ELITE NETZWERK BAYERN

English  Sprachen Icon  |  Gebärdensprache  |  Leichte Sprache  |  Kontakt


Forschungsarbeit

Nürnberger Bildnismalerei zwischen Spätgotik und Renaissance.

Ein Beitrag zur Geschichte des autonomen Porträts in Süddeutschland

Von Sebastian Schmidt (19.08.2011)

Die Gattung des sogenannten autonomen Porträts etablierte sich – verglichen mit der entsprechenden Entwicklung in Italien und den Niederlanden – ab den 1480er Jahren im deutschsprachigen Raum mit rund 50jähriger Verzögerung. Zu den wichtigsten Schauplätzen dieses Geschehens zählt die Stadt Nürnberg, die als Entstehungsort von über einem Viertel der erhaltenen deutschen Bildnisse der Spätgotik gilt. [1]

Schon vorher aber war es auch in Deutschland längst üblich gewesen ist, individuelle Abbilder von Personen anzufertigen bzw. in Auftrag zu geben – allerdings waren diese Porträts stets größeren Zusammenhängen zu- oder untergeordnet. Sie erscheinen insbesondere in Form von Stifterdarstellungen, die grundsätzlich materiell mit biblischen Szenen oder Heiligenfiguren verbunden sind, aber auch ideell auf heilsgeschichtliche Ereignisse und Personen ausgerichtet waren. Sie standen häufig in Verbindung mit dem Totengedenken bzw. mit der Sorge des Stifters um das eigene Seelenheil. Nicht ohne Grund waren sie deshalb im sakralen Raum zumeist auch für die Öffentlichkeit sichtbar angebracht, um sie zur Fürbitte für den Dargestellten anzuhalten.

Folglich greift es wohl zu kurz, das Aufkommen unabhängiger Porträtdarstellungen mit einer verspäteten Entwicklung von »Individualität« in den betreffenden Kunstlandschaften erklären zu wollen. Stattdessen scheint sich hier in erster Linie ein Funktionswandel abzuzeichnen. In seinem Verlauf investierten Auftraggeber zunehmend in profane Bildnisse, die in der Privatsphäre aufbewahrt und »gebraucht« werden konnten. Diese Trennung zweier Funktionsbereiche der Malerei wurde – was nicht verwundert - bereits von den damaligen Zeitgenossen wahrgenommen. Besonders deutlich formuliert findet sich diese Beobachtung im schriftlichen Nachlass Albrecht Dürers (1471-1528), der in einem Entwurf für sein Lehrbuch der Malerei die Aufgaben seiner Profession festhielt:

„Es ist awch nit zw verwerffen, daz jch etwas beschreib, das zum gemell dinstlich ist. Dan durch malen mag angetzeigt werden das leiden Christi vnd würt geprawcht jm dinst der kirchen. Awch behelt das gemell dy gestalt der menschen nach jrem sterben.“ [2]

Dürers Definition, wonach das gemalte Porträt die „gestalt der menschen nach jrem sterben“ bewahrt, betont ganz ausdrücklich den wesentlichsten Nutzen der Bildnismalerei, der darin liegt, der vergänglichen Gegenwart ein dauerhaftes Abbild für die Zukunft abringen zu können. Eine solche Kopie der äußeren Erscheinung einer Person vermag der Nachwelt die Erinnerung an eine längst vergangene „gestalt“ wachzuhalten. Deshalb ist die Entscheidung eines Auftraggebers, ein Bildnis von sich oder seiner Familie anfertigen zu lassen, immer auch als eine Investition zu verstehen, deren letztendlicher Zweck sich erst mit der physischen Abwesenheit der dargestellten Person erfüllt.

Diese Vorüberlegungen begründen das zentrale Anliegen meiner Magisterarbeit, das Porträtphänomen aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Die dafür unternommene Aufarbeitung der umfangreichen Überlieferung Nürnbergs ermöglicht, die Bedingungen und Aufgaben der Bildnismalerei exemplarisch von unterschiedlichen Seiten zu erhellen.

