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Forschungsarbeit

Hervorbringungen: Lektüren ausgewählter Texte von Knut Hamsun, August Strindberg und R. M. Rilke

Von Irina Hron-Öberg (7.12.2010)

Bereits die ersten flüchtigen Notizen zu meiner Arbeit waren einem der grundlegenden Momente des Schöpferischen gewidmet: der unhintergehbaren Nachträglichkeit alles Geschaffenen. Am Anfang stand und steht nach wie vor die Faszination, die von der Machtlosigkeit des (ästhetischen) Subjekts ausgeht, dem sein eigener Ursprung abhanden gekommen ist. In dem Augenblick, in dem es zu sich selbst kommt, ist das Geschöpf bereits vorhanden. Es ist bereits geschaffen und damit gefangen in der Rolle des ewigen Zweiten, im Wettlauf um den originären Schöpfungsakt. Doch wem gebührt der erste Platz in diesem Rennen um den einen Anfang?

Es war Immanuel Kant, der den Schöpfungsbericht aus dem ersten Buch Mose einer idiosynkratischen Lektüre unterzog. Infolge der Kantschen Lesart verdankt sich die Geburt des Subjekts seiner Vernunftbegabtheit und ist folglich nicht länger göttlichem Ermessen  unterworfen. Diese Subjektphilosophie, die von einem neuen „Anfang der Menschengeschichte“ (so der Titel der Kantschen Abhandlung) erzählt, spiegelt sich auch in der  modernen Literatur wider, welche Schöpfung nicht mehr notwendigerweise als göttliches Privileg betrachtet. Ein gutes Jahrhundert später formuliert Friedrich Nietzsche den überstrapazierten Satz vom Tode Gottes und legt damit den Finger auf ein epochemachendes Phänomen: Religion in all ihren Spielarten findet in der Umbruchsperiode um 1900 ihren Gegensatz in einem stark naturwissenschaftlich und immer nachdrücklicher technizistischen Weltverständnis, während Sigmund Freud, C.G. Jung und andere weiter an ihrer Kritik am Projekt der Aufklärung schreiben und das Unbewußte des Seelenlebens (er)finden. Vor diesem oszillierenden geistesgeschichtlichen Hintergrund bildet sich um die Jahrhundertwende eine Literatur heraus, in welcher künstlerische und naturwissenschaftliche Schöpfungsfragen in zunehmendem Maße die Texte durchziehen. Die Figur des Schöpfers ersteht wieder auf – im Bilde des Künstlers, des (Natur)forschers oder des vereinzelten und vereinsamten Subjekts. Um der Vielschichtigkeit solcher Schöpfungsvorstellungen um 1900 gerecht zu werden, wird der Schöpfungsbegriff eingetauscht gegen eine durchlässigere, für die unterschiedlichen Facetten empfängliche Begrifflichkeit: Hervorbringung.

Abb. 1: Darwins Handschrift, Naturhistorisches Museum Wien (Foto: Irina Hron-Öberg, 2010).[Bildunterschrift / Subline]: Abb. 1: Darwins Handschrift, Naturhistorisches Museum Wien (Foto: Irina Hron-Öberg, 2010).

Hauptakteur, der alle Lektüren miteinander verbindet, ist die kreativ-schöpferische, hervorbringende Instanz: das vielstrapazierte Subjekt der Moderne. Dieses versucht sich unentwegt am Projekt, die eigene Nachträglichkeit bzw. Nachgeborenheit einzuholen. Nachträglichkeit meint hier jede Form der Abhängigkeit – sei es nun hinsichtlich einer mütterlichen, einer väterlichen, einer natürlich-kosmischen oder aber  einer göttlichen Instanz. Angekämpft wird gegen eiserne Gesetze: das Gesetz Gottes, das Gesetz der Natur oder das Gesetz des Vaters. Diesen drei Übermächten gegenüber versucht sich das Geschöpf als originär Hervorbringendes zu behaupten und geht dafür auf die Suche nach Strategien der Überwindung des eigenen immer schon Angefangenseins. In den einzelnen Lektüren spitzt sich dies auf den Topos des Kampfes zu, nämlich des Kampfes auf das Vorrecht zu schöpfen und damit auf ein Heraustreten aus der „nachkopernikanischen Unerheblichkeit“, wie es Blumenberg so trefflich formuliert hat. Hervorbringungen erweisen sich als Unstetigkeitsstellen im Text, an denen sich die Fragen von Anfang und Ursprung, von Originalität und Kreativität verdichten.

