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Forschungsarbeit

Werden Kinder mit Migrationshintergrund oder Mädchen in der Schule benachteiligt?

Von David Kiss (16.08.2012)

“Diskriminierung” ist ein Thema, das in regelmäßigen Abständen Politik und Medienberichterstattung beschäftigt. Insbesondere die Diskriminierung bestimmter Personengruppen im Berufsleben hat in den letzten Jahren zu Maßnahmen wie dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz oder der Erprobung anonymisierter Lebensläufe geführt. Diese Maßnahmen sind zu einem nicht unerheblichen Teil auf umfangreiche Evidenz aus der Arbeitsmarktforschung zurückzuführen. Hingegen ist die Frage, ob bestimmte Personengruppen bereits während der Schulzeit benachteiligt werden, weit weniger erforscht.

In der Arbeitsmarktforschung ist von Diskriminierung die Rede, wenn Personen aufgrund von Kriterien schlechter entlohnt werden, die nichts mit deren Produktivität zu tun haben. Dieses Konzept von Diskriminierung liegt der Studie “Are immigrants and girls graded worse? Results of a matching-approach” ebenfalls zugrunde: Kinder, die in einem Schulfach gleiche Leistungen erbringen, sollten die gleiche Note erhalten. Damit einher geht die Frage, woran sich “gleiche Leistungen” eigentlich festmachen lassen. In einer Veröffentlichung der Kultusministerkonferenz aus dem Jahre 2009 über das Bildungswesen der Bundesrepublik Deutschland heißt es hierzu: “Grundlage der Bewertung der Schülerleistungen sind alle vom Schüler im Zusammenhang mit dem Unterricht erbrachten Leistungen, insbesondere schriftliche Arbeiten, mündliche Beiträge und praktische Leistungen”[1], wobei für die Fächer Deutsch und Mathematik schriftliche Arbeiten sowie mündliche Beiträge ausschlaggebend sind.

Aus diesen Beurteilungskriterien lässt sich folgern, dass Schüler mit ähnlichen schriftlichen und mündlichen Leistungen ähnlich benotet werden sollten. Ob dies für alle Schülergruppen der Fall ist, wird in der vorliegenden Studie mit Hilfe von “statistischen Zwillingspaaren” empirisch überprüft. Dieses Verfahren soll im Folgenden für den Vergleich zwischen Mädchen und Jungen im Fach Mathematik näher erläutert werden: Ein statistisches Zwillingspaar lässt sich immer dann bilden, wenn ein Mädchen einen (männlichen) Klassenkameraden hat, der ähnliche Mathematikkompetenzen aufweist und in ähnlichem Ausmaß im Mathematikunterricht mitarbeitet. Mädchen, für die sich kein geeigneter “Zwillingsbruder” finden lässt, werden somit nicht in der Analyse berücksichtigt. Von Interesse ist die Notendifferenz zwischen den statistischen Zwillingsgeschwistern: weisen Mädchen im Schnitt schlechtere Mathematiknoten als ihre Zwillingsbrüder auf, so ist dies ein Indiz dafür, dass Mädchen im Mathematikunterricht benachteiligt werden. Für den Vergleich zwischen Kindern mit Migrationshintergrund und einheimischen Kindern kommt das gleiche Verfahren zur Anwendung.

Die vorliegende Studie verwendet IGLU und PISA Daten aus den Jahren 2001 bzw. 2003 und konzentriert sich ausschließlich auf das Fach Mathematik. Sowohl in IGLU als auch in PISA werden Mathematikkompetenzen mit Hilfe schriftlicher Tests erfasst, die sich aus Rechenaufgaben und kleinen Textaufgaben zusammensetzen. Der hohe Anteil an Textaufgaben führt dazu, dass Kinder mit Sprachproblemen tendenziell schlechter in IGLU und PISA abschneiden. Etwaige Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache schlagen sich somit in niedrigeren Kompetenzwerten nieder. Die Studie kommt zu dem Befund, dass Migranten zweiter Generation in der Grundschule schlechter als vergleichbare einheimische Kinder benotet werden. In den weiterführenden Schulen lässt sich kein Unterschied in der Benotung feststellen. Mädchen, die das Gymnasium besuchen, werden hingegen systematisch besser als Jungen benotet. Insbesondere die empirische Evidenz für Benachteiligungen von Kindern mit Migrationshintergrund in der Grundschule sollte Anlass zur Sorge sein, da Mathematik ein versetzungsrelevantes Fach ist und bereits ein Drittel der Grundschüler einen Migrationshintergrund aufweisen. Zudem können sich Benachteiligungen negativ auf die Leistungsbereitschaft auswirken.

[1] Vgl. Kultusministerkonferenz (2009): "Das Bildungswesen in der Bundesrepublik Deutschland 2008. Darstellung der Kompetenzen, Strukturen und bildungspolitischen Entwicklungen für den Informationsaustausch in Europa." Bonn.

Link zum ausführlichen englischen Artikel


David Kiss
*1983

Stationen
  • seit 09/2010
  • Promotion in Economics, Friedrich-Alexander-Universität, Erlangen-Nürnberg
  • 10/2008-09/2009
  • Master in Economics, Ludwig-Maximilians-Universität, München
  • 10/2006-09/2008
  • Bachelor in Economics, Ludwig-Maximilians-Universität, München

Berufliche Erfahrung
  • seit 09/2010
  • BGPE Graduate Student, Reserach and Teaching
  • 10/2009-08/2010
  • Researcher, Rheinisch-Westfälisches Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) Essen, Research Unit "Labor, Population, Education"

Veröffentlichungen
  • "The impact of peer ability and peer heterogeneity on achievement growth: evidence from a natural experiment", BGPE Discussion Paper 99, 2011.
  • "Are immigrants and girls graded worse? Results of a matching approach", Education Economics (forthcoming), 2011.