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Forschungsarbeit

Jacob Balde und die bayerische Historiographie unter Kurfürst Maximilian I. Ein Kommentar zur Ode Silvae 7,15 und zur Interpretatio Somnii

Von Katharina Kagerer (11.01.2012)

Die Interpretatio Somnii des Jesuitendichters Jacob Balde (1604-1668), die in meiner Dissertation erstmals in einer zweisprachigen kommentierten Ausgabe vorgelegt und sowohl philologisch als auch historisch umfassend untersucht wird, führt in den Komplex der Hofhistoriographie unter Kurfürst Maximilian I. von Bayern. Über diese schrieb Gottfried Wilhelm Leibniz im Jahr 1710, kein oberdeutsches Territorium habe es zu besseren Historikern gebracht als Bayern. Dazu trug vor allem die Förderung durch Maximilian I. bei, der über seine ganze lange Regierungszeit hinweg (1597-1651) das Ziel verfolgte, eine neue Gesamtdarstellung der bayerischen Geschichte entstehen zu lassen. Dies war unter anderem deshalb nötig geworden, weil die bekannte bayerische Geschichte des Johannes Aventinus 1582 auf den päpstlichen Index der verbotenen Bücher gelangt war. Maximilian war jedoch kein uneigen­nütziger Mäzen, sondern ließ sich von der klaren politischen Zielsetzung leiten, den Ruhm des Hauses Wittelsbach zu verteidigen. Das heißt nicht, dass er einer Geschichtsklitterung Tür und Tor öffnen wollte, aber alles Erdenkliche musste unternommen werden, um die bayerische Geschichte so glanzvoll wie möglich erscheinen zu lassen. Dazu gehörte auch, die Schriften anderer Autoren zu widerlegen, beispielsweise wenn sie den Wittelsbacherkaiser Ludwig den Bayern, der im Konflikt mit dem Papsttum 1324 exkommuniziert worden war, angegriffen hatten.

Seine Hofhistoriographen rekrutierte Maximilian I. häufig aus dem Jesuitenorden: Sie brachten den nötigen Bildungshintergrund mit und waren vor allem auch durch ihre gründliche Ausbildung im Lateinischen in der Lage, ein stilistisch ansprechendes Werk zu verfassen. Wenn auch mitunter deutsche Bearbeitungen von Geschichts­werken für eine breitere einheimische Leserschaft angefertigt wurden, war die Gattung damals doch in aller Regel noch lateinsprachig, besonders auch, um eine internationale Leserschaft zu erreichen. 

[Bildunterschrift / Subline]: Jacob Balde SJ, Interpretatio Somnii (Titelblatt), Bayerische Staatsbibliothek München, Clm 27271-2, p. V

In der Hofhistoriographie unter Maximilian I. blieben allerdings Konflikte nicht aus, weil poli­tische Rücksichten mitunter auch über die historische Wahrheit gestellt wurden. Maximilian verwies zur Not auf seine eigenen Verdienste für die katholische Sache und war der Meinung, dass, selbst wenn eventuelle Vergehen Ludwigs des Bayern den historischen Tatsachen entsprächen, ein kirchlicher Historiker sie doch aus Rücksicht auf Maximilians eigene Leis­tungen für die Kirche verschweigen oder beschönigen müsste. Allerdings beharrte Maximilian dann nicht auf seinem Bild der historischen Vorgänge, wenn die Gefahr drohte, das Wohlwol­len von Papst oder Kaiser zu verlieren. Doch auch der Jesuitenorden hatte Sorge, einen der Mächtigen zu beleidigen und selbst Schaden zu leiden, wenn in einer historiographischen Darstellung die Taten des einen oder anderen historischen Akteurs in nicht so hellem Licht erstrahlten. Das barg die Gefahr in sich, dass die Gekränkten der Societas Jesu ihre Gunst entzögen, von der sie häufig, auch in finanzieller Hinsicht, abhängig war. Besonders schwer wog das Problem bei dem exkommunizierten Ludwig dem Bayern, denn ihn in bayerischem Auftrag zu rühmen bedeutete notwen­di­gerweise, Kritik an seinen Gegnern, den Päpsten zu üben: Kein leichtes Unterfangen für einen Jesuiten.

