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Forschungsarbeit

Clm 755 und Clm 756: zwei Crinito-Poliziano Miszellanhandschriften. Entstehung, Struktur, Inhalte

Von Cecilia Mussini  (28.03.2011)

In meiner Arbeit habe ich mich mit zwei am Florentiner Hof Lorenzo de’ Medicis entstandenen Miszellanhandschriften beschäftigt, die sich in der Bayerischen Staatsbibliothek in München befinden. Es handelt sich um vermischte Handschriften von zum Teil ungeklärter Provenienz, die im Umkreis des im Renaissancehumanismus bedeutenden Philologen Angelo Poliziano (1454-1494) verfasst wurden. Dabei stellten sich mir zunächst ganz grundlegende Fragen: Was bedeutet es, ein Schriftzeugnis aus einer lange vergangenen Epoche in der theoretischen Perspektive der Textualität zu analysieren? Welche Rolle spielt es, wenn es sich dabei nicht um einen Roman oder ein Gedicht handelt – also um keinen literarischen Text – sondern um eine Sammlung sehr unterschiedlicher Schriftstücke, denen man nur zum Teil einen ›literarischen‹ Status zusprechen kann? Wie kann man das Verhältnis derart unterschiedlicher Schriftstücke zueinander erfassen? Diese haben erst lange nach ihrer Abfassung die uns bekannte Form eines Buches angenommen, ohne dabei aber einen kohärenten Zusammenhang zu bilden.

Im Zentrum meiner Arbeit stehen die Codices Clm 755 und Clm 756 der Bayerischen Staatsbibliothek, die trotz ihres bedeutsamen Entstehungskontextes noch nie systematisch analysiert wurden. Eine gründliche Untersuchung ihrer kodikologischen und inhaltlichen Merkmale ermöglichte es mir, ihre komplexe Struktur im Einzelnen zu erfassen und sie mit Sicherheit Polizianos Umfeld zuzuordnen. Des Weiteren konnte ihre bislang rätselhafte Entstehungsgeschichte aufgeklärt werden. Diese steht im engen Zusammenhang mit der politischen Lage in Florenz gegen Ende des 15. Jahrhunderts. Im Jahr 1494, kurz nach Polizianos Tod, wurde Piero de’ Medici, Lorenzos Nachfolger, aus der Stadt vertrieben. Die Schätze des Medici-Palastes wurden geplündert, darunter auch Polizianos Bücher und Privatnotizen.

Die analysierten Codices gehören zu einem größeren Korpus von insgesamt sieben ähnlichen Miszellanhandschriften der Bayerischen Staatsbibliothek: Wie ich nachweisen konnte, wurden die Schriftstücke von Polizianos Schüler Pier Crinito (1475-1507) zusammengestellt, um die Hinterlassenschaften seines Lehrers zu bewahren und vor Plagiatoren zu schützen. Es spielte aber auch Crinitos Absicht eine Rolle, Arbeitsbücher für die eigene Lehr- und Forschungstätigkeit zu erstellen. In der Fülle von Texten, Notizen und Anmerkungen, die in der Arbeit berücksichtigt wurden, haben sich einzelne Materialien als besonders interessant erwiesen.

So stellen die philologischen Notizen zu den altrömischen Rechtssprüchen der Pandekten, die von Poliziano und seinem Schüler Pier Matteo Uberti verfasst wurden und die in fol. 59r-124v von Clm 755 überliefert sind, ein äußerst wichtiges Zeugnis für Polizianos Auseinandersetzung mit juristischen Texten dar. Darin nahm er bereits Entwicklungen der Jurisprudenz des 16. Jahrhunderts vorweg (s. Abbildung 1).

Abb. 1: Die philologischen Notizen zu den altrömischen Rechtssprüchen der Pandekten, die von Poliziano und seinem Schüler Pier Matteo Uberti verfasst wurden und die in fol. 59r-124v von Clm 755 überliefert sind.[Bildunterschrift / Subline]: Abb. 1: Die philologischen Notizen zu den altrömischen Rechtssprüchen der Pandekten, die von Poliziano und seinem Schüler Pier Matteo Uberti verfasst wurden und die in fol. 59r-124v von Clm 755 überliefert sind.

Durch die Analyse von Polizianos handschriftlichen Anmerkungen zur Heiligen Schrift und zu verschiedenen theologischen Texten (Clm 755, fol. 125r)  ließen sich einige seiner philosophischen Überlegungen rekonstruieren. In seinem Vergleich philosophischer und biblischer Aussagen über das Verhältnis von Schöpfung und Materie problematisiert er etwa die Möglichkeit der Präexistenz der Materie sowie die Materialität beziehungsweise Immaterialität Gottes.

