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Forschungsarbeit

Zwischen Anpassung und Abgrenzung – Integration und Transformationsprozesse der Hmong in den USA

Von Grit Grigoleit (05.03.2010)

In der gängigen Literatur zur Einwanderung und in der politischen Rhetorik werden Gesellschaften häufig als geschlossene Einheiten, die sich durch eine spezifische Wirtschaft, eine distinktive Kultur und eine lineare Historizität ausweisen, kontextualisiert. Zugrunde gelegt wird dabei ein klassisches Kulturkonzept, dass die Kongruenz von Kollektiv und Kultur betont. Demnach gibt es geschlossene, von Kontinuität geprägte und nach außen hin eindeutig abgrenzbare Kulturen, die die Gewohnheiten und Wertvorstellungen von Individuen determinieren. Für die Integration eingewanderter Bevölkerungsgruppen lassen sich daraus zwei Szenarien ableiten: Entweder sie kommen der Forderung nach einer mehr oder minder erzwungenen Anpassung an die Nationalkultur des Aufnahmelandes beziehungsweise – wie im deutschen Sprachgebrauch – an eine 'Leitkultur' nach, wobei zumeist ungeklärt bleibt, wie diese im Einzelnen verlaufen soll und woran genau sie sich anzupassen haben, oder sie besinnen sich auf ihre Ursprungskultur. Die damit einhergehende Abgrenzung von der Mehrheitsgesellschaft und Orientierung hin zur fernen Heimat und den kulturellen Wurzeln wird zumeist unter dem Stichwort 'Parallelgesellschaft' verschlagwortet.

Mit dem in postmodernen Ansätzen eingeleiteteten Paradigmenwechsel mit der Betonung von Vielfalt, Differenz und Dynamik wurde dieses statische Modell unzureichend für die Darstellung der Lebenswirklichkeit von Einwandergruppen. Wie beispielsweise bei den Hmong, einer ethnischen Minderheit aus Festland-Südostasien und verhältnismäßig jungen Einwandergruppe in den USA. Ursprünglich in China beheimatet, migrierten sie im 19. Jahrhundert dem Sinisierungsdruck und den zahlreichen Konfliken um Landnutzung mit den Han-Chinesen ausweichend in die heutige Region Festland-Südostasien. Die Teilnahme der in Laos lebenden Hmong am sogenannten Secret War der USA hatte eine erneute Zwangsmigration zur Folge. Nach Beendigung des Krieges übernahm die kommunistische Bewegung Pathet Lao 1975 die Macht, woraufhin die Hmong der Kollaboration bezichtigt und als eine allgemeine Gefahr erachtet wurden, die es zu eliminieren galt. Tausende Hmong suchten daraufhin als politische Flüchtlinge in westlichen Ländern, wie in den USA, Frankreich, Australien und Kanada, Zuflucht. Diese erneute Zersplitterung ließ eine Situation entstehen, die als globale Diaspora bezeichnet werden kann.

Wat Tham Krabok, Thailand, Dez. 2004 (Aufnahme: Grit Grigoleit).[Bildunterschrift / Subline]: Abb. 1: Wat Tham Krabok, Thailand, Dez. 2004 (Aufnahme: Grit Grigoleit).

Wie gelang es nun einer sogenannten traditionellen Gemeinschaft wie den Hmong angesichts dieser Zerstreuungsituation ihre Identität in der 'Fremde' zu bewahren? Im Fokus der Untersuchung standen vor allem die Hmong, die in die USA emigrierten und sich im mittleren Western niederließen. Gegenwärtig ist in vielerlei Hinsicht eine Form der Anpassung an die US-amerikanische Mehrheitsgesellschaft zu beobachten. Die Annahme der Staatsbürgerschaft, das Wechseln des Namens und das Erlernen der englischen Sprache, all dies zeugt von einem 'Ankommen' in und einem 'Sich-einlassen' auf die neue Welt. Aus der ehemaligen Flüchtlingsgemeinde entstanden so heterogene, sozial und regional divergierende Kollektive. Gleichzeitig wurden aber auch die Bindungen zu den Orten der Herkunft und den damit verbundenen Traditionen bewahrt. Wonach richtet sich also, was in das 'Eigene' integriert wurde und was nicht? Welche kollektiven Gewohnheiten wurden bewahrt und welche veränderten sich? Wogegen wurde sich abgegrenzt? Abgrenzungsprozesse weisen häufig eine interessensgeleitete Dynamik auf. Wie veränderten sich diese in Bezug auf Gender und auf die nachfolgenden Generationen?

