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Forschungsarbeit

Habitus der Scham – Die soziale Grammatik ungleicher Raumproduktion. Eine sozialgeographische Untersuchung der "Lebenswirklichkeit Favela" in Salvador da Bahia

Von Veronika Deffner (15.01.2010)

Die extrem hohe soziale Ungleichheit Brasiliens findet ihren räumlichen Ausdruck in den Metropolen in einer zunehmenden Polarisierung und Multifragmentierung des Raumes. Wesentliche Kennzeichen sind die "Einbunkerung" der wohlhabenden Schichten in Hochhaustürmen, die rigide Isolierung ihrer Aktionsräume und demgegenüber die soziale wie räumliche Abkopplung der von Armut und wachsender Unsicherheit geprägten "Unterschichten" in Marginalvierteln, den sogenannten Favelas (vgl. Foto 1). Zunehmende Gewalt und Kriminalität verwandeln die Großstädte, gerade in der öffentlichen Wahrnehmung von außen und durch mediale Inszenierungen in höchstem Maße verstärkt, in kaum mehr kontrollier- und regierbare soziale Brennpunkte.

Dabei ist es in erster Linie der Alltag der armen Bevölkerungsgruppen, der von der größtenteils nach innen gerichteten Gewalt belastet und destabilisiert wird. Hinzu kommen Perspektivlosigkeit und Frustrationen aufgrund der Entbehrungen und der Nicht-Teilhabe am steigenden Konsumniveau. Die städtische "Unterschicht" ist als abhängiges und besitzloses "Heer" billiger Arbeitskräfte vollständig in das Wirtschafts- und Gesellschaftssystem integriert – jedoch in höchst asymmetrischer Weise. Sie stellt die Mehrheit der Bevölkerung dar, die sich gerade in Salvador nahezu vollständig aus Afrobrasilianern, den Nachfahren der einst aus Afrika verschleppten Sklaven, zusammensetzt (vgl. Foto 2). Damit ist nicht nur in der heutigen sozialen Struktur ein nach wie vor präsentes Erbe der kolonialhistorischen "Klassengesellschaft" zu sehen; auch das Ausbleiben revolutionärer Bewegungen gegen die soziale Ungerechtigkeit von der unterprivilegierten Bevölkerungsmehrheit scheint die vergleichsweise "konfliktarme" Geschichte Brasiliens fortzusetzen.

Gerade aufgrund des engen räumlichen Nebeneinanders sozioökonomischer Diskrepanzen im städtischen Raum und damit einhergehendem hohen Konfliktpotential stellt sich die Frage, welche Mechanismen dort für die gesellschaftliche Stabilität und die Perpetuierung der sozialen Machtverhältnisse und Missstände verantwortlich sind. Ausgehend von der Annahme, dass verborgene Mechanismen der Produktion und Reproduktion sozialer Ungleichheit in Gesellschaft und Raum existieren, wurde die soziale Alltagspraxis der städtischen Akteure und deren Umgang mit den ungleichen Lebensbedingungen untersucht.

Hochhaustürme und Favelas: Multifragmentierter Stadtraum in Salvador da Bahia (Nordost-Brasilien)[Bildunterschrift / Subline]: Foto 1. Hochhaustürme und Favelas: Multifragmentierter Stadtraum in Salvador da Bahia (Nordost-Brasilien). Aufnahme: V. Deffner, Mai 2005.

In verschiedenen mehrmonatigen Feldaufenthalten von 2004 bis 2007 erfolgte eine intensive empirische Untersuchung der "Lebenswirklichkeit Favela" aus handlungsorientierter Perspektive in Salvador. Neben den Favela-Bewohnern stellten die Vertreter der Mittel- und Oberschicht aus den unmittelbar angrenzenden Wohnhochhäusern eine wichtige Zielgruppe der Untersuchung dar, da die alltäglichen Lebenswelten beider Akteursgruppen vielfach miteinander verknüpft sind. Das Methodenspektrum aus dem Bereich der qualitativen Sozialforschung umfasste vor allem die teilnehmende Beobachtung und qualitative Interviews, mit Fokus auf problemzentrierten und biographischen Interviews. Den theoretischen Analyserahmen für die Analyse und Interpretation der empirischen Daten bildete Pierre Bourdieus’ Praxistheorie sowie das sozialkritische Denken Henri Lefebvres, mit Schwerpunkt auf seiner Theorie der Produktion des Raumes.

