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Forschungsarbeit

Die Erfindung einer Disziplin: Die Bodenkunde im ausgehenden Zarenreich

Von Jan Arend (21.01.2011)

Der US-amerikanische Wissenschaftshistoriker Gregory Good beschreibt wissenschaftliche Disziplinen als institutionalisierte frameworks of consensus, also als Organisationsformen wissenschaftlichen Arbeitens, die einen gewissen Grad an gegenseitiger Verständigung über grundlegende konzeptuelle und methodische Sachverhalte sowie über mit dem Forschen verbundene Ziele und Werte voraussetzen. Dieser Konsens wird im Rahmen der Selbstbeschreibung einer Disziplin dargestellt und reproduziert, aber auch erst hergestellt. Die disziplinäre Selbstbeschreibung ist dabei nicht als ein statisches Phänomen zu denken, denn sie unterliegt einem fortwährenden Aushandlungsprozess. Disziplinäre Selbstbeschreibung kann in diesem Sinn sowohl als ein Resultat als auch als ein Movens des Entstehungsprozesses von Disziplinen verstanden werden.

Diese Mechanismen sind auch für eine Kultur- und Gesellschaftsgeschichte interessant, denn neu entstehende Disziplinen können sich nicht im luftleeren Raum verorten, sondern tun dies in vorgeprägten wissenschaftlichen, aber auch kulturellen und politisch-sozialen Feldern.

Mit Blick auf die Wissenschaftsgeschichte des Russischen Reiches wurden Fragen der Entstehung neuer Disziplinen bisher kaum behandelt, denn es dominierte eine Wahrnehmung Russlands als wissenschaftliche Rezeptionskultur, die eher durch produktive Übernahme westlicher Wissenschaft als durch die Herausbildung eigener disziplinärer Ansätze gekennzeichnet gewesen sei. Dabei ist nicht zu übersehen, dass auch im Zarenreich Disziplinen entstanden, deren Vertreter einen Anspruch auf Originalität und Begründerstatus formulierten. Zu diesen Disziplinen gehörte die in den 1870er Jahren entstandene Bodenkunde, eine naturwissenschaftliche Disziplin, die sich mit den fruchtbaren Schichten der Erdoberfläche befasste.

In einer Fallstudie wurden die Aushandlungs- und Selbstbeschreibungsprozesse untersucht, die ein framework of consensus in der russischen Bodenkunde entstehen ließen. Die disziplinäre Selbstbeschreibung der Bodenkunde vollzog sich in einem Kommunikationsraum, an dem Experten, wissenschaftliche Laien und politische Entscheidungsträger teilhatten. Deshalb wurden bei der Untersuchung die Vermittlungsstrategien in den Blick genommen, durch welche die Wissenschaftler unterschiedliche Zielgruppen anzusprechen hofften. Dazu gehörte die Praxis der Wissenschaftspopularisierung ebenso wie die legitimierende Selbstbeschreibung der Disziplin mit dem Ziel der Institutionalisierung und der Einwerbung von Fördermitteln.

Bei der Untersuchung wurden vier Bereiche der disziplinären Selbstbeschreibung, die jeweils durch unterschiedliche Argumentationsstrategien gekennzeichnet waren, unterschieden, aber auch in ihrer gegenseitigen Überlagerung betrachtet:

  • Die Identifizierung eines spezifischen Kompetenzbereiches der Bodenkunde, also der Bereich der wissenschaftlichen Gegenstandskonstruktion
  • Debatten und Standpunkte bezüglich der (wissenschaftlichen, sozialen und politischen) Aufgaben der Disziplin
  • Die Profilierung eines Wissenschaftsstils
  • Die disziplinäre Traditionsbildung
Abb. 1: Der Bodenkundler Vasilij Dokučaev bei Feldforschungen. Künstler unbekannt.[Bildunterschrift / Subline]: Abb. 1: Der Bodenkundler Vasilij Dokučaev bei Feldforschungen. Künstler unbekannt.

In Abgrenzung zu den zeitgenössisch als westliche Importprodukte geltenden Disziplinen der Geologie und der Agrikulturchemie argumentierten die russischen Bodenkundler, dass die Böden als ein eigenständiger wissenschaftlicher Gegenstand, der es wert sei, den Kompetenzbereich einer neuen Disziplin auszumachen, verstanden werden müssten. Der Bodenkundler Vasilij Dokučaev (1846-1903) definierte die Böden als „historische Naturkörper“, also als Naturphänomene sui generis, die – ähnlich wie beispielsweise ein Lebewesen – eine eigentümliche Struktur, eigene Gesetzmäßigkeiten und eine eigene Entwicklungsgeschichte besitzen. Diese allgemeine Gegenstandsbestimmung verband sich mit einem spezifischen Interesse für die Böden Russlands, nicht zuletzt für die fruchtbare russische Schwarzerde, die den russischen Bodenkundlern als eine besonders „typische“ und „reine“ Bodenart galt, deren Untersuchung verallgemeinerbare Resultate liefern würde.

