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Forschungsarbeit

Die Schweiz und die Balkankriege 1912/13 – Ein medialer Kriegsdiskurs

Von Christian Leu (10.11.2011)

Die Masterarbeit beschäftigt sich mit der Frage, wie die beiden Balkankriege 1912/13 in der schweizerischen Presse wahrgenommen wurden. Im Rahmen einer historischen Diskursanalyse wurden drei Tageszeitungen aus verschiedenen politischen und kulturellen Milieus – Grütlianer (sozialistisch), Neue Zürcher Zeitung NZZ (liberal) und Vaterland (katholisch-konservativ) – auf die Fragen hin untersucht, wie die Aktionen der Kriegsparteien sowie der europäischen Großmächte im neutralen Kleinstaat Schweiz wahrgenommen, beurteilt und dargestellt wurden.

„Wie man sieht, kann die Schweiz einen bedeutenden Anteil des Verdienstes an der Entwicklung der Balkanstaaten für sich in Anspruch nehmen. Es wäre gut, wenn die Schweiz, die so große Sympathie bei den Balkanvölkern genießt, sich nach Abschluß [sic!] des Friedens die günstige Gelegenheit nicht entgehen ließe, sich neue Absatzgebiete zu sichern. Zahlreiche junge Leute, die ihre Studien in der Schweiz absolviert haben, bleiben ihr immer anhänglich und sind bereit, schweizerischen Handel und Industrie jederzeit zu begünstigen.“[1]

Die Schweiz war vor dem Ersten Weltkrieg ein wichtiger Zufluchtsort für politische Flüchtlinge – dem deutschen Kanzler Bismarck zufolge sogar ein „Sammelpunkt der revolutionären und anarchistischen Verschwörer“[2] – und verfügte über ein liberales Hochschulwesen, weswegen viele Südslawen in die Eidgenossenschaft kamen. Ausgehend von diesen Kontakten sowie in Kombination mit der „immerwährenden Neutralität“ der Confoederatio Helvetica sollten, gemäß NZZ, Ökonomie und Politik von der Neuordnung der Balkanhalbinsel profitieren.

Den Jahren nach dem Berliner Kongress folgte keine friedliche Phase auf dem Balkan. 1878 (resp. 1908) konnten sich nebst dem bereits unabhängigen Griechenland auch noch Montenegro, Rumänien, Serbien sowie Bulgarien endgültig von der osmanischen Herrschaft lösen. Die vom Westen ausgehenden Prozesse der Modernisierung sowie die Entwicklung eines Nationalstaates wurden (teilweise) nachvollzogen, führten jedoch zur Herausbildung von aggressiven, sich gegenseitig ausschließenden Nationalismen: Es setzte ein Wettkampf um die noch verbliebenen osmanischen Gebiete Südosteuropas ein.

Abb. 1 aus: Richard C. Hall, The Balkan Wars, 1912-1913. Prelude to the First World War, London 2000. Abb. 2 aus: Richard C. Hall, The Balkan Wars, 1912-1913. Prelude to the First World War, London 2000.[Bildunterschrift / Subline]: Abb.1: Südosteuropa vor dem Krieg 1912. Aus: Hall, Balkan Wars, o.S., Map 1. Abb. 2: Südosteuropa nach den Friedensschlüssen 1913. Aus: Hall, Balkan Wars, o.S., Map 6.

Insbesondere in Makedonien herrschte ein Zustand der Anarchie als 1912 der Erste Balkankrieg (Oktober 1912 – Mai 1913) ausbrach. Lange Zeit gelang es den südosteuropäischen Staaten nicht, sich auf ein gemeinsames Bündnis gegen die Osmanen zu einigen. Doch vordergründig schlossen sich 1912 Bulgarien, Griechenland, Montenegro und Serbien zusammen und vertrieben die „Türken“ aus Europa.

Mangelnden territorialen Absprachen zwischen den Partnern des sogenannten Balkanbundes war es geschuldet, dass es bereits im Juni 1913 zum Zweiten Balkankrieg (Juni 1913 – August 1913) kam. Bulgarien versuchte durch einen raschen Militärschlag seine Ziele durchzusetzen. Dies misslang gründlich; bald stand Bulgarien nicht nur mit Griechenland, Montenegro und Serbien im Krieg, sondern auch das bisher neutrale Rumänien sowie das Osmanische Reich nutzten diese günstige Gelegenheit für eine Kriegserklärung. Der am 10. August 1913 unterzeichnete Frieden von Bukarest führte mitnichten zu einer Entspannung der Lage. Nur annäherungsweise hatten sich die Staaten auf die Grenzen geeinigt, aber es kam immer wieder zu beiderseitigen Grenzverletzungen. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges war ein Balkanbund kein Thema mehr, vielmehr schlossen sich die Staaten der Seite an, die für sie am meisten Landgewinn versprach.

Wirtschaftlich und sozial waren die beiden Kriege katastrophal; alleine die vier Staaten des Balkanbundes brachten 2.4 Milliarden Francs auf, um sie zu finanzieren.[3] Über die Zahlen der Opfer existieren verschiedene Schätzungen, denen zufolge den beiden Kriegen etwa 300'000 bis 500'000 Soldaten zum Opfer fielen.[4] Für die Summe der getöteten Zivilisten existieren keine Zahlen. Die brutale Art der Kriegsführung führte dazu, dass Tausende Menschen vor den Gräueltaten flohen oder gewaltsam vertrieben wurden. Aufgrund mangelnder Quellen können diese Flüchtlingsströme nur schwer erfasst werden. Gesamthaft werden in diesem Zeitraum beispielsweise alleine für die Türkei 400'000 Zuwanderer geschätzt.[5]

Abb. 3 aus: Karl Aspern, Illustrierte Geschichte des Balkankrieges 1912/13, Regensburg 1915.[Bildunterschrift / Subline]: Abb. 3: Bildlegende „Türkische Bauern auf der Flucht“ Quelle Aspern: S. 120.

