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Forschungsarbeit

Kunst im ländlichen Raum – Geographische Aspekte künstlerischer Einrichtungen abseits ihrer kernstädtischen Traditionsstandorte

Von Jasmin Stöcker (30.06.2010)

Kunst und ihre Institutionen zählen üblicherweise zu den Charakteristika großer Städte. Theater, Galerien, der (hochkarätige) Kunsthandel, Auktionshäuser, Ateliers bildender Künstler, Konzerthallen usw. werden in der Regel als städtische Institutionen gesehen und sind insbesondere aus deren großen Zentren bekannt. Hier gehören sie zu jenem "complex set of urban cultural infrastructures" [1], die als weiche Standortfaktoren wesentlich zum Image, zur Attraktivität und zur Identifikation beitragen [2]. Sie lassen sich jedoch auch – und im Zusammenhang allgemeiner gesellschaftlicher Entwicklungen immer häufiger – im ländlichen Raum finden.

Grundsätzlich können die unterschiedlichen, hochwertigen künstlerischen Einrichtungen dort keinenfalls zusammengefasst werden. Zwar weisen sie Gemeinsamkeiten auf, wie z.B. ihre meist starke Bindung an einzelne Persönlichkeiten und die damit oft verbundene Koppelung an das private Wohnumfeld im ländlichen Raum. Darüber hinaus ergeben sich jedoch erhebliche sachliche Unterschiede – etwa im Zusammenhang mit ihrer wirtschaftlichen Relevanz, ihrer sozialen oder fiskalischen Ausstrahlung sowie weiterer Disktinktionsgewinne.

Abb. 1: "Galerie unter freiem Himmel": Skulpturenpark Katzow. Quelle: Aufnahme J. Stöcker 2004.[Bildunterschrift / Subline]: Abb. 1: "Galerie unter freiem Himmel": Skulpturenpark Katzow. Quelle: Aufnahme J. Stöcker 2004.

Mit Ausnahme von Theatern lassen sich für Kunstinstitutionen im ländlichen Raum beispielsweise kaum Standortpersistenzen nachweisen. Die Einrichtungen sind deshalb in der Regel eher jungen Datums. Dennoch sind künstlerische Institutionen eher in Ausnahmefällen dem Publikum bzw. den Kunden im Zuge der Suburbanisierung (im Zusammenhang etwa mit einem grundsätzlichen Paradigmenwechsel bezüglich der städtischen Peripherie, der zu einer "funktionale Aufwertung" insbesondere durch "qualitatives Wachstum" [3] führte) ins Stadtumland gefolgt bzw. wurden dort von vornherein neu gegründet, weil durch zugezogene Bewohner eine entsprechende Nachfrage entstanden war. Initiationen außerhalb größerer Städte liegen vielmehr meist individuelle Entscheidungen zu Grunde, deren Motive sich in einem breiteren Spektrum bewegen (z.B. Nutzung von bestehendem Baubestand und touristischem Potential, Ausdruck unterschiedlichster ideeller Intentionen etc.) (Abb.1 ).

Zudem handelt es sich bei der überwiegenden Zahl der künstlerischen Institutionen im ländlichen Raum aktuell um "gewachsene" Einrichtungen, die an ihrem unüblichen Standort einem erheblichen Legitimationsdruck unterliegen, zumal sie – zumindest in ihren Anfängen – vielfach kaum von externen Instanzen beeinflusst waren und zum Teil noch immer noch nicht beeinflusst werden. Ihre Steuerungsmechanismen scheinen deshalb in vielen Fällen überraschend wirksam zu sein.

Abb. 2: Besuchereinzugsbereich des "Musikfestivals im Chiemgau" auf Gut Immling.[Bildunterschrift / Subline]: Abb. 2: Besuchereinzugsbereich des "Musikfestivals im Chiemgau" auf Gut Immling.

Ungeachtet von Tendenzen des sog. "Anti-Urbanismus" ergeben sich für Kunsteinrichtungen im ländlichen Raum aus dem Standort außerhalb der städtischen Zentren zwar Nachteile, wie etwa ein geringeres endogenes Besucher- bzw. Kundenpotential. Diese werden in der Regel aber durch andere Vorteile aufgewogen oder können durch entsprechende, z.T. sehr kreative Maßnahmen weitestgehend ausgeglichen werden. In diesen Ausgleichsstrategien spiegelt sich zugleich vielfach die innere Differenzierung des ländlichen Raumes in relativ stadt- oder ballungsraumnahe suburbane Bereiche und periphere Regionen wieder.

