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Forschungsarbeit

„Strong talk“ – Totemismus im und am Werk der kanadischen Künstlerin Emily Carr (1871-1945)

Von Elisabeth Otto (14.10.2011)

Emily Carrs breit gefächerte künstlerische Hinterlassenschaft bietet noch reichlich Entdeckenswertes – trotz der circa 700 Publikationen von populärem und wissenschaftlichem, fiktionalem und dokumentarischem Zuschnitt, die vorwiegend kanadische Landsleute dem Leben und Werk ihrer bedeutendsten Malerin und Schriftstellerin gewidmet haben.

Neu zu entdecken ist die zur Kulturikone Kanadas erhobene vielseitige Künstlerin durch eine Annäherung im Zeichen des Totemismus. Dieses Denkmodell erlaubt einerseits, den anteilig größten Komplex der indianischen Motive in Emily Carrs Oeuvre gerecht zu werden; andererseits ermöglicht es, Mechanismen zu entdecken und zu erklären, die eine Totemisierung der „native art“ und der Künstler­persönlichkeit Emily Carr bewirkten.

Abb.1: Emily Carr (1871-1945) in ihrem Atelier im Januar 1934. Photographie: H.U.Knight, City of Victoria Archives. Aus: Hill, C., Lamoureux, J., Thom, I.(Hrsg.), Emily Carr: New Perspectives on a Canadian Icon, Vanouver 2006, Umschlag.[Bildunterschrift / Subline]: Abb.1: Emily Carr (1871-1945) in ihrem Atelier im Januar 1934. Photographie: H.U.Knight, City of Victoria Archives. Aus: Hill, C., Lamoureux, J., Thom, I.(Hrsg.), Emily Carr: New Perspectives on a Canadian Icon, Vanouver 2006, Umschlag.

Als Emily Carr 1911 nach Studienaufenthalten in San Francisco, London und Paris in ihre Heimat British Columbia zurückkehrte, begann sie – ähnlich wie die zeitgenössischen Völkerkundler – die in den Dörfern der Westküste noch erhaltenen Totempfähle als Zeugnisse einer vermeintlich dem Untergang geweihten Kultur mit Pinsel und Zeichenstift zu bewahren. Erfahrungen, die sie auf dieser Reise entlang der kanadischen Westküste gemacht hatte, verknüpfte sie mit einer populär-anthropologischen Definition von „Totem“, in einem ihrer seltenen Vorträge, Lecture on totems 1913.

Just im selben Jahr veröffentlichte Sigmund Freud Totem und Tabu. In seiner Parallelisierung der Psychologie von Naturvölkern und Neurotikern integrierte der Wiener Psychiater eine seinerzeit brandneue ethnologische, völkerpsychologische und evolutionstheoretische Forschungsergebnisse amalgamierende ‚Vision’ einer Totemmahlzeit.

Für Freud bedeutete dieses üppige Gelage die Ermordung des Urvaters durch die Brüderhorde, die sich durch den Verzehr der Leiche die vitale Stärke des Ermordeten aneignete und sich durch diese Einverleibung mit ihm gleichstellte.

Die Freudsche Vision erweist sich als heuristisches Instrument, die Mechanismen sichtbar zu machen, mit der sich in Kanada die Moderne die indianische Kunst aneignete und sich bis zur einverleibenden Vereinnahmung anverwandelte.

Anerkennung dafür, die Totempfähle der Stämme British Columbias mit ihren künstlerischen Mitteln konserviert zu haben, erfuhr Emily Carr nämlich 1927, als in der kanadischen Nationalgalerie ihre 1912 entstandenen Gemälde zusammen mit indianischen Artefakten in der Ausstellung Canadian West Coast Art: Native and Modern gezeigt wurden. Entsprechend dem in den 1920er Jahren propagierten evolutionistischen Modell von Kanadas Kunstgeschichte repräsentierten die Exponate der Indianer die „Relikte“ einer Vor- und Frühgeschichte, die Exponate der zeitgenössischen Bildkünstler die Zeugnisse einer spezifisch kanadischen Moderne. Emily Carr wurde als die standardsetzende Malerin der Westküste inthronisiert, da sie es vermochte, das ‚indian design’ in zeitgemäße kanadische Malerei zu transponieren und dadurch etwas ureigen Kanadisches ohne eine Spur europäischer Einflüsse zu kreieren. 

