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Forschungsarbeit

Martin Kippenberger und die Kunst der Persiflage oder Theatrum Europaeum und Identität. Ein Ergebnisbericht

Von Stefan Hartmann (28.02.2011)

Nach einem Zwischenbericht über sein Dissertationsvorhaben im Jahre 2008 legt der Forschungsstipendiat des Elitenetzwerks Stefan Hartmann nun, nach der erfolgreichen Erlangung der Doktorwürde, die Ergebnisse seines Forschungsprojektes vor.

Knapp fünfzehn Jahre nach seinem frühen Tod ist die Relevanz des deutschen Künstlers Martin Kippenberger (1953-1997) allgemein akzeptiert. Dies belegen nicht zuletzt die großen Retrospektiven der letzten Jahre, die in so renommierten Museen wie dem New Yorker Museum of Modern Art und der Tate Modern, London, stattfanden. Zur internationalen Aufmerksamkeit, die das Oeuvre des Künstlers inzwischen genießt, tragen darüber hinaus Medienberichte über immer neue Rekordergebnisse seiner Werke auf Auktionen bei. Umso erstaunlicher ist es, dass eine umfassende, kunsthistorisch fundierte Auseinandersetzung mit Kippenberger bislang fehlte. Dieses Desiderat der Forschung zu schließen, war das Ziel der vorliegenden Dissertation.

Erstmals konnte hierbei gezeigt werden, dass dem Oeuvre ein übergreifendes Thema zugrunde liegt: Fragen der Identität, nicht zuletzt der Identität des Künstlers. Der letztgenannte Aspekt ist es auch, der zu den mitunter absurden Kurzschlüssen der bisherigen Rezeption geführt hat. Tatsächlich setzte sich Kippenberger ironisch-persiflierend mit Stereotypen des Künstlertums auseinander - ein Ansatz, der ebenfalls zum ersten Mal wissenschaftlich fundiert in der (neo)dadaistischen Tradition verortet werden konnte.

Zur Darlegung der kunst- und kulturhistorischen Bezüge wurden exemplarisch gut 100 Werke aus allen Gattungen und Medien betrachtet, die zwischen der Mitte der siebziger Jahre und 1997 entstanden.

Abb. 1: Kippenberger, Martin, Alkoholfolter, 1981/82. © Estate Martin Kippenberger, Galerie Gisela Capitain, Cologne.[Bildunterschrift / Subline]: Abb. 1: Kippenberger, Martin, Alkoholfolter, 1981/82. © Estate Martin Kippenberger, Galerie Gisela Capitain, Cologne.

Im Verlauf der Recherchen hat sich die Identität des Künstlers als zentrales Thema des Oeuvres erwiesen. Kippenberger persiflierte Topoi des Künstlertums, die zu Teilen eine longue durée von mehreren Jahrhunderten aufweisen: das Künstlertum als göttliche Gabe; das Künstler-Genie als Messias und Erleuchter, als unverstandener Außenseiter, als Melancholiker und als Verrückter; schließlich der Künstler als Superstar.

Diese Ergebnisse stehen in starkem Kontrast zur bisherigen Rezeption, in der die eben skizzierten Zusammenhänge nicht erkannt wurden. Der Grund dafür ist, wie ebenfalls dargelegt werden konnte, dass die Kritik in genau der künstlerbiografischen Tradition zu verorten ist, gegen die sich der Künstler ironisch wendete. Konkret begreift sie das Werk als Spiegel des Charakters. Entsprechend wurde Kippenberger wahlweise als Alkoholiker, als Clown, als Zyniker, als Melancholiker oder als Netzwerker, Utopist und Retter-Figur rezipiert. Die Erkenntnis, die in dieser Hinsicht aus dem Oeuvre gewonnen werden kann, lautet jedoch gerade, dass die psychologisierende Hermeneutik von Leben und Werk zu kurz greift, ja geradezu absurd ist. So wendete der Künstler etwa die Alkohol-Problematik mit einem Gemälde ironisch, das ihn als Opfer der Alkoholfolter (1981/82) zeigt - die Hände gefesselt an eine Schlösser-Alt Bierdose (Vgl. Abb. 1).