Für den Kommentar zur ersten Philippica von Cicero (Clm 755, fol. 43r-57r) konnten ferner wichtige Einsichten zur Provenienz gewonnen werden: Crinitos Zuschreibung des Kommentars an Poliziano (in fol. 44r von Clm 755, s. Abbildung 2) muss demnach als falsch gelten, da inhaltliche und paläographische Aspekte nahelegen, dass der Kommentar nicht von Poliziano selbst stammt, sondern dass er in seiner Schule entstanden ist und wahrscheinlich einem seiner fortgeschrittenen Studenten zuzuschreiben ist.

Abb. 2: fol. 44r von Clm 755.[Bildunterschrift / Subline]: Abb. 2: fol. 44r von Clm 755.

Durch die Analyse von Crinitos Kolophonen in Clm 756 (also den Verfasserangaben usw., s. Abbildung 3) konnten neue Erkenntnisse über das Zirkulieren von medizinischen Handschriften in Florenz nach dem Sturz der Medici gewonnen werden. Es ergaben sich wichtige Einsichten in das  Zusammenspiel der medizinischen, philosophischen und philologischen Interessen der humanistischen Kreise am Ende des 15. Jahrhunderts.

Abb. 3: Crinitos Kolophonen (Verfasserangaben) in Clm 756.[Bildunterschrift / Subline]: Abb. 3: Crinitos Kolophonen (Verfasserangaben) in Clm 756.

Cecilia Mussini
Cecilia Mussini
* 1981, Pavia
Stationen
  • Dezember 2006 - Juni 2010
  • Promotionsstudium als Mitglied des Doktorandenkollegs “Textualität in der Vormoderne” (Ludwig-Maximilians-Universität München). Titel der Dissertation: “Clm 755 und Clm 756: zwei Crinito-Poliziano Miszellanhandschriften. Entstehung, Struktur, Inhalte”
  • Januar 2006
  • Master-Abschluss in Klassischer Philologie (Laurea specialistica in Filologia e letterature classiche), Universität Pavia. Abschlussarbeit: „Il commento alle Philippicae di Cicerone del codice Monacensis latinus 755“
  • Oktober 2004-März 2005
  • Aufenthalt in München (Erasmus-Projekt). In München wurde die Abschlussarbeit gefertigt
  • 2003-2006
  • Studium der Klassischen Philologie (Aufbaustudiengang: Laurea specialistica in Filologia e letterature classiche), Universität Pavia. Fächer: Latinistik, Gräzistik, Italianistik
  • November 2003
  • Bachelor-Abschluss in Klassischer Philologie (Antichità classiche e orientali), Universität Pavia. Note 110/110 e lode. Abschlussarbeit: “Codex unicus e codex recentior: il caso dell’Aegritudo Perdicae (Anth. Lat. 808 R.)”
  • 2000-2003
  • Studium der Klassischen Philologie (Antichità classiche e orientali), Universität Pavia. Fächer: Latinistik, Gräzistik, Italianistik
  • 1995-2000
  • Besuch des Gymnasiums, Liceo Ginnasio Statale „Ugo Foscolo“, Pavia

Auslandsaufenthalte und berufliche Erfahrungen
  • SS 2010
  • Leitung des Proseminars „Cicero. Orationes Philippicae“ (Klassische Philologie, LMU München)
  • WS 2009-2010
  • Leitung des Latein-Kurses „Tutorato di latino per il recupero del deficit formativo“, zusammen mit Frau S. Avezza (Università degli Studi di Pavia)
  • WS 2008-2009
  • Leitung des Proseminars „Einführung in die humanistische Philologie in Italien“ (Italienische Philologie/Klassische Philologie, LMU München)

Stipendien und Akademische Förderungen
  • Januar 2009
  • Preis „Enrica Malcovati“ der Universität Pavia für ausgezeichnete Studenten, die eine Abschlußarbeit mit Schwerpunkt „lateinische Literatur“ an der Universität Pavia geschieben haben
  • April 1999
  • Teilnahme am Wettbewerb „Il tempo della Storia“, Auszeichnung durch die Provincia di Pavia und die Università degli Studi di Pavia

Veröffentlichungen
  • Note sul rapporto tra Poliziano e Uberti negli anni 1490-1491 (wird in der Zeitschrift “Studi Medioevali e Umanistici” veröffentlicht werden).