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Forschungsarbeit

Cipriano de Rores Vergine-Zyklus (1548): über die Verbindung von Lyrik, Dichtungstheorie und Kompositionspraxis

von Adelheid Eysholdt (23.11.2011)

Beschäftigt man sich mit der Analyse von Vokalmusik, so geht man dabei in der Regel vom vertonten Text aus. In diesem Fall geht es um ein Gedicht von Francesco Petrarca aus dem 14. Jh., das im 16. Jh. von Cipriano de Rore vertont wurde. Bei einer solchen zeitlichen Distanz zwischen Text und Musik einerseits und Vertonung und Analyse andererseits empfiehlt es sich zudem, sich die musik- und literatur­historischen Hintergründe des Entstehungszeitraumes bewußt zu machen.

Bis heute gilt Francesco Petrarca (1304-1374) als einer der berühmtesten italieni­schen Dichter. Der Grund dafür ist sein Gedichtzyklus Canzoniere, der in 366 Ge­dichten die unglückliche Liebe des Sprechers zu einer gewissen Madonna Laura erzählt. Diese Liebe wird nach dem Tod der Dame mehr und mehr vergeistigt, bis im Schlußtext, der Mariencanzone, der Zyklus gewissermaßen umgewidmet und die weltliche Liebe zu Laura durch die geistliche zur Heiligen Jungfrau ersetzt wird. Die Mariencanzone umfaßt zehn metrisch gleich gebaute Strophen sowie eine kürzere Schlußstrophe und hat insgesamt eine Länge von 137 Versen. Auffallend ist ihre zyklische Struktur: In jeder Strophe wird die Jungfrau zweimal mit „Vergine“ sowie jeweils einem anderen Adjektiv angerufen.

Die älteste vollständige Vertonung dieses Textes stammt von dem flämischen Kom­ponisten Cipriano de Rore und wurde 1548 erstmals in Venedig gedruckt. Während Petrarcas Gedichte im 14. und 15. Jh. kaum vertont wurden, änderte sich das im 16. Jh. schlagartig. Der Grund dafür ist die von Pietro Bembo ausgelöste Petrarca-Begeisterung, die in der Forschung als Petrarkismus bezeichnet wird. Der spätere Kardinal Pietro Bembo unterbreitete in seinem 1525 in Venedig gedruckten Buch Prose della volgar lingua einen Vorschlag für eine verbindliche italienische Hoch­sprache: die Orientierung an den großen Dichtern des 14. Jhs., Francesco Petrarca für Lyrik und Giovanni Boccaccio für Prosa.

Die Reaktion auf Bembos Postulate bestand in einer begeisterten Petrarca-Rezeption: Dessen Gedichtzyklus Canzoniere erlebte nie gekannte Auflagen- und Verkaufs­zahlen und es gehörte für die gebildete Oberschicht zum guten Ton, selbst Gedichte im Petrarca-Stil zu schreiben. Die allgemeine Petrarca-Begeisterung schwappte auch auf Komponisten über, die begannen, die Texte konsequent zu vertonen.

Doch nicht nur dieser äußerliche Trend förderte das Interesse der Komponisten an Petrarca. Tatsächlich sind die Argumente, die Bembo für die Überlegenheit der Dichtung Petrarcas anführt, entscheidend für die Entwicklung der weltlichen Vokal­musik: In Anlehnung an Ciceros Rhetorik nennt Bembo als Kriterium für gute Dich­tung die Entsprechung von Inhalt und dichterischer Form. Er geht über Cicero hinaus, indem er dem Wortklang und -rhythmus die Fähigkeit zuschreibt, den affek­tiven Inhalt eines Textes zu vermitteln. Seine Kriterien dafür sind gravità und piace­volezza, also Schwere und Anmut: Spricht ein Text von etwas Unangenehmem oder Grausamen, so sollte das durch die Verwendung harter Konsonanten und Akzente ausgedrückt werden, im Gegensatz zu etwas Schönem und Angenehmen, das sich in Vokalreichtum und relativ wenigen Betonungen darstellen sollte. Außerdem müssen gravità und piac­volezza in einem guten Text immer in einem ausgewogenen Ver­hältnis stehen, keines von beiden darf die Überhand gewinnen. Es bedarf wohl kaum einer Erklärung dafür, dass dieses Denken in den Kategorien von Rhythmus und Klang für die Komponisten, die solche Texte vertonten, nicht ohne Bedeutung blei­ben konnte.

In den 1540er Jahren läßt sich besonders bei zwei Komponisten in Venedig ein Einfluß von Bembos Dichtungstheorie nachweisen: bei dem Kapellmeister an San Marco, Adrian Willaert und dem jüngeren Cipriano de Rore. Die ersten drei Madrigal­bücher zu fünf Stimmen aus Rores Feder (1542, 1544, 1548) enthalten jeweils eine große Anzahl an Petrarca-Vertonungen. Deren Besonderheit – im Gegensatz zu Willaerts Petrarca-Vertonungen – liegt in Rores Interesse an Texten, in denen die gravità überwiegt. Diese Vorliebe für schwere, qualvolle Texte schlägt sich in Rores expressivem musikalischen Stil nieder.

Den Schluß- und Kulminationspunkt von Rores Petrarca-Madrigalen bildet seine zyklische Vertonung der Mariencanzone. Diesem Projekt haftete ein solches Prestige an, dass 1548 unmittelbar vor dem wahrscheinlich von Rore autorisierten Druck be­reits ein unvollständiger Raubdruck in Venedig erschien. In einer detaillierten musika­lischen Analyse ließ sich jedoch nachweisen, dass Rore trotz leichter stilistischer Ver­schiebungen wohl keine unvollständige Veröffentlichung plante. Außerdem zeigte sich die enorme Sensibilität des Komponisten für dichterische Sprache und ihren Klang, sowie ein von Bembo geschultes differenziertes Verständnis von Lyrik.

Rores Vergine-Zyklus ist in seinem Umfang und seiner zyklischen Anlage ein Son­derfall in der Musikgeschichte des frühen 16. Jhs. Er erweist sich als beeindrucken­des Beispiel für die Verbindung von Lyrik, Dichtungstheorie und Komposition: Die Dichtungstheorie schärft das allgemeine Bewußtsein für die Besonderheiten der Lyrik, die durch die Vertonung um den musikalischen Ausdruck bereichert wird.


Stationen
  • 2006-2011
  • Magisterstudium an der LMU München, Fächerkombination: Musikwissenschaft (Hauptfach), Neuere/Neueste Geschichte, Italienische Philologie
  • Auslandssemester an der Università degli Studi di Padova, Italien

Berufliche Erfahrungen
  • seit Juli 2011
  • Werkvertrag mit der Musikhistorischen Kommission der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Erstellen eines digitalen Quellenverzeichnisses der handschriftlichen Quellen zu Orlando di Lasso
  • Jan.-Juli 2011
  • Studentische Hilfskraft in der Universitätsbibliothek München, Abteilung Altes Buch

Preise und Auszeichnungen
  • seit April 2008
  • Stipendiatin des Max Weber-Programms