Zu diesen forschungsleitenden Fragen kam eine besondere Situation hinzu. In dem Zeitraum von Juni 2004 bis Frühjahr 2006 wurden zirka 15.000 Hmong-Flüchtlinge aus der als Flüchtlingslager bekanntgewordenen buddhistischen Tempelanlage Wat Tham Krabok in Thailand in die USA umgesiedelt. Ein Großteil der neuen Flüchtlinge ließ sich ebenfalls im Mittleren Westen vor allem im Bundesstaat Minnesota nieder. Nach einer nahezu 30-jährigen Trennung kam es nun erstmalig zu einer Begegnung zwischen 'amerikanisierten' Hmong und 'traditionellen', 'authentischen' Hmong aus Thailand. Diese Konstellation bot die Möglichkeit, intrakollektiven Veränderungen und etwaigen Abgrenzungsmechanismen nachzugehen. Denn die neue Gruppe Flüchtlinge zeichnete sich durch ein vergleichsweise hohes Maß an Kohäsion und Homogenität aus. Dies bedeutet, dass sie ihre Identität als authentisch Hmong erachteten, womit sie die Heterogenität des US-amerikanischen Hmong Kollektivs kontrastierten. Diese intraethnische Differenzierung übertrug sich alsbald in eine intrakollektive Abgrenzung, die vor allem von der jungen Generation vorgenommen wurde.

Sport Festival in der Hmong-Gemeinschaft von Minneapolis/St. Paul, Minnesota, im Juli 2005[Bildunterschrift / Subline]: Abb. 2: Sport Festival in der Hmong-Gemeinschaft von Minneapolis/St. Paul, Minnesota, im Juli 2005 (Aufnahme: Grit Grigoleit).

Auf Grundlage einer multi-sited Feldforschung in Thailand, Laos und dem Mittleren Westen der USA konnte eine "dichte" Darstellung der Lebenswirklichkeit der Hmong vorgenommen und Varianten der Integration vorgeführt werden. Diese empirische Grundlage ermöglichte zudem eine Präzisierung sozialer Phänomene wie Enklavenbildung und Abgrenzungen sowie von den häufig pauschalisierend verwandten Schlüsselkonzepten Diaspora, Ethnizität und Hybridität.

 


Grit Grigoleit
Grit Grigoleit
* 1978, Dresden

Stationen
  • Seit Juli 2009
  • Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der TU Hamburg-Harburg für das BMBF geförderte Verbundprojekt "Die Integration hochqualifizierter Migrantinnen in den deutschen Arbeitsmarkt"
  • Okt. 2008- Feb. 2009
  • Lehrbeauftragte am Lehrstuhl der Südostasienkunde II an der Universität Passau
  • 2004-2009
  • Promotion im Fachbereich der Amerikanistik. Forschungsschwerpunkte: Integration ethnischer Minderheiten in multikulturellen Gesellschaften, internationale Migration, Diaspora, Ethnizität
  • Aug. 2001-Jan. 2002
  • Studienaufenthalt an der University of South Alabama (USA), Mobile, USA
  • 1998-2004
  • Magisterstudiengang mit dem Hauptfach Südostasienkunde (Schwerpunkt: Laos, ethnische Minoritäten) und den Nebenfächern Amerikanistik (Schwerpunkt: Migrations- und Integrationsprozesse) und Wirtschaftswissenschaften

Forschungsaufenthalte
  • 2005
  • Minnesota, Wisconsin, USA, Datenerhebung für die Dissertation
  • Nov.-Dez. 2004
  • Thailand, Laos, Datenerhebung für die Dissertation
  • Feb.-April 2003
  • USA, Datenerhebung für die Magisterarbeit

Stipendien
  • April 2006 - Feb. 2009
  • Forschungsstipendium nach dem Bayerischen Eliteförderungsgesetz
  • März - Juni 2005
  • Kurzstipendium des DAAD für Doktoranden zur wissenschaftlichen Aus- und Fortbildung im Ausland

Veröffentlichungen
  • 1. "Integrationsvarianten. Die Hmong in den USA". Passau: Karl Stutz 2009.
  • 2. "Die Globale Diaspora der Hmong", in: Gesellschaft für Südostasienwissenschaften Wien (SEAS) (Hrsg.) Austrian Journal of Southeast-Asian Studies (ASEAS) 2007 (1):1-13.
  • 3. "Coming Home? The Integration of Hmong Refugees from Wat Tham Krabok, Thailand, into American Society", in: Hmong Studies Journal 2006 (7):1-22.