Anhand dreier bedeutender Romantexten der Jahrhundertwende um 1900 lassen sich die Imaginationen des Hervorbringens sichtbar machen und systematisch analysieren. Die „Romanstücke“ unter dem Titel Sult (dt. Hunger) des Norwegers Knut Hamsuns machen den Anfang. Darauf folgt August Strindbergs Schärenroman I havsbandet (aus dem Schwedischen übersetzt mit Am offenen Meer) und die Triade schließt sich mit Rainer Maria Rilkes fragmenthaften Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge. Jeder der drei Texte verbirgt dabei einen eigenständigen semantischen Bereich zwischen seinen Buchdeckeln. Während bei Hamsun religiös-theologisch aufgeladene Semantiken des Schöpfens und Erschaffens den Text modulieren, strotzt der Strindbergsche Roman von naturwissenschaftlich unterlegten Figuren des Fabrizierens, des Produzierens und des Reproduzierens. Bei Rilke schließlich, sind es genealogische Imaginationen von Generation, von Zeugung und Geburt, die ins Zentrum der analytischen Aufmerksamkeit rücken.

Abb. 2: „Sult“ von Nina Sundbye (Foto und Bearbeitung: Irina Hron-Öberg, Grimstad 2009).[Bildunterschrift / Subline]: Abb. 2: „Sult“ von Nina Sundbye (Foto und Bearbeitung: Irina Hron-Öberg, Grimstad 2009).

Tatsächlich setzt Hamsuns Sult/Hunger (1890) unmittelbar ein mit einer Darstellung des Konkurrenzverhältnisses zwischen Schöpfer und Geschöpf, zwischen Gott und dem hoffnungslos ausgelieferten Subjekt. Der Kampf wird mit rein ästhetischen Mitteln geführt und die wichtigste Waffe ist, wie sollte es auch anders sein – das Buch. Mittels einer Reihe von Missbräuchen des „Buches der Bücher“, der Bibel, wird die Auflehnung gegen den „Herrn des Buches“ konturiert. Durch eine Reihe von Schöpfungen und Gegenschöpfungen wird die Einmaligkeit der göttlichen Schöpfung herausgefordert und den Höhepunkt bildet die Zurücknahme des biblischen Schöpfungsberichts in der Figur einer creatio ex nihilo, einer Schöpfung aus dem Nichts. In summa ergeben diese Lesarten ein Verzeichnis von Strategien, die  allesamt darauf abzielen, die göttlichen Privilegien in Frage zu stellen und schließlich ganz zu vereinnahmen. Die Heilige Schrift wird durch einen anderen Text ersetzt und aus dem „Buch für alle“ wird das „Buch von einem“ oder mit Nietzsche „Ein Buch für alle und Keinen“.

Eine völlig andere Szenerie eröffnet sich in Strindbergs Schärenroman I havsbandet/Am offenen Meer (1889), wo uns der Held in Gestalt eines genialischen Forschers und Naturwissenschaftlers entgegentritt. Dieser ist besessen vom Phantasma des eigenmächtigen Fabrizierens und lebt in einem klar bemessenen, technokratischen Weltverhältnis, das in erster Linie auf die Beherrschung der Naturgesetze ausgerichtet ist. Der skandinavische Schärengürtel (havsband) bildet dabei einen Grenzraum der Selbstermächtigung, in dem es scheinbar keinen Platz mehr für Religion oder einen göttlichen Schöpfer gibt. Hier ist es die Natur, die die Gesetze macht, und die ihrem Konkurrenten in Gestalt des ambivalent-brillanten Intendanten Borg begegnet, welcher mit seiner „Hirnbatterie“ an der Spitze der Evolutionskette steht. Beim Vergleich mit den Schriften von Charles Darwin, Ernst Haeckel, Carl von Linné und anderen Gelehrten entsteht das Bild eines Naturforschers, der von einem unerschöpflichen Willen zu klassifizieren, zu systematisieren und hervorzubringen getrieben ist. Erklärtes Ziel ist das Ordnen und Katalogisieren alles Lebendigen, was einen wesentlichen Teil von Borgs Naturbeherrschung ausmacht. Hinter einer solchen Ordnungswut verbirgt sich die Überzeugung, dass die ganze Natur in einer deskriptiven Taxonomie erfasst werden und damit das Welträtsel (Haeckel) gelöst werden kann. Deutlicher lässt sich der Topos vom „Kampf des Technokraten mit der Natur“ kaum intonieren. 

Abb. 3: Systematisieren: Die Ordnung der Muscheln (Foto: Irina Hron-Öberg, Wien 2010).[Bildunterschrift / Subline]: Abb. 3: Systematisieren: Die Ordnung der Muscheln (Foto: Irina Hron-Öberg, Wien 2010).