Zentral für die Legitimierung der neuen Disziplin war auch die Aneignung bestimmter Aufgaben für Staat und Gesellschaft. In der Selbstbeschreibung der Disziplin lässt sich beobachten, wie die Wissenschaftler eine bestimmte gesellschaftliche und staatliche „Nachfrage“ nach ihren „Angeboten“ skizzierten. Dabei verwiesen sie etwa auf die Bedeutung der Landwirtschaft für den Agrarstaat Russland und auf die Rolle des landwirtschaftlich nutzbaren Bodens als eine Ressource, der im Prozess der imperialen Expansion des Zarenreichs eine ähnliche Bedeutung wie den Bodenschätzen und Rohstoffen zukommen sollte.

Ein weiteres Element der disziplinären Selbstbeschreibung der russischen Bodenkunde war der Hinweis auf einen besonderen wissenschaftlichen Denkstil, der die Ansätze der Disziplin präge. Dabei wurde betont, dass sich die Disziplin von anderen Wissenschaften durch eine ganzheitliche Sichtweise – eine Sicht auf die Natur als „ökologischen“ Gesamtzusammenhang – unterscheide. Dieses Argument, das insbesondere für die Schriften Dokučaevs kennzeichnend war, diente als Nachweis der Originalität des russischen bodenkundlichen Ansatzes.

Abb. 2: Eine Briefmarke aus der Sowjetzeit zeigt den russischen Bodenkundler Vasilij Dokučaev. Text: "Vasilij Dokučaev, der Begründer der Lehre von der Bodenbildung."[Bildunterschrift / Subline]: Abb. 2: Eine Briefmarke aus der Sowjetzeit zeigt den russischen Bodenkundler . Text: "Vasilij Dokučaev, der Begründer der Lehre von der Bodenbildung."

Für die Traditionsbildung innerhalb der Disziplin gilt, dass das nationale Moment in den Vordergrund gestellt wurde. Hier kam innerhalb der disziplinären Selbstbeschreibung dem Motiv der wissenschaftlichen Errungenschaften, die von Angehörigen einer Nation vollbracht werden und dieser zur Ehre gereichen, eine zentrale Stellung zu. In Nachrufen und der disziplinären Geschichtsschreibung wurden russische Wissenschaftler zu „Urvätern“ und Gründergestalten der Bodenkunde stilisiert. Auf diese Weise entstand eine spezifisch russische Genealogie der Disziplin, die freilich von westlichen Vertretern der Bodenkunde, die eigene Originalitätsansprüche formulierten, angefochten wurde. Hier trifft es zu, was Ludmilla Jordanova mit Blick auf die Zusammenhänge von Nationalismus und Wissenschaft in der Moderne beschrieben hat: Die wissenschaftliche Leistung wurde zu einer „Währung“ (currency) im Rahmen eines kompetitiven Nationalismus.

Anhand einer Darstellung der Selbstbeschreibungsprozesse, die zur „Erfindung“ der Bodenkunde im späten 19. Jahrhundert führten, bietet die Arbeit Einsichten in die Überlagerungen und Zusammenhänge zwischen wissenschaftlichen Ansätzen und nationalen bzw. imperialen sowie gesellschaftlichen Diskursen im Russland des ausgehenden Zarenreichs.


Jan Arend
Jan Arend
* 1981, Zürich
Stationen
  • Seit Oktober 2008
  • Masterstudium im Elitestudiengang „Osteuropastudien“, LMU München, Hauptfach: Geschichte Osteuropas, Ergänzungsfach: Politikwissenschaft
  • April 2008
  • Wechsel an die LMU München (Osteuropäische Geschichte)
  • 2004-2007
  • Studium der Osteuropäischen Kulturen und Geschichte in Basel, B.A.
  • 2002-2004
  • 3 Semester Medizinstudium in Zürich
  • 1995-2001
  • Gymnasium in Zürich, Maturität

Auslandsaufenthalte und berufliche Erfahrungen
  • Seit 2008
  • Hilfswissenschaftler, Lehrstuhl für Osteuropäische Geschichte, LMU München
  • Seit 2007
  • Mitarbeiter im Forschungsprojekt „Das Schtetl in der Sowjetunion“, Lehrstuhl für osteuropäische Geschichte, Universität Basel
  • 2007
  • 3 Wochen Austauschaufenthalt in Lviv, Ukraine
  • 2002
  • Dolmetscher Deutsch-Russisch in Austauschprojekt in Rybinsk, Russland
  • 2001
  • 3 Monate Austauschaufenthalt in Irkutsk, Russland
  • 1998
  • Austauschjahr in Australien

Stipendien und Akademische Förderungen
  • seit 2009
  • Stipendiat der Deutschen Studienstiftung
  • seit 2009
  • Stipendiat des DAAD (wissenschaftliche Aus- und Fortbildung in Deutschland)

Veröffentlichungen
  • Wider das „halbierte Bewusstsein“? Neuere Beiträge zu einer blockübergreifenden Perspektive auf das Jahr 1968. In: Bohemia. Zeitschrift für Geschichte und Kultur der böhmischen Länder, 49, 2, 2009, 445-453.
  • Tagungsbericht: Die wissenschaftliche Selbstbeschreibung der sozialistischen Gesellschaft: Soziologie und Ethnologie/Ethnographie in Ostmittel- und Südosteuropa 1945-1989. In: Bohemia. Zeitschrift für Geschichte und Kultur der böhmischen Länder, 48, 2008.