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Forschungsarbeit

Picturing Wonderland: Die Illustrationen zu Alice’s Adventures in Wonderland zur Zeit des Golden Age of Illustration

Von Barbara Uhlig (29.10.2010)

Im November 1866 erschien beim Londoner Verlag Macmillan das Buch »Alice‘s Adventures in Wonderland«, verfasst von Lewis Carroll und illustriert von John Tenniel. Das Buch revolutionierte nicht nur die Sparte Kinderliteratur. Zugleich repräsentierte es den Wandel von Buchproduktion und Buchgestaltung, wie er sich von etwa 1860 bis 1914, d.h. im Golden Age of Illustration entwickelte und vollzog. Der außerordentliche Boom, den illustrierte Bücher und Magazine seinerzeit erlebten, ergab sich aus neuen Reproduktionstechniken. Durch die Erfindung des Holzstichs war es erstmals möglich, ein Bild in hoher Auflage ohne signifikanten Qualitätsverlust und auf der gleichen Seite neben dem Text zu drucken. Durch diese drucktechnische Möglichkeit wurden Bilder allgegenwärtig und bisherige Sehgewohnheiten der Betrachter verändert. Durch die nun einfach herstellbare Kombination von Text  und Bild konnten neue, heterogene Leserschichten angelockt und als anhängliche Konsumenten ans bebilderte Buch gebunden werden. 

Auch »Alice’s Adventures in Wonderland« war auf diese Weise höchst erfolgreich. Denn Carrolls Erzählung und Tenniels Illustrationen formten sich beim Publikum zu einer Einheit, in der Text und Bild sich unverzichtbar und gleichberechtigt ergänzten. »The book […] is a unity of dual origin in dual form. In no other case […] has an idea been expressed in two media in such perfect Accord.«[1] Der Erfolg des Buches verdankte sich Tenniels bildkünstlerischer Umsetzung von Carrolls bildhafter Schreibweise. Die enorme Bildlichkeit des erzählenden Textes war allerdings bereits eine Reaktion auf die veränderte Wahrnehmung durch die neuartige Omnipräsenz des (leicht reproduzierbaren) Bildes.  

Illustration von J.Tenniel. In: Carroll, Lewis: Alice’s Adventures in Wonderland. London: Macmillan, 1866.[Bildunterschrift / Subline]: Illustration von J.Tenniel. In: Carroll, Lewis: Alice’s Adventures in Wonderland. London: Macmillan, 1866.

Die Bebilderung eines Buches veränderte die Gestaltung des Textes. Der Autor musste nämlich nun nicht mehr alles für den Leser sichtbar beschreiben, sondern konnte die Beschreibung teilweise dem Illustrator überlassen. Mit Blick auf die dadurch eröffneten künstlerischen Möglichkeiten machte Carroll die Synthese von Text und Bild zum Programm. Zur programmatischen Aussage verwandelt sich daher die im Eingangsabsatz des Buches platzierte naive Frage seiner Protagonistin: »and what is the use of a book […] without pictures or conversations?«[2]

Dementsprechend fragt die Arbeit also: Welche Beziehung geht der Text von »Alice’s Adventures in Wonderland« zum Bild ein? Welche Entscheidungen muss der Bildkünstler bei der Gestaltung der Illustration treffen, um Vorgaben des Autors und Erwartungen des Publikums gleichermaßen zu erfüllen? Welche Folgen zeitigt die Mitwirkung des Illustrators auf das gesamte Buch? Fragen dieser Art gewinnen an grundsätzlicher Bedeutung, wenn Sie an ein Buch gestellt werden, das – wie Alices berühmte Abenteuer – im Lauf der Zeit von mehreren Künstlern bearbeitet wurde.