Die Lebenswirklichkeit der Favela-Bewohner wird in hohem Maße belastet durch rassistische Diskriminierung, soziale Exklusion (maßgeblich infolge struktureller Diskriminierung wie Benachteiligung im Bildungswesen, Ausschluss vom formellen Arbeitsmarkt usw.) und soziale Verurteilung als potentiell kriminell und gewaltbereit. Wie die Untersuchung zeigte, kommt es in der praktischen Alltagsbewältigung der Favela-Bewohner zu einer (notgedrungenen) Anpassung an die vorgefundenen limitierten Handlungsspielräume. Die damit einhergehende fehlende soziale Anerkennung als gleichwertige Bürgerinnen und Bürger und die Konstruktion einer "subalternen Staatsbürgerschaft" bringt Kompensations- und Verdrängungsstrategien hervor, um sich vor den alltäglichen Entbehrungen und Unterprivilegierungen zu schützen.

Leben in der Favela (Calabar, Salvador da Bahia)[Bildunterschrift / Subline]: Foto 2. Leben in der Favela (Calabar, Salvador da Bahia). Aufnahme: V. Deffner, Februar 2006.

Durch die stete Reproduktion größtenteils defensiver Handlungsmuster kommt es vielfach zu einer Verinnerlichung der vorgefundenen Lebenswirklichkeit und der sozialen Position als "Unterlegene". So kann sich auch bei den Unterprivilegierten ein präreflexiver Konsens mit einem ausgeprägten Set aus schamzentierten Praxisformen entwickeln, durch welche die Ungleichheit im Alltagsgeschehen weithin als "natürliche Gegebenheit" wahrgenommen und bewertet wird. Die aus einem solchen "Habitus der Scham" hervorgehenden und ihn wiederum verstärkende Praxisformen leisten einen unintendierten und verborgenen Beitrag zur Reproduktion der sozialen Machtverhältnisse. Soziale Grenzen werden damit "objektiv" nicht nur institutionell, politisch und "von oben" gezogen - ihre Manifestierung erfolgt auch "von unten", wenngleich diese Mechanismen vor allem für die darunter leidenden Akteure weitestgehend intransparent sind.

Dem Raum, verstanden als soziales Konstrukt und Produkt, kommt eine wichtige, in der sozialwissenschaftlichen Ungleichheitsforschung jedoch noch immer sehr marginal behandelte Funktion als Ungleichheitsdimension zu: Die diskursive Konstruktion des "Risikoraumes Favelas" stigmatisiert die Bewohner in hohem Maße und zieht zusätzlich zu den materiellen noch immaterielle Grenzen, welche die soziale Exklusion verstärken. Der Raum wirkt in Form negativen residentiellen Kapitals, d.h. als "schlechte Adresse", in hohem Maße verstärkend für die asymmetrischen Teilhabechancen an den gesamtgesellschaftlichen Dienstleistungen und Konsummöglichkeiten.


Veronika Deffner
Veronika Deffner
*1978, Karlsruhe

Stationen
  • 1997 - 2003
  • Studium der Geographie, Soziologie und Botanik an der Julius-Maximilians-Universität in Würzburg und der Université de Caen (Normandie/Frankreich), Abschluss als Diplom-Geographin
  • 2002/2003
  • Mitarbeit bei einem GTZ-Projekt auf Madagaskar
  • 2003 – 2008
  • Promotionsphase als Stipendiatin und Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Anthropogeographie an der Universität Passau, einschließlich verschiedener mehrmonatiger Feldaufenthalte in Salvador/Bahia (Brasilien)
  • seit 2009
  • Assistentin im Lehr- und Forschungsbereich Kulturgeographie an der RWTH Aachen

Preise und Auszeichnungen
  • 2003
  • Fakultätspreis der Geowissenschaftlichen Fakultät der Julius-Maximilians-Universität Würzburg
  • 2004
  • Förderpreis für NachwuchswissenschaftlerInnen auf dem Gebiet der Entwicklungsländerforschung (Stiftungspreis der KfW Entwicklungsbank und der Universität Gießen)

Stipendien
  • 2004 - 2005
  • Bayerische Graduiertenförderung
  • 2006
  • Stipendium des Hochschul- und Wissenschaftsprogramms für Frauen
  • 2006 - 2009
  • Forschungsstipendiatin