Mit Argusaugen verfolgte die helvetische Tagespresse die beiden Balkankriege, resp. die Zukunft der europäischen Türkei. Immer wieder wurde von einem möglichen Ausgreifen des Konfliktes auf Europa geschrieben. Ein mögliches Eingreifen der europäischen Großmächte wurde als Bedrohung für die schweizerische Wirtschaft und zumindest indirekt den neutralen Status des Landes wahrgenommen. Trotz des breiten politischen Spektrums der ausgewerteten Medien gab es in vielen Feldern eine erstaunliche Übereinstimmung der Meinungen. Die zu Beginn geteilte Hoffnung, dass die Mächte den Frieden wieder herstellen könnten, schlug bald in eine harsche Kritik an deren mangelnden Konsensfähigkeit und eine Desillusionierung über deren Fähigkeiten der Friedenssicherung um. Den Großstaaten sowie dem Osmanischen Reich seinerseits wurde mit wenig Sympathie begegnet. Eine weitere Gemeinsamkeit war etwa, dass die militärischen Erfolge der Balkanstaaten, übergreifend als „Heldentaten“ bezeichnet, große Bewunderung erfuhren und der Zweite Balkankrieg, als „Bruderkrieg“ verschrien, rundheraus als sinnlos abgelehnt wurde.

Die unterschiedlichen Religionsverständnisse der Zeitungen führten aber auch oft zu Uneinigkeiten: Habsburg als katholische Vormacht, der Balkanbund sowie die Gräueltaten an der Zivilbevölkerung – wer war Opfer, wer Täter – wurden diametral entgegengesetzt in der Presse widerspiegelt: Sah die NZZ im Balkanbund die oben angesprochenen wirtschaftlichen und politischen Vorteile für die Eidgenossenschaft, so wurde im Vaterland eine Einführung der russischen Katholikenverfolgung in Südosteuropa gefürchtet. Währenddessen lehnten die Sozialisten (Grütlianer) zwar den Krieg selber ab, begrüßten aber das Ziel der Balkanstaaten, für eine nationale Einigung und ihre Selbstbestimmung zu kämpfen. Im Großen und Ganzen verlief die mediale Berichterstattung aber in einem ähnlichen Rahmen wie die anderer europäischer Länder und es kann nicht von einem „schweizerischen Sonderfall“ gesprochen werden![6]


[1]    Zit. nach: NZZ, 12.11.12, Nr. 315 (1. Morgenblatt), S. [2].
[2]    Edgar Bonjour, Geschichte der schweizerischen Neutralität. Vier Jahrhunderte eidgenössischer Aussenpolitik, Basel 1965, Bd. 2, S. 464.
[3]     Katrin Boeckh, Von den Balkankriegen zum Ersten Weltkrieg. Kleinstaatenpolitik und ethnische Selbstbestimmung auf dem Balkan, München 1996, S. 73; Carnegie Endowment for International Peace (Hrsg.), Report of the International Commission to inquire into the Causes and Conduct of the Balkan Wars, Washington 1914, S. 378–398; Danica Milić, Economic Consequences of the Balkan Wars, in: Dimitrije Đorđević/Béla K. Király (Hgg.), East Central European Society and the Balkan Wars, Highland Lakes (N.J.) 1987, S. 386–391, hier S. 386–391.
[4]     Vgl. Peter Bartl, Artikel „Balkankriege (1912/14).“, in: Edgar Hösch/Karl Nehring/Holm Sundhaussen/Konrad Clewing (Hgg.), Lexikon zur Geschichte Südosteuropas, Wien 2004, S. 85–86; Boeckh, Von den Balkankriegen zum Ersten Weltkrieg, S. 72–73; Richard C. Hall, The Balkan Wars, 1912-1913. Prelude to the First World War, London 2000, S. 135–136; Martin Kröger, Balkankriege 1912-1913, in: Franz W. Seidler/Armin Steinkamm/Alfred M. de Zayas (Hgg.), Kriegsverbrechen in Europa und im Nahen Osten im 20. Jahrhundert, Hamburg 2002, S. 16–18, hier S. 17; Milić, Economic Consequences, in: Đorđević/Király (Hrsg.), East Central European Society, S. 386.
[5]     Boeckh, Von den Balkankriegen zum Ersten Weltkrieg, S. 257–273.
[6]     Florian Keisinger, Unzivilisierte Kriege im zivilisierten Europa? Die Balkankriege und die öffentliche Meinung in Deutschland, England und Irland, 1876-1913, Paderborn 2008.


Stationen
  • 2009-2011
  • Elitestudiengang Osteuropastudien, LMU München, HF: Geschichte, NF: Interkulturelle Kommunikation und Europäische Ethnologie
  • 2005–2009
  • Bachelor-Studium, Universität Bern, HF: Geschichte, NF: Politikwisschschaft

Berufliche Erfahrungen
  • 2010-2011
  • Wissenschaftliche Hilfskraft Prof. Dr. Martin Aust, Geschichte Osteuropas und Südosteuropas, LMU München
  • 2011
  • Schweizerische Osteuropabibliothek Bern, Praktikant