Darüber hinaus thematisierte Kippenberger anhand der eigenen künstlerischen Persona zentrale Fragen der Identität. Einer Identität, die sich seit den siebziger Jahren ganz wesentlich über den Lebensstil definierte. Dieser freilich wurde zu einem primär konsumbasierten Projekt, wobei die Werbung gezielt den distinktiven Mehrwert der Produkte anpries. Ob Möbel, Badausstattung, Nahrung oder Kleidung - alles wurde zum Teil der totalen Stilisierung des Lebens durch Konsum. Die Werbung pries die Waren zielgruppengerecht an: Vom ‚exklusiven‘ Design-WC bis zur Jeans für Jugendliche. Als Beispiel für den Umgang des Künstlers mit diesem Themenbereich sei das Multiple Roger (1990) erwähnt (Vgl. Abb. 2). Hierbei handelt es sich um Holz-Repliken eines der ersten Mobiltelefone. Da die Geräte damals extrem teuer waren, avancierten sie schnell zu Statussymbolen. Wer sich diese Mobiltelefone nicht leisten konnte, hatte die Möglichkeit auf Attrappen auszuweichen. Roger verweist also auf die Wichtigkeit der ‚symbolischen Kommunikation‘ mit diesem neuen Kommunikationsmittel.

Abb. 2: Kippenberger, Martin, Roger, 1990. © Estate Martin Kippenberger, Galerie Gisela Capitain, Cologne.[Bildunterschrift / Subline]: Abb. 2: Kippenberger, Martin, Roger, 1990. © Estate Martin Kippenberger, Galerie Gisela Capitain, Cologne.

Des Weiteren beschäftigte sich der Künstler mit Fragen ethnischer, kultureller und sexueller Identität bzw. Alterität. Seine Thematisierungen von Stereotypen des Eigenen und des Anderen in Kunst und Alltagswelt belegen die Zentralität des Visuellen für unser Selbst- und Fremdbild. In diesem Zusammenhang verweist Kippenberger auf die Dominanz visueller Stereotypen, die diese ‚Bilder‘ dominieren. So wird der Andere etwa in den Anzeigen von Hilfswerken als schutzbedürftig und hilflos dargestellt, während manche Fotografen ihn zeitgleich als Objekt der Begierde inszenierten. Diese Polarität findet sich vereinigt in der Collage Neger haben einen Längeren! - Stimmt nicht! (1982/1972) (Vgl. Abb. 3). Das gezeichnete Motiv eines ausgezehrten Mannes, wie es von den Plakaten von MISEREOR oder Brot für die Welt bekannt ist, wird hier kontrastiert mit einer aufgeklebten Textzeile, die auf die sexuellen Konnotationen des Anderen verweist. Der provokativ-zynisch Impetus, der hier deutlich wird, ist kein Selbstzweck - er lässt die Stereotype als solche klar erkennbar werden.

Schließlich setze sich Kippenberger auch mit Fragen der nationalen Identität ‚der Deutschen‘ auseinander. Hierbei ging es ihm in den achtziger Jahren vor allem darum, die Diskrepanz zwischen der öffentlichen Schuld- und der privaten Schamkultur im Sinne Aleida Assmanns zu thematisieren, d.h. der Diskrepanz zwischen den öffentlichen Bekenntnissen zur NS-Vergangenheit und der Verdrängung im Privaten [1]. Die Kultur der Verdrängung forderte der Künstler mit einem Gemälde heraus, das in räumlicher Verschränkung Balken und Winkel in schwarz, rot, gelb und weiß vor einem schwarzen Fond zeigt. Kunsthistorisch bezieht sich dieses Gemälde auf den zeitgenössischen Rekurs auf geometrisch-abstrakte und -ungegenständliche Tendenzen der klassischen Moderne. Der Titel freilich - Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz entdecken (1984) - löst beim (deutschen) Betrachter unwillkürlich einen Suchvorgang aus, bei dem nicht wenige auch fündig werden. Tatsächlich ist aber gar kein Hakenkreuz dargestellt. Dies belegt inhaltlich die anhaltende negative Fixierung auf das Symbol des NS-Regimes und damit auf die verdrängte Vergangenheit. Zugleich ist dieses Werk ein gutes Beispiel für die Funktion, die Titeln und Text im Oeuvre zukommt. Die Aussagen von Texten steht häufig geradezu in einem Spannungsverhältnis mit der Darstellung, verleihen ihr dadurch eine neue Bedeutung.

