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Forschungsarbeit

Zeitenverschiebung: Historiografie und Zeitlichkeit im Werk von Aleksandr Sokurov

Von Mara Rusch (20.10.2011)

Ausgehend von Jacques Rancières Definition der Anachronie beschäftigt sich die Masterarbeit mit den Schnittflächen zwischen der historischen Zeit, von der die Filme Moloch (1999), Taurus (Telec, 2000) und The Sun (Solnce, 2004) berichten und der filmischen Zeit, innerhalb derer erzählt wird. In der Bearbeitung und Kombination verschiedener Zeitebenen stellen die drei Filme zeitliche Brechungen her, die aber nicht unbedingt gegen die historische Chronologie verstoßen, sondern sich als produktive Elemente erweisen.

Ein Historienfilm bezieht sich auf eine reale Vergangenheit, die außerhalb des Films existiert hat. Gleichzeitig gehört er dem Bereich der Künste und der Fiktion an. Der Historienfilm behandelt also Geschichte innerhalb von künstlerischen Regeln und daher zeigt sich in ihm eine Differenz von zumindest zwei unterschiedlichen Zeitordnungen, zum einen die Abfolge der historischen Chronologie, von der er berichtet, zum anderen die filmische Logik, innerhalb derer erzählt wird.

In den ersten drei Teilen der „Macht-Tetralogie“ des russischen Regisseurs Aleksandr Sokurov, den Filmen Moloch (1999), Taurus (Telec, 2000) und The Sun (Solnce, 2004), tritt der Konflikt dieser beiden Ebenen in einer besonderen Weise hervor. Die Filme zeigen mit Hitler, Lenin und Hirohito drei bedeutende Figuren der Weltgeschichte. Gleichzeitig betont Sokurov durch den Einsatz langer Einstellungen eine andere Form der Zeitlichkeit innerhalb des Werkes. Ziel der Masterarbeit ist es, anhand der drei genannten Filme die Schnittfläche zwischen dieser filmischen und der historischen Zeit herauszuarbeiten.

Für die Darstellungen Sokurovs spielt das Thema von zeitlichen Übergängen und Brechungen eine wesentliche Rolle. Der bekannteste Film des Regisseurs, Russian Ark (Russkij kovčeg, 2002), verdichtet beispielsweise 300 Jahre Geschichte in nur einer einzigen 90-minütigen Plansequenz und präsentiert die Historie in anachronistischer Art und Weise. So lässt Sokurov einen französischen Marquis aus dem 19. Jahrhundert unter anderem mit Katharina der Großen (1729-1796) sowie mit heutigen Museumsbesuchern zusammentreffen.

Moloch, Taurus und The Sun beschreiben ebenfalls eine anachronistische Geschichte, die Form des Anachronismus ist jedoch eine andere. Die drei Filme über Hitler, Lenin und Hirohito widersprechen auf den ersten Blick nicht der historischen Chronologie, beinhalten aber dennoch verschiedene Zeitlichkeiten und zeigen etwas, das als zeitliche Verschiebungen bezeichnet werden könnte.

Die Theorie des französischen Philosophen Jacques Rancières bietet die Möglichkeit, eine solche „weichere“ Form des Anachronismus zu erfassen. In seinem Aufsatz Le concept d’anachronisme et la vérité de l’historien von 1996 unterscheidet Rancière zwischen dem Anachronismus und der Anachronie. Den Anachronismus beschreibt er als verdecktes poetisches Verfahren in der Geschichtsschreibung, welches abgeschafft werden müsse. Die Anachronie hingegen definiert er als etwas Positives, das eine notwendige Vielzeitigkeit oder die Präsenz von mehreren Zeiten in einer meint. Der zeitliche Bruch ist in diesem Sinne keine Störung, sondern ein konstitutives Element von Geschichte.

Auf der Grundlage von Rancières Konzept der Anachronie versucht die Arbeit zeitliche Verschiebungen und Brechungen in den ersten drei Filmen von Sokurovs Macht-Tetralogie aufzudecken. In diesem Zusammenhang kommt sowohl der Eingrenzung der Handlungszeit als auch dem filmischen Mittel der langen Einstellung eine wesentliche Bedeutung zu. Sokurov wählt für die Handlung der Filme Wendepunkte der Weltgeschichte. Dennoch werden wesentliche historische Ereignisse ausgelassen und die Hauptfiguren jeweils an einem Tag, fernab des relevanten Geschehens, in privater Abgeschiedenheit gezeigt. Die Filme präsentieren also Schnittpunkte und produzieren zugleich Unbestimmtheit. Dies ermöglicht die Kombination von verschiedenen Zeitgrößen. So komprimieren die Handlungszeiten die große Historie in den Verlauf eines Tages und verbinden beide genannten Ebenen mit mythischen Elementen, die eine dritte überzeitliche Dimension andeuten.

Die lange Einstellung impliziert einerseits Kontinuität, andererseits zeigt sich gerade darin eine Brechung oder Unstimmigkeit besonders deutlich. Sokurov macht sich diesen Doppelaspekt zunutze. Durch die Bewegung der Figuren im Bild und Rhythmusänderungen in der Schnittfrequenz wird der Zeitfluss der langen Einstellung immer wieder unterbrochen, verlangsamt oder beschleunigt. Die Anachronie der drei Filme liegt damit in einer beständigen Zeitverschiebung durch Dehnungen, Raffungen und Überschneidungen.


Mara Rusch
*1984

Stationen
  • 2009-2011
  • Elitestudiengang Historische Kunst-und Literaturdiskurse, KU Eichstätt-Ingolstadt, LMU München und Universität Augsburg
  • Auslandssemester an der Université de Montréal, Kanada
  • 2004-2009
  • Studium der Slavistik und Politikwissenschaft, Universität Konstanz
  • Auslandssemester an der Russischen Staatlichen Universität, Moskau

Berufliche Erfahrungen
  • 2007-2009
  • Studentische Hilfskraft im Projekt „Sprache und Politik“ des Exzellenzclusters „Kulturelle Grundlagen von Integration“, Universität Konstanz