und des griechischen Schuldenschnitts.

Die Antwort auf die Frage der Ansteckung ist in mehrerlei Hinsicht von Interesse. Aus einem rein theoretischen Blickpunkt betrachtet, trägt die Analyse dazu bei, die Funktionsweise und die Gründe der Euro-Krise besser zu verstehen. Aus einem praktischen Blickpunkt betrachtet, hilft dieses Verständnis in geeigneter Weise auf die Krise zu reagieren und diese somit einzudämmen.
Kann keine Ansteckung festgestellt werden, können wirtschaftliche Probleme nur durch Strukturreformen in den betroffenen Ländern behoben werden. Liegen jedoch Ansteckungseffekte vor, können diese allein durch ein koordiniertes Vorgehen der gesamten Euro-Zone isoliert werden.
Dies ist ebenfalls aus Abbildung 2 ersichtlich: Maßnahmen wie die Rettungspakete für Griechenland oder der EFSF sorgten für unmittelbar sinkende Korrelationen und somit eine Eindämmung der Ansteckung. Auf diese Weise kann Ländern wie Irland, Italien, Portugal oder Spanien die notwendige Zeit verschafft werden, eigene Probleme in Angriff zu nehmen.


Stationen
  • 05/2013
  • Promotion zum Dr. oec. publ. durch die Forschungsarbeit: „Integration or contagion: Analysis of advantages and disadvantages of interdependence in the financial sector”
  • 05/2009 – 04/2013
  • Promotionsstudium Volkswirtschaftslehre
  • 04/2004 – 02/2009
  • Diplomstudium Volkswirtschaftslehre

Berufliche Erfahrung
  • 07/2008 – 11/2008
  • Praktikum, Deloitte & Touche GmbH
  • 03/2007 – 05/2007
  • Praktikum, Deutsche Bank AG
  • 08/2005 – 10/2010
  • Praktikum, Funk Humanitas GmbH