Zunächst werden die erhaltenen Werke in einem rund 140 Nummern umfassenden Katalogteil vorgestellt, der anschließend dazu dient, auf einer möglichst vollständigen Materialbasis grundsätzliche Aussagen treffen und weiterführende Fragestellungen entwickeln zu können. Besonders lohnend erweist sich dabei beispielsweise die Auswertung der Inschriften, die sich in manchen Fällen auf der Malfläche oder den Rahmen erhalten haben: Diese geben gelegentlich – zusätzlich zu den häufigsten Informationen zum Entstehungsjahr, Namen und Lebensalter des oder der Dargestellten – Hinweise auf konkrete Zwecke  und faktische Absichten, die ursprünglich mit dem Werk verbunden gewesen waren.

Die beiden Kapitel beschäftigen sich dann davon ausgehend mit den jeweiligen Interessen oder Intentionen der Auftraggeber bzw. der Künstler. Hierbei gilt es, ausgehend von der Auswertung des Kataloges weitere vergleichbare Phänomene mit einzubeziehen, wie das wachsende Engagement der Nürnberger in Familien- und Stadtchroniken für die Erinnerung an die eigene Person zu sorgen. Insbesondere wird untersucht, wie die Einführung der Reformation in Nürnberg im Jahr 1525 den Umgang der Auftraggeber und Maler mit den Bildnissen nachweislich beeinflusst hat.

Die Arbeit zielt wesentlich darauf, die dreiteilige Auswertung des Kataloges (Bestand, Auftraggeber, Künstler) für eine methodisch reflektierte Bearbeitung des Gegenstandes nutzbar zu machen, die verschiedene wissenschaftliche Ansätze zusammenführt, um der Antwort auf die Frage »Was war ein Bild(nis)?« ein Stück näher zu kommen.

 

[1] Ernst Buchner: Das deutsche Bildnis der Spätgotik und der frühen Dürerzeit, Berlin 1953 (= Denkmäler deutscher Kunst), S. 10.

[2] Hans Rupprich (Hrsg.): Dürer. Schriftlicher Nachlass, 3 Bde., Bd. 2, Berlin 1966, S. 109, Z. 47-52 [verworfenes Konzept für Dürers Lehrbuch der Malerei, um 1512].

 


Sebastian Schmidt
Sebastian Schmidt
* 1985, Schillingsfürst
Stationen
  • aktuell
  • Dissertationsprojekt zum Porträt im Nürnberg des 15. und 16. Jahrhunderts (Betreuer: Prof. Dr. Ulrich Pfisterer) im Rahmen des Promotionsprogramms des Zentrums für Mittelalter- und Renaissancestudien ZMR der LMU München
  • 2010
  • Magisterarbeit „Nürnberger Bildnismalerei zwischen Spätgotik und Renaissance. Ein Beitrag zur Geschichte des autonomen Porträts in Süddeutschland“
  • 2008 - 2010
  • Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt, Ludwig-Maximilians-Universität München, Universität Augsburg: Studiengang Historische Kunst- und Bilddiskurse im Elitenetzwerk Bayern; Auslandssemester am Institut für Kunstgeschichte der Universität Wien
  • 2005 - 2008
  • Ludwig-Maximilians-Universität München: Magisterstudium der Kunstgeschichte, Philosophie und Neueren Deutschen Literatur bis zum Wechsel in den Elitestudiengang im Jahr 2008

Berufliche Erfahrungen
  • ab Oktober 2011
  • Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Kunstgeschichte der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt (Prof. Dr. Michael F. Zimmermann)
  • 2011
  • Wissenschaftliche Hilfskraft im DFG-Projekt „Kommentiertes Werkverzeichnis der Möbel und Möbelentwürfe Ludwig Mies van der Rohes“ am Zentralinstitut für Kunstgeschichte, München
  • 2010 - 2011
  • Lehraufträge für das Tutorium zum Methodengrundkurs des Masterstudiengangs „Aisthesis. Historische Kunst- und Literaturdiskurse“ im Elitenetzwerk Bayern
  • 2008
  • Praktika am Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg sowie beim Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege in München

Veröffentlichungen
  • »dan sӳ machten dy vürtrefflichen künstner reich«. Zur ursprünglichen Bestimmung von Albrecht Dürers Selbstbildnis im Pelzrock, in: Anzeiger des Germanischen Nationalmuseums 2010, S. 65-82