In diese Gemengelage widerstreitender Interessen geriet Balde im Jahr 1640, als er gegen seinen Willen als bayerischer Hofhistoriograph eingesetzt wurde. Er war zutiefst verärgert über die Streichungen und Korrekturen, die der Kurfürst höchstpersönlich an seiner historiographischen Schrift vornahm. Balde gewann den Eindruck, dass er beim Versuch, ungeschminkt die historische Wahrheit offenzulegen, entweder am Widerstand des Auftraggebers oder aber seines Ordens scheitern musste. Er stellte die Geschichtsschreibung zurück und widmete sich der lyrischen Dichtung, die ihm sehr viel mehr Ertrag versprach und die ihn tatsächlich zum damals wohl berühmtesten Dichter in Deutschland machte.

Balde scheint an seiner Situation nicht offen Kritik geübt zu haben. Doch er veröffentlichte im Jahr 1643 eine Ode mit dem Titel Somnium (Silvae 7,15), in der er seine Erfahrungen als Hofhistoriograph in eine verschlüsselte Traumallegorie kleidet; sie bliebe unverständlich, wenn Balde nicht 1649 nach seiner Entlassung selbst einen Kommentar dazu geschrieben hätte, die Interpretatio Somnii (siehe Abb.). Hierin nimmt er – unter Pseudonym – ausführlich zu den Schwierigkeiten der Auftragsgeschichtsschreibung Stellung. Der Text ist aber auch eine wichtige Quelle für die übrigen Autoren, die sich unter Maximilian bereits vor Balde als bayerische Hofhistoriographen versucht hatten. Anlass für die Abfassung der Interpretatio war vermutlich, dass Balde sich vor Ordensgenossen für seine Nachlässigkeit als Historiograph rechtfertigen musste. Der Text, der nur handschriftlich verbreitet wurde (das Autograph befindet sich heute in der Bayerischen Staatsbibliothek München) und sicherlich nur für den engeren Umkreis des Dichters bestimmt war, hat eine deutlich apologetische Tendenz, die man bei der Auswertung in Rechnung stellen muss. Ebenso muss man seine literarische Gestalt berücksichtigen: Balde geht hier zum Teil sehr spielerisch mit der Gattung des Kommentars um, allein schon dadurch, dass er seinen Selbstkommentar einem angeblichen Freund namens „Didacus Valaradus“ zuschreibt. Diese Form der Mitteilung ermöglicht es ihm, Sachverhalte und Einstellungen zur Sprache zu bringen, wie er sie sonst nicht hätte äußern können. Der Text ist somit ein Selbstzeugnis aus der Vormoderne von unschätzbarem Wert und gibt einmalige Einblicke in das Selbstverständnis eines Hofhistoriographen im frühen Absolutismus.


Stationen
  • Juli 2011
  • Promotion in Lateinischer Philologie mit der Arbeit: „Jacob Balde und die bayerische Historiographie unter Kurfürst Maximilian I. Ein Kommentar zur Ode Silvae 7,15 und zur Interpretatio Somnii“
  • SoSe 2011
  • Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung für Griechische und Lateinische Philologie der LMU München
  • WiSe 2010/11
  • Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Klassische Altertumskunde der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
  • Dez.2006-März 2010
  • Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der LMU München als Kollegiatin im IDK „Textualität in der Vormoderne“
  • 1999-2006
  • Studium der Fächer Deutsch, Geschichte und Latein für das Lehramt an Gymnasien an der Ludwig-Maximilians-Universität München (Abschluss: Staatsexamen)

Wissenschaftliche Publikationen und Vorträge