Abb. 3: Kippenberger, Martin, Neger haben einen Längeren! - Stimmt nicht!, 1982 (1972). © Estate Martin Kippenberger, Galerie Gisela Capitain, Cologne.[Bildunterschrift / Subline]: Abb. 3: Kippenberger, Martin, Neger haben einen Längeren! - Stimmt nicht!, 1982 (1972). © Estate Martin Kippenberger, Galerie Gisela Capitain, Cologne.

Insgesamt erweist sich Kippenberger aufgrund der Doppelbödigkeit seiner Werke, aufgrund des strategischen Einsatzes von Zitat und Selbstzitat unter Rekurs auf High&Low [2] sowie aufgrund seines ironisch-persiflierenden Ansatzes als paradigmatischer Künstler der Postmoderne.

Das Erkennen der kritischen Bezüge seiner Werke erfordert freilich jene Fähigkeiten, die er selbst offensichtlich in hohem Maße aufwies. Dabei handelt es sich um Fähigkeiten, die fundamental für die Konstitution von Identität sind, nämlich die Fähigkeit zur Selbstdistanzierung (z.B. in Form der Selbstironie), der Selbstreflexion und Selbstkritik [3].

Quellennachweise:

[1] Assmann erklärt die Differenzierung in „Schamkultur und Schuldkultur“ zu einem „Leitmotiv“ ihrer Ausführungen: Assmann, Aleida; Frevert, Ute, Einleitung, in: dieselben, Geschichtsvergessenheit. Geschichtsversessenheit. Vom Umgang mit deutschen Vergangenheiten nach 1945, Stuttgart 1999, S.9-18, 12.

[2] Siehe hierzu grundlegend: Varnedoe, Kirk; Gopnik, Adam (Hrsg.), High&Low. Moderne Kunst und Trivialkultur, München 1990 (High&Low: Modern Art and Popular Culture. Publikation anläßlich der gleichnamigen Ausstellung im Museum of Modern Art, New York, vom 7.Oktober 1990 bis 15.Januar 1991; im Art Institute of Chicago vom 20.Februar bis 12.Mai 1991 und im Museum of Contemporary Art, Los Angeles, vom 21.Juni bis 15.September 1991, New York 1990).

[3] Straub, Jürgen, Identität, in: Jaeger, Friedrich; Liebsch, Burkhard (Hrsg.), Handbuch der Kulturwissenschaften. Grundlagen und Schlüsselbegriffe (3 Bände; Bd.1), Stuttgart; Weimar 2004, S.277-303, S.281f.


Stationen
  • 1998 - 1999
  • Studium der Anglistik und Geschichte
  • 2000 - 2006
  • Studium der Kunstgeschichte, Europäischen Ethnologie und Alten Geschichte in Augsburg
  • seit 2007
  • Promotion in Kunstgeschichte, Forschungsstipendiat im Elitenetzwerk Bayern

Berufserfahrung und Projekte
  • seit 2000
  • Tätigkeit als studentische Hilfskraft im Prorektorat der Universität Augsburg und am Lehrstuhl für Kunstgeschichte in Augsburg
  • Juni 2008
  • Kurzvortrag auf der vierten Architekturwoche des Bunds Deutscher Architekten in Augsburg, Thema: Der Königsplatz - Tor zur Stadt
  • Icon a4-augsburg.blogspot.com
  • Oktober 2010
  • Vortrag: "Martin Kippenberger und die Frage der Identität", Forschende Fakultät, Uni Augsburg, 22.10.2010
  • Januar 2011
  • "Learning from Las Vegas? The Old World in the Age of its Technical Reproducibility", im Rahmen der Tagung "Imagining Europe. Perspectives, Perceptions and Representations from Antiquity to the Present", Universität Leiden, 27.01.2011
Weiterführende Links