Im Oktober 1907 lief das Copyright für Carrolls Text aus. Tenniels Holzstiche hingegen waren  weiterhin urheberrechtlich geschützt. Gegen diese – schon Kult gewordene – Einheit anzeichnen zu wollen oder zu müssen und durch eine eigene Visualisierung eine neu(artig)e Sicht auf Wunderland zu entfalten, bedeutete eine große Herausforderung für jeden Illustrator. Trotzdem erschienen Ende 1907 mindestens acht Neufassungen. Da sie alle etwa zeitgleich publiziert wurden, konnten die Illustratoren nicht voneinander kopieren, sondern sich nur mit dem Tenniel’schen Vorbild auseinandersetzen.

 

Links: Illustration von A. Rackham. In: Carroll, Lewis: Alice’s Adventures in Wonderland. London: Heinemann 1907. Rechts: Illustration von M. Sowerby. In: Carroll, Lewis: Alice’s Adventures in Wonderland. London: Chatto and Windus, 1907.[Bildunterschrift / Subline]: Links: Illustration von A. Rackham. In: Carroll, Lewis: Alice’s Adventures in Wonderland. London: Heinemann 1907. Rechts: Illustration von M. Sowerby. In: Carroll, Lewis: Alice’s Adventures in Wonderland. London: Chatto and Windus, 1907.

Bislang wurden diese Illustrationen von der Forschung keiner intensiven Analyse unterzogen, vermutlich weil sie – verglichen mit Tenniels Arbeiten – als minderwertig, unerheblich, vernachlässigbar eingeschätzt wurden. Die Absicht, diese Vorurteile auf ihre Berechtigung zu überprüfen, motivierte die Masterarbeit. Um die Leistung der Nachfolger erkennen zu können, galt es zunächst, die gemeinsamen Anstrengungen der Vorgänger um die Einheit von Bild und Text zu untersuchen.

Dass die Illustratorengruppe von 1907 den Vergleich mit Tenniel nicht zu scheuen braucht, war dann zu entdecken bei der Untersuchung ihrer Arbeitsweise entlang folgender Leitfragen: Von welchen unterschiedlichen Ansätzen gingen sie aus? Aus welcher subjektiven Perspektive betrachteten sie die Textvorlage? Mit welchen traditionellen oder innovativen Verbildlichungsstrategien gestalteten sie ihre Illustrationen? Wie und warum sie zu eigenständigen Lösungen kamen, durch die sie sich vom übermächtigen Vorbild emanzipierten, wurde an drei Vertretern dieser zweiten Generation deutlich profiliert. Arthur Rackham, der die heute noch immer gedruckte Bebilderung der Luxusausgabe schuf, und W. H. Walker, der eine Billigversion mit Illustrationen ausstattete, bewegten sich auf ihrem emanzipatorischen Weg kreativ zwischen Anschluss und Absetzung. Millicent Sowerby hingegen vollzog in ihrer von origineller Eigenständigkeit gekennzeichneten Illustrierung eine völlige Emanzipation, die bezeichnenderweise als „uninspiriert“ verrissen wurde. Dass aber alles, was damals der Kritik würdig erachtet worden ist, heute als Vorzug gewürdigt werden kann, gehört zu den spannendsten Neuentdeckungen dieser Arbeit.

 

Literaturnachweis:

[1] Pamela Tennant, »The Children and the pictures«, The Academy no. 01.12. 1907 (1907). S. 213.

[2] Lewis Carroll, Alice's adventures in Wonderland (London: Macmillan, 1870 [1865]). S. 1.

 

Weiterführende Links:


Barbara Uhlig
* 1983, München

Stationen
  • seit Oktober 2010
  • Vorbereitung der Promotion zum Thema »Angst und das Phantastische – zum Werk von Lorenzo Mattotti«
  • 2008–2010
  • Masterstudium Elitestudiengang Historische Kunst- und Bilddiskurse in Eichstätt, München und Augsburg
  • 2002-2007
  • Studium der Theaterwissenschaft, vor- und frühgeschichtlichen Archäologie und Romanistik an der Ludwig-Maximilians-Universität München

Wissenschaftliche Tagungen
  • Juni 2010
  • 7. Internationale Frühjahrsakademie (Proartibus-Netzwerk) Florenz: Vortrag zu den Selbstporträts Arnulf Rainers