Kunstinstitutionen im ländlichen Raum übernehmen u.a. wirtschaftliche und touristische Funktionen im ländlichen Raum und spielen zudem für die lokale Bevölkerung eine gewisse Rolle. Das Ausmaß dieser Kräfte, insbesondere in ökonomischer Hinsicht, ist allerdings von verschiedenen Faktoren abhängig und nicht nur zwischen den einzelnen Kunstkategorien sehr verschieden. Ferner hängt es z.B. vom Grad ihrer Institutionalisierung, von ihrem Einfluss als fremdenverkehrsrelevante Einrichtung (vgl. z.B. Koppelungsaktivitäten), von dem individuellen Engagement der verantwortlichen Persönlichkeit und der Einbindung der lokalen Bevölkerung, z.B. als Statisten oder im Zusammenhang mit der Bewirtung, und nicht zuletzt von ihrem Standort innerhalb des ländlichen Raums (z.B. zentrumsnah in der Suburbia, im touristisch attraktiven ländlichen Raum) ab (vgl. Abb. 2): Die Fremdeinschätzung hinsichtlich der Bedeutung dieser Funktionen, etwa seitens Tourismusbüros, übertrifft in der Regel die tatsächlichen Wirkungen allerdings z.T. erheblich (vgl. Abb.3).

Abb. 3: Kopplungsaktivitäten von Besuchern ausgewählter künstlerischer Einrichtungen im ländlichen Raum.[Bildunterschrift / Subline]: Abb. 3: Kopplungsaktivitäten von Besuchern ausgewählter künstlerischer Einrichtungen im ländlichen Raum.

Zwischen künstlerischen Institutionen sowie zwischen ihnen und ihrem lokalen Umfeld bestehen traditionelle Netzwerkstrukturen eher in Ausnahmefällen. Interaktionen zwischen einzelnen Kunstmarktteilnehmern einer Sparte können in besonderen Fällen jedoch zu einer Agglomeration künstlerischer Einrichtungen im ländlichen Raum beitragen. Eine wirkungsvolle Zusammenarbeit zwischen den Institutionen unterschiedlicher Bereiche (z.B. zw. Theatern und Konzertveranstaltungen), gibt es dagegen noch seltener und wenn, dann meist nur über einen gemeinsamen verbindenden, fast immer institutionalisierten Faktor (z.B. Tourismusinformationen). Insofern kommt es zur Clusterbildung unterschiedlicher Einrichtungen (z.B. Sommerhausen) im ländlichen Raum eher selten und ist vielfach lediglich in (historisch tradierten) Künstlerkolonien zu finden.

Literaturnachweis:

[1] Vgl. HELBRECHT, I. (1998): The Creative Metropolis. Services, Symbols and Spaces. In: International Journal of Architectural Theory 3 (1). (= www.tu-cottbus.de/BTU/Fak2/TheoArch/wolke/X-positionen/Helbrecht/helbrecht.html ).

[2] Vgl. ENGERT, K. (1997): Kunst, Kultur und Kreativität in einer Metropole. Stadtgeographische und stadtwirtschaftliche Implikationen einer empirischen Untersuchung in Mailand. (= Bremer Beiträge zur Geographie und Raumplanung, Heft 32).

[3] Vgl. BURDACK, J. (2005): Die metropolitane Peripherie zwischen suburbanen und postsuburbanen Entwicklungen. Diskurse und Methodik der Untersuchung. In: Europäische metropolitane Peripherien. Hg. von J. Burdack, G. Herfert und R. Rudolph. Leipzig, 8 – 23.


Jasmin Stöcker, geb. Küspert
Jasmin Stöcker, geb. Küspert
* 1979, Hof/Saale

Stationen
  • 1998-2003
  • Studium für Lehramt an Gymnasien in Bayern in den Fächern Geographie und Deutsch
  • 2003
  • Beginn der Promotion (Disputatio am 1. Dezember 2008)
  • 1. Staatsexamen in den Fächern Geographie und Deutsch
  • 2006
  • 1. Staatsexamen für Lehramt an Gymnasien in Bayern im Fach Geschichte
  • 2008
  • 2. Staatsexamen für Lehramt an Gymnasien in Bayern in den Fächern Geographie, Deutsch und Geschichte

Auslandsaufenthalte
  • 2000-2002
  • Teilnahme an Forschungsreisen u.a. nach Albanien

Veröffentlichungen
  • Küspert, Jasmin und Hans Becker (2004): Theater im ländlichen Raum Frankens. Geographische Aspekte einer Kunstkategorie abseits ihrer kernstädtischen Traditionsstandorte. In: Mitteilungen d. Fränkischen Geograph. Gesellschaft 50/51: S. 249 – 271