In Rainer Maria Rilkes Romanfragment Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge (ab 1904) münden die Akte des Hervorbringens in eine Umkehrfigur, die sich als Zurücknahme von Genealogie entpuppt. Jede Vorstellung einer Herkunfts- oder Folgelogik, die in eine lineare Familiengeschichte münden könnte, wird ins Leere geführt. Stattdessen wird die genealogische Kette durch ein einziges, vereinzeltes Subjekt ersetzt, das selbst einen Anfang machen soll: Bei Rilke gibt es keine Mehrzahlen mehr, sondern bloß noch „unzählige Einzahlen“.

All diese „Hervorbringungen“ erzählen unentwegt von der Narrativisierung des philosophisch (nahezu) unlösbaren Problems der Nachträglichkeit der Geschöpfe. Allesamt sind es Geschichten des Zuspätkommens. Erst durch die Übersetzung ins Medium der Literatur öffnet sich eine verschlossene Tür und erlaubt einen momenthaften Blick in die Werkstätte des Hervorbringens.

Weiterführende Links:


Irina Hron-Öberg
Icon Irina Hron-Öberg
* 1982, Wien
Stationen
  • 2011 (ab März)
  • Forschungsstipendiatin an der Universitetet i Agder, Norwegen
  • 2011
  • Vortrag auf einer Veranstaltung der DFG-Forschergruppe ›Anfänge (in) der Moderne‹ (LMU München)
  • 2010
  • Koordinatorin des internationalen Workshops ›Einheitsdenken nach der Postmoderne – Figuren von Einheit, Präsenz und Transzendenz um die Jahrtausendwende‹ an der LMU München
  • seit 2010
  • Lehrbeauftragte am Institut für Slavische Philologie und am Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft (LMU München)
  • 2008-2009
  • Mitarbeiterin im slavistischen Teilprojekt der DFG-Forschergruppe ›Anfänge (in) der Moderne‹
  • 2008
  • Praktikum in der Kulturabteilung des Goethe-Instituts Norwegen sowie projektbezogene Zusammenarbeit mit Vertretern der Kulturinstitutionen und europäischen Botschaften in Oslo
  • seit 2008
  • Konferenzvorträge in Oxford, München, Oslo, London und Göteborg
  • 2007
  • Mitglied des Münchner ›Promotionsstudiengangs Literaturwissenschaft‹ (ProLit)
  • 2007
  • Magister Artium (M.A.) mit Auszeichnung (LMU München)
  • 2004-2006
  • Internship in der Unternehmenskommunikation der Henkel KGaA
  • seit 2003
  • Hilfskraft, Tutorin und Seminarleiterin an verschiedenen Instituten der LMU München
  • 2002-2007
  • Studium der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft, Interkulturellen Kommunikation und Neueren Deutschen Literatur an der Ludwig-Maximilians-Universität München

Stipendien und Akademische Förderungen
  • 2011
  • Research Fellowship des Research Council of Norway (Norges Forskningsråd)
  • 2010-2011
  • LMU-Abschlussstipendium für hochqualifizierte Doktoranden (GraduateCenter-LMU)
  • 2010
  • Veranstaltungsförderung für die Organisation der internationalen Konferenz ›Einheitsdenken nach der Postmoderne‹, gemeinsam mit PD Dr. Raoul Eshelman
  • 2009
  • Kongressstipendium des DAAD zur Förderung von Konferenzteilnahmen
  • 2008-2010
  • Forschungsstipendiatin des Elitenetzwerk Bayern
  • 2006
  • Auslandsstipendium des CNSA zur Förderung der Teilnahme an einer ›Summer School‹ in Norwegen

Veröffentlichungen
  • Conference proceedings „Thinking in Unity after Postmodernism. Figures of Unity, Presence, and Transcendence at the Millennium”, hrsg. v. Irina Hron-Öberg und Judith Wambacq. Nordhausen: Traugott Bautz, 2011. [in Vorbereitung]
  • „“Speak your word and break!”. Figures of Decomposition and Creative Recomposition in Knut Hamsun’s Hunger.“ In: Crossing Boundaries: The Making and Circulation of Art and Literature, hrsg. v. A. Rinhaug. Lanham 2011. [in Vorbereitung]
  • „‚Grenzwertige Begegnungen’. Spiegelflächen, Hörgrenzen und Sprachwirbel um 1900: Thomas Manns Wälsungenblut und Hofmannsthals Ein Brief.“ In: Jahrhundert(w)ende(n), hrsg. v. Julia S. Happ. Berlin: LIT-Verlag, 2009: 143-178.
  • „»Der Fortpflanzung soll gedient werden. Lasst sie zeugen und sterben.« Vom Zeugen und Gebären um 1900: Herman Bangs Det hvide Hus und Det graa Hus.“ In: Herman-Bang-Studien. Neue Texte – neue Kontexte, hrsg. v. A. Heitmann, München 2008, S. 223-257.