Abb.2: Emily Carr, Guyasdoms D'Sonoqua, c. 1930, Art Gallery of Ontario. Aus: Hill, C., Lamoureux, J., Thom, I.(Hrsg.), Emily Carr: New Perspectives on a Canadian Icon, Vancouver 2006, S. 145.[Bildunterschrift / Subline]: Abb.2: Emily Carr, Guyasdoms D'Sonoqua, c. 1930, Art Gallery of Ontario. Aus: Hill, C., Lamoureux, J., Thom, I.(Hrsg.), Emily Carr: New Perspectives on a Canadian Icon, Vancouver 2006, S. 145.

Im Anschluss an diese für sie höchst erfolgreiche Ausstellung suchte Emily Carr in ihrer Malerei zwei Intentionen zu verwirklichen. Zum einen konzentrierte sie sich darauf, ihren Gemälden eine den indianischen Artefakten ähnliche, doch eigenständige Ausdruckskraft zu verleihen; zum anderen spiegeln ihre Bilder die verheerenden Gefährdungen der indianischen Kultur durch die weiße Zivilisation wider. Unter einer idyllisch wirkenden Oberfläche bergen Emily Carrs Werke massives kritisches Potenzial, da Emily Carr sich zu einer Zeit den indianischen Motiven widmet, als die Regierung der Weißen die Indianer wegen Festhaltens an ihren Gebräuchen und wegen der Ausübung ihrer Riten mit drakonischen Strafen verfolgte. Zwar erlebt Emily Carr auf weiteren Reisen bereits, wie die Stämme British Columbias unter dem unausweichlichen Druck der zivilisatorischen Zwänge ihre angestammte Lebensweise aufgeben und sich dem ihnen fremden Lebensstil  anpassen mussten. Doch konnte die Künstlerin Ende der 1920er Jahre noch Überbleibsel kultureller Errungenschaften der Indianer finden und bergen, mit denen sie sich mehr und mehr identifizierte. Damals realisierte sie Gemälde, in denen Emily Carr kontinuierlich die Distanz zu ihren Themen und Motiven aufgab.

Als sie etwa ein Jahrzehnt später gesundheitliche Gründe zwangen, ihre Mal- und Zeichenreisen aufzugeben, setzte sie diese künstlerische Selbstidentifikation im literarischen Medium fort. 

Ihren Erzählband, in dem sie an ihre seit 30 Jahren erlebten Begegnungen und gewonnenen Erfahrungen mit der indianischen Kultur erinnerte, veröffentlichte sie konsequenterweise unter dem Namen Klee Wyck. Als Titel wählte der Verlag den Namen, den ihr einst die Indianer gegeben hatten. Denn er signalisierte und symbolisierte gleichzeitig ihre Mediatorenrolle und ihre Vermittlungsleistung zwischen indianischer und weißer Kultur.

Dadurch, dass die Zeitgenossen die Künstlerin bereits zu ihren Lebzeiten mit ihren Themen und Motiven aus der Welt der Indianer gleichgesetzt hatten, konnte die kommende Generation Persönlichkeit und Werk der Emily Carr nach ihrem Tod zum Totem für die indianische Kultur Kanadas stilisieren.


Stationen
  • seit Oktober 2011
  • wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Kunstgeschichte der Universität Regensburg
  • 2009-2011
  • Elitestudiengang Historische Kunst-und Bilddiskurse, Universität Regensburg
  • Auslandssemester an der Université de Montréal, Kanada
  • 2007-2009
  • Studium der Kunstgeschichte, Klassischen Archäologie, Philosophie und Gender Studies, Universität Regensburg
  • vor 2007
  • Betriebswirtschaftsstudium und erste Berufserfahrungen in der Werbebranche und im Fundraising

Veröffentlichungen
  • Kunst auf dem Campus, hg. v. Christoph Wagner, Regensburg, Universitätsverlag Regensburg 2010; Christoph Wagner, Furtmeyr - Meisterwerke der Buchmalerei: Aufbruch zur Renaissance in Regensburg, Regensburg 2010.
  • „‘Créatrice Créée‘ oder die Geburt einer Ikone: Lawren Harris, Emily Carr. Her Paintings and Sketches, 1945“, Vortrag im Rahmen der 9. Internationalen Frühjahrsakademie des Internationalen Netzwerk Kunstgeschichte am 16. Mai 2011 in Frankfurt.